Viele der im Alltag wichtigen Begriffe sind robust gegenüber kleinen Veränderungen: Beim Kochen etwa müssen wir nicht genau die Salzkörner zählen, ein paar mehr oder weniger versalzen die Suppe nicht; wer keine Glatze hat, braucht sich keine Sorgen zu machen, wenn ihm ein paar Haare ausgerissen werden – dadurch wird er nicht kahlköpfig; und ein kleiner Schluck Bier macht niemanden betrunken, der es nicht vorher schon war.

Dennoch haben auch vage Begriffe, die die oben angesprochene Toleranz aufweisen, klare Fälle, auf die sie bestimmt zutreffen oder bestimmt nicht zutreffen. Homer Simpson und Patrick Steward sind klare Fälle für Leute mit Glatze, Donald Trump hingegen – gegeben sein Haupthaar ist echt – ist zumindest klarerweise nicht kahlköpfig.

Diese beiden Phänomene passen aber vor dem Hintergrund der klassischen Logik nicht gut zusammen: Nimmt man einen klaren Fall und wendet nur oft genug die „einer ist keiner“-Toleranz-Regel an, so landet man bei einem klaren Fall des Gegenteils. Diese Toleranz hat also gewissermaßen ihre Grenzen: Wer – Salzkorn um Salzkorn – eine ganze Packung Salz in die Suppe rieseln lässt, macht diese ungenießbar versalzen; Homer Simpson hat bereits eine Glatze, auch bevor er seine letzten drei Haare verliert (ganz gleich, ob er die anderen Haare zuvor auf einmal oder einzeln verloren hat); und Barney Gumble wäre klarerweise auch betrunken, wenn er seine übliche Menge Bier im selben Zeitraum, allerdings in kleinen Schlucken trinken würde. Beidseitig klare Fälle vertragen sich nicht mit den Toleranzprinzipien von oben – zumindest nicht vor dem Hintergrund der klassischen Logik.

Die oben angedeutete Argumentform läuft auf einen Widerspruch hinaus und wird in der philosophischen Tradition als Sorites-Paradoxie bezeichnet. [„Sorites“ steht dabei für Haufen, mit dem sich eine analoge Überlegung leicht durchführen lässt: Kein Sand, kein Haufen (klarer Fall); ein Sandkorn macht nichts zum Haufen, das nicht vorher einer war (Toleranzprin-zip); zusammengenommen und sehr oft wiederholt ergibt die Argumentation, dass selbst alle Sandkörner der Sahara kegelförmig gestapelt kein Sandhaufen wären.]

An der Argumentation muss nun etwas faul sein – aber was? Ist das Toleranzprinzip – so gerne wir uns im Alltag darauf beziehen – nicht einfach falsch in voller Allgemeinheit? Aber das heißt umgekehrt, dass auch Begriffe, die uns vage erscheinen, eine feste Grenze hätten: Es gibt genau das eine ‚magische‘ Salz- und Sandkorn, das die Suppe versalzt und den Haufen erzeugt, das ‚magische‘ Haar, dessen Verlust plötzlich die Glatze beschert, und den einen Schluck Bier, den man nicht hätte trinken sollen, wollte man nüchtern bleiben.

Anders gesagt: Es gibt keine Grenzfälle, für die genuin unbestimmt ist, ob sie unter den Begriff fallen; der Unterschied zwischen den klaren und den Grenzfällen ist keiner in der Sache, sondern er besteht bestenfalls in unserem Wissen, in unserem Unvermögen, den Grenzfall epistemisch robust zu klassifizieren.

Diese letzte Lösungsskizze des Vagheitsproblems ist eine des Episemizismus (vertreten etwa von Timothy Williamson), der hier die klassische Logik heroisch verteidigt. Demgegenüber stehen aber zahlreiche Versuche, die Vagheitsthematik etwa durch Modifikation von Bestandteilen der klassischen Logik gut in den Griff zu bekommen und somit die unscharfe Begrenzung von Begriffen als genuines Phänomen behandeln zu können.

In diesem Kurs werden wir verschiedene Lösungsstrategien in Bezug auf vage Begriffe kennenlernen und kritisch diskutieren (eventuell wird es auch um die Frage nach vagen Objekten gehen). Die Debatte um eine Lösung ist auch nach fast zweieinhalb Jahrtausenden immer noch lebhaft und spannend sowie insbesondere argumentativ ausgefeilt. Gerade daher eignet sich das Thema gut als Studie in (philosophischer) Theoriebildung – und dieser Kurs ist entsprechend als Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten geplant.

Das genaue Programm des Seminars sowie behandelte Literatur werden in der ersten Sitzung bekannt gegeben, hier nur der Verweis auf ein (immer noch aktuelles) Standardwerk:

Timothy Williamson (1994): Vagueness, Routledge, London.

Zeit: Donnerstag, 10–12 Uhr
Ort:  Geb. C5 2, Raum 2.02