Karl Marx (1818 - 1883)
Ausschnitte aus:

ÖKONOMISCH-PHILOSOPHISCHE MANUSKRIPTE (1844), Heft III
(auch veröffentlicht als „NATIONALÖKONOMIE UND PHILOSOPHIE“)

Text nach:
Karl Marx, Die Frühschriften, hg. v. Siegfried Landshut, Stuttgart (Kröner) 1971, 223-316,
aufgrund der schwierigen Entzifferung in Einzelheiten abgeglichen mit Bd. I 2.1, 257ff der MEGA (ein * gibt an, wo ich die MEGA gegenüber Landshut besser finde). Römische Ziffern geben die Seite des - bis 1932 unveröffentlichten - Manuskriptes an. Anmerkungen, Zwischenüberschriften und Kürzungen, Zählung der Sätze, Kursivierungen (oft abweichend vom Original): N.St.

[1. Eigentum an Dingen versus Eigentum an Arbeit / Arbeitskraft]
(I) (1) Es versteht sich [...], daß erst die Nationalökonomie, welche die Arbeit als ihr Prinzip erkannte, - Adam Smith - also nicht mehr das Privateigentum nur mehr als einen Zustand außer dem Menschen wußte, - daß diese Nationalökonomie sowohl als ein Produkt der wirklichen Energie und Bewegung des Privateigentums [...] zu betrachten ist, als ein Produkt der modernen Industrie, wie sie andererseits die Energie und Entwicklung dieser Industrie beschleunigt, verherrlicht, zu einer Macht des Bewußtseins gemacht hat. [...]
(2) [S]o wird der außer dem Menschen befindliche und von ihm unabhängige [...] Reichtum aufgehoben, d.h. diese seine äußerliche gedankenlose Gegenständlichkeit wird aufgehoben, indem sich das Privateigentum inkorporiert im Menschen selbst und der Mensch selbst als sein Wesen erkannt* - aber darum der Mensch selbst in der Bestimmung des Privateigentums [...].
(3) Unter dem Schein einer Anerkennung des Menschen, ist [...] die Nationalökonomie, deren Prinzip die Arbeit [ist], vielmehr nur die konsequente Durchführung der Verleugnung des Menschen, indem er selbst nicht mehr in einer äußerlichen Spannung zu dem äußerlichen Wesen des Privateigentums steht, sondern er selbst dies gespannte Wesen des Privateigentums geworden ist. Was früher Sich-Äußerlichsein, reale Entäußerung des Menschen, ist nun zur Tat der Entäußerung, zur Veräußerung geworden.
(4) Wenn also jene Nationalökonomie unter dem Schein der Anerkennung des Menschen, seiner Selbständigkeit, Selbsttätigkeit etc. beginnt und, wie sie in das Wesen des Menschen selbst das Privateigentum versetzt*, nicht mehr durch die lokalen, nationalen etc. Bestimmungen des Privateigentums als eines außer ihr existierenden Wesens bedingt sein kann, also eine kosmopolitische, allgemeine, jede Schranke, jedes Band umwerfende Energie entwickelt, um sich als die einzige Politik, Allgemeinheit, Schranke und* Band an die Stelle zu setzen - so muß sie bei weiterer Entwicklung diese Scheinheiligkeit abwerfen, [ja] in ihrem ganzen Zynismus hervortreten [...].

