Wer nicht von der Blässe des wissenschaftsphilosophischen Nachdenkens angekränkelt ist, neigt vielleicht zu der spontanoptimistischen Einschätzung, es sei ganz einfach, Pseudowissenschaft zu entlarven.

Doch versuchen Sie einmal, sich mit einem entschlossenen Kreationisten auseinanderzusetzen. Er meint, die Welt sei, sagen wir, gerade einmal sechstausend Jahre alt. Sie weisen auf Datierungen von Gesteinen hin, die für ein Alter von mehr als einer Milliarde Jahren sprechen. Das entlockt dem anderen nur ein mitleidiges Lächeln: Wie kann man so naiv sein, sich auf die entsprechenden Datierungsverfahren zu verlassen? – Im Prinzip gar nicht so schlecht, würde Popper sagen, ja geradezu cool. In vielen sogenannten Beobachtungen und Messungen sowie deren Interpretation steckt Theorie drin, und diese Theorie könnte immerhin falsch sein. – Und außerdem, so weiter der Kreationist, müsse man selbst dann, wenn bei näherer Betrachtung noch so viel für die Zuverlässigkeit jener Verfahren sprechen sollte, sich darüber im Klaren sein, dass Gott stets bestrebt sei, den religiösen Glauben der Menschen auf die Probe zu stellen. Wäre nicht dies eine hervorragende Probe: Lasse alles Mögliche, darunter das, was sie mit ihrer Wissenschaft herausgebracht zu haben meinen, den Anschein erwecken, die Erde sei einige Milliarden Jahre alt; wenn sie dann trotzdem den „wahren“ Altersangaben, die sich vom Gläubigen mittels besonderer Einfühlungs- und Auslegungsmethoden aus heiligen Schriften ziehen lassen, Glauben schenken, dann haben sie die Probe bestanden. – Popper: Ja, das gibt’s, man kann Theorien, die (auch) den Bereich des Empirischen betreffen, gegen empirische Befunde immer wieder zu retten versuchen, indem man sie um spekulative ad hoc-Hypothesen erweitert.

Das Projekt einer Abgrenzung von Wissenschaft gegen Pseudowissenschaft, Nichtwissenschaft, Metaphysik (einer bestimmten Art), Dichtung und anderes, das in seiner Eigenart durchaus respektabel sein kann, nur vielleicht nicht mit Wissenschaft verwechselt werden sollte, ist also doch nicht so einfach durchzuführen? Wichtige Vertreter der Strömung des Logischen Empirismus, man könnte auch sagen: Angehörige und Sympathisanten des „Wiener Kreises“, und Theoretiker wie K. R. Popper als ein Exponent des Kritischen Rationalismus haben jedenfalls eine Menge gedanklicher Mühe auf die Abgrenzungsthematik verwendet. Andere wiederum haben die Möglichkeit einer Grenzziehung glatt bestritten: P. Feyerabend unter anarchoartigen Losungen wie „anything goes“ („goes in science“, war gemeint; in Feyerabend, Against Method, 1975), L. Laudan mit weniger provokativer Geste, aber in der Sache auch sehr bestimmt unter einer Aufsatzüberschrift wie „The Demise of the Demarcation Problem“ (1983).

Im Seminar sollen ausgewählte Arbeiten im Aufsatzformat zwischen den 1920er Jahren und heute besprochen werden, voraussichtlich von:

M. Schlick, K. R. Popper, H. Putnam, L. Laudan und M. Pigliucci.

Die vorgesehenen Lektüren werden Aufschlüsse über den Diskussionsverlauf innerhalb einer Zeitspanne von rund hundert Jahren geben und, hoffentlich, bei der eigenen Meinungsbildung helfen können.


Zeit: Dienstag, 16-18 Uhr
Ort: Geb. B2 2, Raum 1.02