Im Hinblick auf einige (nur wenige?) Bereiche des Kunstschaffens ist es nicht unplausibel, sich auf den Standpunkt zu stellen: Kunst ist und Kunstwerke sind, soweit den betreffenden Bereichen zugehörig, im Wesentlichen Information; Information, die natürlich auf irgendeine geeignete Weise physisch zugänglich gemacht werden muss, wenn eine Werkrezeption stattfinden soll.

So etwa für den Bereich der literarischen Werke: Man verfügt als Rezipient oder Rezipientin über ein Gedicht oder einen Roman, wenn man weiß, welches das erste Wort ist, welches das zweite ..., mit welchem Interpunktionszeichen der erste Satz abschließt, wie es dann weitergeht, wann der erste Absatz kommt, wann der nächste, usw. Auf eine bestimmte Art der physischen Realisierung einer solchen vergleichsweise abstrakten Informationsstruktur, die vor allem den Wortlaut ausmacht, kommt es nicht an, außer für den bibliophilen Sammler von Autographen, Erstausgaben, signierten Vorzugsausgaben und dergleichen. Schließlich kann man ja ganz unterschiedlich ausfallende Druckausgaben benutzen oder auch ein Hörbuch und muss dabei nicht befürchten, etwas vom Werk selbst zu verpassen, verglichen mit Benutzern anderer, womöglich teurerer Ausgaben oder Formate. Das Interesse des Bibliophilen dagegen scheint sich auf noch etwas anderes zu beziehen als das eigentliche Werk.

Dieser Befund wirft eine Reihe von Fragen auf: Ist in Kunstzweigen wie der Malerei oder der KünstlerDruckgrafik alles ganz anders? Etwa in der Weise, dass jedes Werk dort, statt ein Abstraktum zu sein, ein bestimmtes physisches Objekt ist? Falls ja, warum ist das so? Vielleicht deshalb, weil es in diesem Bereich Originale gibt? Gibt es denn im Bereich der sprachlichen Werke nur Reproduktionen? Sind etwa Ausgaben Fälschungen? Was ist aber mit der Druckgrafik, hat man dabei nicht in der Regel mehrere gleichberechtigte Originale? Wie kann das sein? Sind Entwicklungen denkbar (im Bereich der Techniken der Reproduktion), an deren gedanklich oder real auf die Spitze getriebenem Ende eine andere Sichtweise etwa auf den Status von Werken der Malerei stehen könnte? Eine andere als die vertraute und im Kunsthandel selbstverständliche “physizistische“ Sichtweise?

Dies sind Beispiele für Fragen, die in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche kunsttheoretische Debatten mit ontologischem Schwerpunkt geprägt haben. Im Seminar wollen wir solche Diskussionen kennenlernen und uns daran versuchen, einen eigenen Standpunkt zu gewinnen. Dabei arbeiten wir mit einer Textauswahl, die voraussichtlich umfassen wird:

Eine Reihe von Aufsätzen aus dem Sammelband Identität und Existenz – Studien zur Ontologie der Kunst (Paderborn 2003), hg. von R. Schmücker; W. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936, neu bei Suhrkamp ab 1963); Kap. IV („Die Ontologie des Kunstwerks“) von M. E. Reicher, Einführung in die philosophische Ästhetik (Darmstadt 2005).


Zeit: Dienstag, 18-20 Uhr
Ort: Geb. C7 2, CIP-Pool (0.05)