[2. Marx als Antikommunist?]
(III) [...] (1) Der Kommunismus [...] ist der positive Ausdruck des aufgehobenen Privateigentums, zunächst das allgemeine Privateigentum.
(2) Indem er dies Verhältnis in seiner Allgemeinheit faßt, ist er [...] in seiner ersten Gestalt nur eine Verallgemeinerung und Vollendung desselben: als solche zeigt er sich in doppelter Gestalt: einmal ist die Herrschaft des sachlichen Eigentums so groß ihm gegenüber, daß er alles vernichten will, was nicht fähig ist als Privateigentum von allen besessen [zu] werden.
(3) Der physische unmittelbare Besitz gilt ihm als einziger Zweck des Lebens und Daseins; die Bestimmung des Arbeiters wird nicht aufgehoben, sondern auf alle Menschen ausgedehnt; er will auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren.
(4) Das Verhältnis des Privateigentums bleibt das Verhältnis der Gemeinschaft zur Sachenwelt; endlich spricht sich diese Bewegung, dem Privateigentum das allgemeine Privateigentum entgegenzustellen, in der tierischen Form aus, daß der Ehe (welche allerdings eine Form des exklusiven Privateigentums ist) die Weibergemeinschaft, wo also das Weib zu einem gemeinschaftlichen und gemeinen Eigentum wird, entgegen gestellt wird.
(5) Man darf sagen, daß dieser Gedanke der Weibergemeinschaft das ausgesprochene Geheimnis dieses noch ganz rohen und gedankenlosen Kommunismus ist.
(6) Wie das Weib aus der Ehe in die allgemeine Prostitution so tritt die ganze Welt des Reichtums [...] aus dem Verhältnis der exklusiven Ehe mit dem Privateigentümer in das Verhältnis der universellen Prostitution mit der Gemeinschaft. [...]
(7) Der Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist wenigstens gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungssucht gekehrt, so daß diese sogar das Wesen der Konkurrenz ausmachen.
(8) Der rohe Kommunist ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem vorgestellten Minimum aus.
(9) Er hat [damit aber immer noch] ein bestimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung des Privateigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die abstrakte Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation; die Rückkehr zur unnatürlichen

(IV) Einfachheit des armen und bedürfnislosen Menschen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben angelangt ist. [...]

(10) In dem Verhältnis zum Weib als dem Raub und der Magd der gemeinschaftlichen Wollust ist die unendliche Degradation [=Abwertung, Erniedrigung] ausgesprochen, in welcher der Mensch für sich selbst existiert, denn das Geheimnis dieses Verhältnisses hat seinen unzweideutigen, entschiedenen, offenbaren, enthüllten Ausdruck in dem Verhältnis des Mannes zum Weibe und in der Weise, wie das unmittelbare, natürliche Gattungsverhältnis gefaßt wird.
(11) Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe.
(12) [...] In diesem Verhältnis erscheint [...] sinnlich, auf ein anschauliches Faktum reduziert, inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen des Menschen geworden ist.
(13) Aus diesem Verhältnis kann man also die ganzen Bildungsstufen des Menschen beurteilen. (14) Aus dem Charakter dieses Verhältnisses folgt, inwieweit der Mensch als Gattungswesen, als Mensch sich geworden (?) ist und erfaßt hat; das Verhältnis des Mannes zum Weibe ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen.
(15) In ihm zeigt sich also inwieweit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich oder inwieweit das menschliche Wesen ihm zum natürlichen Wesen, inwieweit seine menschliche Natur ihm zur Natur geworden ist.
(16) In diesem Verhältnis zeigt sich auch, inwieweit das Bedürfnis des Menschen zum menschlichen Bedürfnis, inwieweit ihm also der andere Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist, inwieweit er in seinem individuellsten Dasein zugleich Gemeinwesen ist.

(17) Die erste positive Aufhebung des Privateigentums, der rohe Kommunismus, ist also nur eine Erscheinungsform von der Niedertracht des Privateigentums, das sich als das positive Gemeinwesen setzen will.
(18) [Es weiß sich jener] Kommunismus schon als Reintegration oder Rückkehr des Menschen in sich als Aufhebung der menschlichen Selbstentfremdung, aber indem er das positive Wesen des Privateigentums noch nicht erfaßt hat und ebenso wenig die menschliche Natur des Bedürfnisses verstanden hat, ist er auch noch von demselben befangen und infiziert.
(19) Er hat zwar seinen Begriff erfaßt, aber noch nicht sein Wesen.

