Wie soll ich mich entscheiden?“ – diese Frage kann man auf wenigstens zwei Arten verstehen. Entweder ist gemeint, welche Entscheidung rational wäre, angesichts der eigenen Interessen und Neigungen, oder es ist gemeint, welche moralisch richtig ist.

Theorien der rationalen Entscheidungen suchen Antworten auf Fragen im ersten Sinne. Grob gesprochen unterscheidet man dabei zwischen der (klassischen) Entscheidungstheorie, die in Fällen Anwendung findet, in denen die in Frage stehenden Handlungsalternativen isoliert betrachtet werden können, und der Spieltheorie, in der sich die Handelnden wechselseitig beeinflussen. Fragen im zweiten Sinne werden von Theorien der normativen Ethik behandelt.

Während die geläufigen Antworten in Theorien der rationalen Entscheidungen alle mehr oder minder versuchen, die richtige Entscheidung aufgrund des von den Handlungsalternativen verursachten Nutzens zu bestimmen, ist dieses Vorgehen im Bereich der normativen Ethik bloß für konsequentialistische Theorien charakteristisch, deren Hauptvertreter der Utilitarismus ist.

Inwiefern aber bestehen darüber hinaus Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Theorie-Komplexen? Und sind sie vielleicht sogar, wie John Harsanyis (1920 – 2000, Nobelpreis 1994) meinte, drei Zweige eines zusammenhängende, in der Entscheidungstheorie fundierten Programms?

Ziel des Seminars ist es zu untersuchen, ob und ggf. wie und zu welchem Preis man von der Entscheidungstheorie zum Konsequentialismus gelangen kann. Dies kann nur gelingen, wenn man über das nötige Wissen aus der normativen Ethik und der Theorien rationaler Entscheidungen verfügt. Während Ersteres im Wesentlichen in der Grundvorlesung „Einführung in die Ethik“ vermittelt wird, ist Letzteres sicherlich für die meisten Studenten Neuland.

Folglich wird ein erster großer Block dazu dienen, sowohl die klassische Entscheidungstheorie als auch die Spieltheorie in ihren Grundzügen kennenzulernen. Wie fälle ich eine vernünftige Entscheidung? Was macht eine Entscheidung zur für mich richtigen Entscheidung?

Wir werden zunächst mit einem historischen Überblick über die Wurzeln der Entscheidungstheorie beginnen und dann, in Auseinandersetzung mit „Theory of Games and Economic Behavior“ von von Neumann und Morgenstern (1944) zur systematischen Betrachtung übergehen. Wir werden uns der Erwartungsnutzenhypothese widmen, Arrows ‚Theorem‘ und vielleicht, bei Interesse, auch Savages Theorien zum Umgang mit unbekannten Wahrscheinlichkeiten. Im Anschluss werden wir uns dann einige einschlägige Veröffentlichungen John Harsanyis vornehmen und gemeinsam diskutieren. Die Auswahl treffen wir gemeinsam am Ende des einführenden Blocks, so dass die Interessen der Teilnehmer Berücksichtigung finden werden.

Das Seminar setzt keine besonderen mathematischen Kenntnisse oder Fähigkeiten voraus, wohl aber die Bereitschaft, sich auch mit formalen Theorien auf einem angemessenen Niveau der Abstraktion zu beschäftigen.

Verweise:

  • Arrow, Kenneth. „A Difficulty in the Concept of Social Welfare.“ Journal of Political Economy 58, Nr. 4 (1950): 328–346.
  • Arrow, Kenneth, Amartya Sen, und Suzumura Kōtarō (Hrsg.). Handbook of Social Choice and Welfare. Bd. 1. Elsevier, 2002.
  • Harsanyi, John. „Bayesian Decision Theory and Utilitarian Ethics.“ The American Economic Review 68, Nr. 2 (1978): 223–228.
  • Harsanyi, John. „Bayesian Decision Theory, Rule Utilitarianism, and Arrow's Impossibility Theorem.“ Theory and Decision 11, Nr. 3 (1979): 289–317.
  • Harsanyi, John. „Cardinal Welfare, Individualistic Ethics, and Interpersonal Comparisions of Utility.“ The Journal of Political Economy 64, Nr. 4 (1955): 309–321.
  • Harsanyi, John. „Morality and the Theory of Rational Behavior.“ Social Research 44, Nr. 4 (1977): 623–656.
  • Harsanyi, John. „Rule Utilitarianism, Rights, Obligations and the Theory of Rational Behavior.“ Theory and Decision 12, Nr. 2 (1980): 115–133.
  • Harsanyi, John. „Rule Utilitarismus and Decision Theory.“ Erkenntnis 11, Nr. 1 (1977): 25–53.
  • Peterson, Martin. An Introduction to Decision Theory. Cambridge University Press, 2011. 
  • Resnik, Michael. Choices: Introduction to Decision Theory. University of Minnesota Press, 1987.
  • Spohn, Wolfgang. „Wie läßt sich die Spieltheorie verstehen?“ In Praktische Rationalität: Grundlagenprobleme und ethische Anwendungen des rational choice-Paradigmas, Herausgeber: Julian Nida-Rümelin, de Gruyter, 1993: 197-238.
  • von Neumann, John, und Oskar Morgenstern. Theory of Games and Economic Behavior. Princeton University Press, 1953.
Zeit: Donnerstag, 10-12 Uhr
Ort:  Geb. C5 2, Raum 2.02