Die Atemluft enthält zu viel Feinstaub, der Indische Ozean verschluckt Bangladesch, und Myriaden von Tieren leiden in Mastbetrieben. Das sind Beispiele für Schlimmes, das durch das Handeln vieler hervorgebracht wird. Es würde vermieden, wenn eine hinreichende Anzahl anders handeln würde. Zugleich scheint aber kein einzelnes Andershandeln eine Verbesserung zu bringen.

Was bedeutet das für den moralischen Status des einzelnen Handelns? Diese Frage stellt sich besonders markant für bestimmte konsequenzialistische Moralen. Diesen Moralen zufolge ist ein Handeln nämlich genau dann richtig, wenn es zu ihm keine Alternative mit besseren Folgen gibt, so dass gilt: Zeitigt kein einzelnes Andershandeln, also kein einzelner Verzicht auf Fahrt, Flug oder Frikadelle, bessere Folgen, dann ist jedes einzelne Handeln richtig, selbst wenn es in der Gesamtheit vermeidbar Schlimmes hervorbringt. Das aber widerspricht dem Geist dieser konsequenzialistischen Moralen, die ja antreten, die Welt zu verbessern. Sie streben nach Kongruenz zwischen allgemeiner Richtigkeit und Optimalität, wollen den Satz unterschreiben: »Wenn alle richtig handeln würden, wäre die Welt so gut wie möglich.« Die konsequenzialistischen Moralen scheinen also ihre raison d’être zu verraten.

Das ist der Stoff, aus dem Probleme gemeinschaftlichen Handelns für konsequenzialistische Moralen gemacht sind. Diese Probleme werden spätesten seit Broad 1916 diskutiert und geben noch heute immer wieder Anlasse zu lebhaften Debatten (siehe Kagan 2011, Temkin 2012, Pinkert 2015 und Portmore (2016)).

Wir wollen aus in diesem Seminar einen systematischen Überblick über die Debatte und diverse Lösungsvorschläge verschaffen.

Literatur (Vorauswahl möglicher Texte):

C.D. Broad: »On the Function of False Hypotheses in Ethics«, International Journal of Ethics 26, 1916, pp. 377–397

Jonathan Glover & M. Scott-Taggart: »It Makes no Difference Whether or Not I Do It« in Proceedings of the Aristotelian Society, Vol. 49, 1975, pp. 171-209

Derek Parfit, Reasons and Persons, Oxford University Press 1984, Kapitel 2 & 3

Kristin Shrader-Frechette: »Parfit and Mistakes in Moral Mathematics« in Ethics, Vol. 98, No. 1, 1987, pp. 50-60

Frank Jackson: »Group Morality« in Metaphysics & Morality, Hrsg.: Philip Pettit et al, 1987, pp. 91-110

Derek Parfit: »What We Together Do«, nicht veröffentlichtes Transkript, 1988.

Torbjörn Tännsjö: »The Morality of Collective Actions« in The Philosophical Quarterly, Vol. 39, No. 155, 1989, pp. 221-228

Michael Otsuka: »The Paradox of Group Beneficence« in Philosophy & Public Affairs, Vol. 20, No. 2, 1991, pp. 132-149

Russel Hardin: »The Free Rider Problem« aus der SEP, 2003 (https://plato.stanford.edu/entries/free-rider/)

Philip Pettit & David Schweikard (2006). »Joint Actions and Group Agents«, in Philosophy of the Social Sciences 36, 18–39.

Shelly Kagan: »Do I Make a Difference«, in Philosophy & Public Affairs, Vol. 39, No. 2, 2011, pp. 105-141

Julia Nefsky: »Consequentialism and the Problem of Collective Harm: A Reply to Kagan« in Philosophy & Public Affairs, Vol. 39, No. 4, 2012, pp. 364-395

David Killoren & Bekka Williams: »Group Agency and Overdetermination« in Ethical Theory and Moral Practice, Vol. 16, 2013, pp. 295-307

Chrisoula Andreou: »The Good, the Bad, and the Trivial«, in Philosophical Studies 169, 2014, pp. 209–225

Kai Spiekerman: »Small Impacts and Imperceptible Effects« in Midwest Studies In Philosophy, Vol. 38, 2014, pp. 75-90

Julia Nefsky: »Fairness, Participation, and the Real Problem of Collective Harm«, in M. Timmons (Hrsg.), Oxford Studies in Normative Ethics (Bd. 5, pp. 245–271), 2015

Felix Pinkert, What If I Cannot Make a Difference (and Know It)«, in Ethics 125, no. 4 (July 2015): 971-998.

Douglas Portmore; »Maximalism and Moral Harmony«, in Philosophy and Phenomenological Research 92, 2016, (im Druck)

Zeit: Freitag, 10–12 Uhr
Ort: Geb. E1 3, Raum 1.07