[3. Was Kommunismus auch sein könnte]
(1) [...] Der Kommunismus [lässt sich aber auch fassen] als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußte und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen.
(2) Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus; er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur, und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung.
(3) Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.

(V) (4) [...Das] materielle, unmittelbar sinnliche Privateigentum, ist der materielle sinnliche Ausdruck des entfremdeten menschlichen Lebens.
(5) Seine Bewegung - die Produktion und Konsumtion - ist die sinnliche Offenbarung von der Bewegung aller bisheriger Produktion, d.h. Verwirklichung oder Wirklichkeit des Menschen.
(6) Religion, Familie, Staat, Recht Moral, Wissenschaft, Kunst etc. sind nur besondere Weisen der Produktion und fallen unter ihr allgemeines Gesetz.
(7) Die positive Aufhebung des Privateigentums als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus  Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein.  [...]

[4. Der Mensch als gesellschaftliches Wesen]
(1) [...] wie die Gesellschaft selbst den Menschen als Menschen produziert, so ist sie durch ihn produziert. [...]
(2) Das menschliche Wesen der Natur ist erst da für den gesellschaftlichen Menschen; denn erst hier ist sie [die Gesellschaft] für ihn da als Band mit dem Menschen, als Dasein seiner für den anderen und des anderen für ihn, wie als Lebenselement der menschlichen Wirklichkeit; erst hier ist sie da als Grundlage seines eigenen menschlichen Daseins [...].
(3) Erst hier ist ihm sein natürliches Dasein sein menschliches Dasein und die Natur für ihn zum Menschen geworden.
(4) Also die Gesellschaft ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur.

(VI) (5) [...] auch wenn ich wissenschaftlich etc. tätig bin, eine Tätigkeit, die ich selten* in unmittelbarer Gemeinschaft mit anderen ausführen kann, so bin ich gesellschaftlich, weil als Mensch tätig. Nicht nur das Material meiner Tätigkeit ist mir - wie selbst die Sprache, in der der Denker tätig ist - als gesellschaftliches Produkt gegeben, mein eigenes Dasein ist gesellschaftliche Tätigkeit; darum, das was ich aus mir mache, ich aus mir für die Gesellschaft mache und mit dem Bewußtsein meiner als eines gesellschaftlichen Wesens.
(6) Mein allgemeines Bewußtsein [ungefähr: „was ich als Wissenschaftler an allgemeinen Gesetzen abstrahiere“] ist nur die theoretische Gestalt dessen, wovon das reelle Gemeinwesen, gesellschaftliche Wesen die lebendige Gestalt ist, während heutzutage das allgemeine Bewußtsein eine Abstraktion vom wirklichen Leben ist und als solche ihm feindlich gegenüber tritt.
(7) Daher ist auch die Tätigkeit meines allgemeinen Bewußtseins - als eine solche - mein theoretisches Dasein als gesellschaftliches Wesen.
(8) Es ist vor allem zu vermeiden, die "Gesellschaft" wieder als Abstraktion dem Individuum gegenüber zu fixieren.
(9) Das Individuum ist das gesellschaftliche Wesen.
(10) Seine Lebensäußerung - erscheine* sie auch nicht in der unmittelbaren Form einer gemeinschaftlichen, mit anderen zugleich vollbrachten Lebensäußerung - ist daher eine Äußerung und Bestätigung des gesellschaftlichen Lebens.
(11) Das individuelle und das Gattungsleben des Menschen sind nicht verschieden [...].
(12) Denken und Sein sind also zwar unterschieden aber zugleich in Einheit miteinander.

[5. Besitz versus Aneignung]
(1) Wie das Privateigentum nur der sinnliche Ausdruck davon ist, daß der Mensch zugleich gegenständlich für sich wird und zugleich vielmehr sich als ein fremder und unmenschlicher Gegenstand wird, daß seine Lebensäußerung seine Lebensentäußerung ist, seine Verwirklichung seine Entwirklichung, eine fremde Wirklichkeit ist, so ist die positive Aufhebung des Privateigentums, d.h. die sinnliche Aneignung des menschlichen Wesens und Lebens, des gegenständlichen Menschen, der menschlichen Werke für und durch den Menschen nicht nur im Sinne des unmittelbaren, einseitigen Genusses zu fassen, nicht nur im Sinne des Besitzens, im Sinne des Habens.
(2) Der Mensch eignet sich sein allseitiges Wesen auf eine allseitige Art an, also als ein totaler Mensch.
(3) Jedes seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben, kurz alle Organe seiner Individualität, wie die Organe, welche unmittelbar in ihrer Form als gemeinschaftliche Organe

(VII) sind in ihrem gegenständlichen Verhalten oder in ihrem Verhalten zum Gegenstand die Aneignung desselben, die Aneignung der menschlichen Wirklichkeit; ihr Verhalten zum Gegenstand ist die Betätigung der menschlichen Wirklichkeit.  Sie ist daher eben so vielfach, wie die menschlichen Wesensbestimmungen und Tätigkeiten vielfach sind; [...].
(4) Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, daß ein Gegenstand erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben, (er) also als Kapital für uns existiert, oder von uns unmittelbar besessen, gegessen, getrunken, an unserem Leib getragen, von uns bewohnt etc., kurz gebraucht wird. [...]
(5) An die Stelle aller physischen und geistigen Sinne ist daher die einfache Entfremdung aller dieser Sinne, der Sinn des Habens getreten.
(6) Auf diese absolute Armut mußte das menschliche Wesen reduziert werden, damit es seinen inneren Reichtum aus sich heraus gebäre. [...]
(7) Die Aufhebung des Privateigentums ist daher die vollständige Emanzipation aller menschlichen Sinne und Eigenschaften; aber sie ist diese Emanzipation gerade dadurch, daß diese Sinne und Eigenschaften menschlich, sowohl subjektiv als objektiv geworden sind.
(8) Das Auge ist zum menschlichen Auge geworden [...]
(9) Das Bedürfnis oder der Genuß haben darum ihre egoistische Natur und die Natur ihre bloße Nützlichkeit verloren, indem der Nutzen zum menschlichen Nutzen geworden ist.
(10) Ebenso sind die Sinne und der Geist der anderen Menschen meine eigene Aneignung geworden.
(11) Außer diesen unmittelbaren Organen bilden sich daher gesellschaftliche Organe, in der Form der Gesellschaft, also z.B. die Tätigkeit unmittelbar in Gesellschaft mit anderen etc. ist ein Organ einer Lebensäußerung geworden und eine Weise der Aneignung des menschlichen Lebens.
(12) Es versteht sich, daß das menschliche Auge anders genießt als das rohe, unmenschliche Auge, das menschliche Ohr anders als das rohe Ohr etc. [...]

(VIII) [...] (13) wie erst die Musik den musikalischen Sinn des Menschen erweckt, wie für das unmusikalische Ohr die schönste Musik keinen Sinn hat, [kein] Gegenstand ist, weil mein Gegenstand nur die Bestätigung einer meiner Wesenskräfte sein kann, also nur so für mich sein kann, wie meine Wesenskraft als subjektive Fähigkeit für sich ist, weil der Sinn eines Gegenstandes für mich, nur Sinn für einen ihm entsprechenden Sinn hat, [ja] gerade so weit geht als mein Sinn geht; darum sind die Sinne des gesellschaftlichen Menschen andere Sinne, wie die des ungesellschaftlichen; erst durch den gegenständlich entfalteten Reichtum des menschlichen Wesens wird der Reichtum der subjektiven menschlichen Sinnlichkeit, wird ein musikalisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, kurz, werden erst menschlicher Genüsse und fähige Sinne, Sinne, welche als menschliche Wesenskräfte sich bestätigen, teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt. [...]
(14) Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.
(15) Der unter dem rohen praktischen Bedürfnis befangene Sinn hat auch nur einen bornierten Sinn.
(16) Für den ausgehungerten Menschen existiert nicht die menschliche Form der Speise, sondern nur ihr abstraktes Dasein als Speise; ebensogut könnte sie in rohester Form vorliegen, und es ist nicht zu sagen, wodurch sich diese Nahrungstätigkeit von der tierischen Nahrungstätigkeit unterscheide.
(17) Der sorgenvolle bedürftige Mensch hat keinen Sinn für das schönste Schauspiel; [...]
(18) Wie durch die Bewegung des Privateigentums und seines Reichtums wie Elends [...] die werdende Gesellschaft zu dieser Bildung alles Material vorfindet, so produziert die gewordene Gesellschaft den Menschen in diesem ganzen Reichtum seines Wesens, den reichen all- und tiefsinnigen Menschen als ihre stete Wirklichkeit. [...]
(19) Man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte*. [...]

(IX) [...] (20) Damit der "Mensch" zum Gegenstand des sinnlichen Bewußtseins und das Bedürfnis des "Menschen als Menschen" zum Bedürfnis werde, dazu ist die ganze Geschichte die Entwicklungsgeschichte [darunter: „Vorbereitungsgeschichte“].
(21) Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen.

[6. „Kommunismus“ und „Sozialismus“ (1844!)]
(XI) [...] (1) indem der Mensch für den Menschen als Dasein der Natur, in der Natur für den Menschen als Dasein des Menschen praktisch, sinnlich anschaubar geworden ist, ist [schon] die Frage nach einem fremden Wesen, nach einem Wesen über der Natur und dem Menschen - eine Frage, welche das Geständnis von der Unwesentlichkeit der Natur und des Menschen einschließt - praktisch unmöglich geworden.
(2) Der Atheismus, als Leugnung dieser Unwesentlichkeit, hat keinen Sinn mehr, denn der Atheismus ist eine Negation des Gottes und setzt durch diese Negation das Dasein des Menschen; aber der Sozialismus als Sozialismus bedarf einer solchen Vermittlung nicht mehr: er beginnt von dem theoretisch und praktisch sinnlichen Bewußtsein des Menschen und der Natur als des Wesens.
(3) Er ist positives, nicht mehr durch die Aufhebung der Religion vermitteltes Selbstbewußtsein des Menschen, wie das wirkliche Leben positive, nicht mehr durch die Aufhebung des Privateigentums, den Kommunismus, vermittelte Wirklichkeit des Menschen ist.
(4) Der Kommunismus ist die Position als Negation der Negation, darum das wirkliche, für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation und Wiedergewinnung.
(5) Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung, - die Gestalt der menschlichen Gesellschaft.

[7. Bedürfnisreichtum versus Konsumterror]
(XIV) (1) Wir haben gesehen, welche Bedeutung unter der Voraussetzung des Sozialismus die Reichheit der menschlichen Bedürfnisse [...] hat.
(2) [Hier ist Produktion n]eue Bestätigung der menschlichen Wesenskraft und neue Bereicherung des menschlichen Wesens.
(3) Innerhalb des Privateigentums [hat sie] die umgekehrte Bedeutung.
(4) Jeder Mensch spekuliert darauf, dem anderen ein neues Bedürfnis zu schaffen um ihn zu einem neuen Opfer zu zwingen, um ihn in eine neue Abhängigkeit zu versetzen und ihn zu einer neuen Weise des Genusses und damit des ökonomischen Ruins zu verleiten.
(5) Jeder sucht eine fremde Wesenskraft über dem anderen zu schaffen, um darin die Befriedigung seines eigennützigen Bedürfnisses zu finden.
(6) Mit der Masse der Gegenstände wächst daher das Reich der fremden Wesen, denen der Mensch unterjocht ist und jedes neue Produkt ist eine neue Potenz des wechselseitigen Betrugs und der wechselseitigen Ausplünderung.
(7) Der Mensch wird umso ärmer als Mensch, er bedarf umso mehr des Geldes, um sich des feindlichen Wesens zu bemächtigen [...]
(8) Das Bedürfnis des Geldes ist daher das wahre, von der Nationalökonomie produzierte Bedürfnis und das einzige Bedürfnis, das sie produziert.
(9) Die Quantität des Geldes wird immer mehr seine einzige mächtige Eigenschaft; wie es alles Wesen auf seine Abstraktion reduziert, so reduziert es sich in seiner eigenen Bewegung als quantitatives Wesen. [...]

[8. Die Situation der Arbeiter]
(1) Teils zeigt sieh diese Entfremdung, indem die Raffinierung der Bedürfnisse und ihrer Mittel auf der einen Seite, die viehische Verwilderung, vollständige rohe abstrakte Einfachheit des Bedürfnisses auf der anderen Seite produziert; oder vielmehr nur sich selbst in seiner gegenteiligen Bedeutung wiedergebiert.
(2) Selbst das Bedürfnis der freien Luft hört bei dem Arbeiter auf, ein Bedürfnis zu sein, der Mensch kehrt in die Höhlenwohnung zurück, die aber nun von dem [...] Pesthauch der Zivilisation vergiftet ist und die er nur mehr prekär, als eine fremde Macht, die sich ihm täglich entzieht, aus der er täglich, wenn er

(XV) nicht zahlt, herausgeworfen werden kann, bewohnt. Dies Totenhaus muß er bezahlen.  Die Lichtwohnung, welche Prornetheus bei Aeschylus als eines der großen Geschenke, wodurch er den Wilden zum Menschen gemacht, bezeichnet, hört auf für den Arbeiter zu sein.  Licht, Luft, etc. die einfachste tierische Reinlichkeit hört auf, ein Bedürfnis für den Menschen zu sein.
(3) Der Schmutz, diese Versumpfung, Verfaulung des Menschen, der Gossenablauf (ist wörtlich zu verstehen) der Zivilisation wird ihm ein Lebenselement.
(4) Die völlige unnatürliche Verwahrlosung, die verfaulte Natur wird zu seinem Lebenselement.
(5) Keiner seiner Sinne existiert mehr, nicht nur nicht in seiner menschlichen Weise, sondern in einer unmenschlichen, darum selbst nicht einmal tierischen Weise.
(6) Die rohesten Weisen (Instrumente) der menschlichen Arbeit kehren wieder, wie die Tretmühle der römischen Sklaven zur Produktionsweise, Daseinsweise vieler englischen Arbeiter geworden ist.
(7) Nicht nur daß der Mensch keine menschlichen Bedürfnisse hat, selbst die tierischen Bedürfnisse hören auf.
(8) Der Irländer kennt nur mehr das Bedürfnis des Essens und zwar nur mehr des Kartoffelessens und zwar nur der Lumperkartoffel*, der schlechtesten Art von Kartoffeln.
(9) Aber England und Frankreich haben schon in jeder Industriestadt ein kleines Irland.
(10) Der Wilde, das Tier hat doch das Bedürfnis der Jagd, der Bewegung etc., der Geselligkeit.
(11) Die Vereinfachung der Maschine, die Arbeit wird dazu benutzt, um den erst werdenden Menschen, den ganz unausgebildeten Menschen - das Kind - zum Arbeiter zu machen, wie der Arbeiter ein verwahrlostes Kind geworden ist.
(12) Die Maschine bequemt sich der Schwäche des Menschen, um den schwachen Menschen zur Maschine zu machen.

[9. Nationalökonomie und Askese]
(1) Wie die Vermehrung der Bedürfnisse und ihrer Mittel die Bedürfnislosigkeit und die Mittellosigkeit erzeugt, beweist der Nationalökonom [...],
1. indem er das Bedürfnis des Arbeiters auf den wenigsten und jämmerlichsten Unterhalt des physischen Lebens und seine Tätigkeit auf die abstrakteste mechanische Bewegung reduziert, also, sagt er: Der Mensch hat kein anderes Bedürfnis weder der Tätigkeit noch des Genusses; denn auch dies Leben erklärt er [als] menschliches Leben und Dasein; indem
2. er das möglichst dürftige Leben (Existenz) als Maßstab und zwar als allgemeinen Maßstab ausrechnet: allgemein, weil für die Masse der Menschen geltend; er macht den Arbeiter zu einem unsinnlichen und bedürfnislosen Wesen, wie er seine Tätigkeit zu einer reinen Abstraktion von aller Tätigkeit macht; jeder Luxus des Arbeiters scheint ihm daher als verwerflich und alles, was über das allerabstrakteste Bedürfnis hinausgeht - sei es als passiver Geist - oder Tätigkeitsäußerung - erscheint ihm als Luxus.
(2) Die Nationalökonomie, diese Wissenschaft des Reichtums, ist daher zugleich die Wissenschaft des Entsagens, des Darbens, der Ersparung und sie kömmt wirklich dazu, dem Menschen sogar das Bedürfnis einer reinen Luft oder der physischen Bewegung zu ersparen.
(3) Diese Wissenschaft der wunderbaren Industrie [vgl. engl. industry = Fleiß!] ist zugleich die Wissenschaft der Askese und ihr wahres Ideal ist der asketische aber wuchernde Geizhals und der asketische aber produzierende Sklave.
(4) Ihr moralisches Ideal ist der Arbeiter, der in die Sparkasse einen Teil seines Salairs bringt, und sie hat für diesen ihren Lieblingseinfall sogar eine knechtische Kunst vorgefunden.
(5) Man hat das sentimental aufs Theater gebracht.
(6) Sie ist daher - trotz ihres weltlichen und wollüstigen Aussehens - eine wirklich moralische Wissenschaft, die allermoralischste Wissenschaft.
(7) Die Selbstentsagung, die Entsagung des Lebens und aller menschlichen Bedürfnisse ist ihr Hauptlehrsatz.
(8) Je weniger du ißt, trinkst, Bücher kaufst, in das Theater, auf den Ball, zum Wirtshaus gehst, denkst, liebst, theoretisierst, singst, mahlst* [= essen gehst?], fechtest* etc. um so mehr sparst du, um so größer wird dein Schatz, den weder Motten noch Staub fressen, dein Kapital.
(9) Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, um so mehr hast du, um so größer ist dein entäußertes Leben, um so mehr speicherst du auf von deinem entfremdeten Wesen.
(10) Alles

(XVI) was dir der Nationalökonom an Leben nimmt und an Menschheit, das alles ersetzt er dir in Geld und Reichtum und alles das, was du nicht kannst, das kann dein Geld: es kann essen, trinken, auf den Ball, ins Theater gehen, es macht [MEGA: „weiß“] sich die Kunst, die Gelehrsamkeit, die historischen Seltenheiten, die politische Macht, es kann reisen, es kann dir das alles aneignen: es kann das alles kaufen; es ist das wahre Vermögen.
(11) Aber es, was all dies ist, es mag nichts als sich selbst schaffen, sich selbst kaufen, denn alles andere ist ja sein Knecht [...].
(12) Alle Leidenschaften und alle Tätigkeit muß also untergehen in der Habsucht.
(13) Der Arbeiter darf nur so viel haben, daß er leben will, und darf nur leben wollen, um zu haben.
 

MEGA Bd. I 2 = Karl Marx Friedrich Engels Gesamtausgabe, hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KP der UdSSR und vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, 1. Abteilung, Bd. 2, hg. v. Inge Taubert u.a., Berlin (Dietz) 1982.

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