Aristoteles (384 - 322 v. Chr.), Nikomachische Ethik
Ü: Olof Gigon
Griechische Schlüsselworte und Anmerkungen in eckigen Klammern: N.St.

1. Buch

Kap. 1: Jede Kunst (technê) und jede Lehre, ebenso jede Handlung (praxis) und jeder Entschluß (prohairesis) scheint irgendein Gut (agathon) zu erstreben. Darum hat man mit Recht das Gute als dasjenige bezeichnet, wonach (hou) alles strebt. [...]
Da es nun viele Handlungen, Künste und Wissenschaften gibt, ergeben sich auch viele Ziele (telos): Ziel der Medizin ist die Gesundheit, der Schiffsbaukunst das Schiff, der Strategik der Sieg, der Ökonomik der Reichtum. Wo nun immer solche Künste einer einzigen Aufgabe untergeordnet sind, wie etwa der Reitkunst die Sattlerei und die andern der Reitkunst dienenden Künste, und wie die Reitkunst wiederum und die gesamte Kriegskunst der Strategik untergeordnet ist und so andere unter anderen, in allen diesen Fällen sind die Ziele der leitenden Künste insgesamt vorzüglicher als die der untergeordneten. Denn diese werden um jener willen verfolgt. [...]
Wenn es aber ein Ziel des Handelns gibt, das wir um seiner selbst willen wollen und das andere um seinetwillen; wenn wir also nicht alles um eines andern willen erstreben (denn so ginge es ins Unbegrenzte, und das Streben wäre leer und sinnlos), dann ist es klar, daß jenes das Gute und das Beste ist. [...]

Kap. 2: [...] Da also jede Erkenntnis und jeder Entschluß nach irgendeinem Gute strebt [...] welches ist das oberste aller praktischen Güter? Im Namen stimmen wohl die meisten überein.  Glückseligkeit (eudaimonia) [wörtl.: von einem guten Geist begleitet Sein, ungefähr: es gut getroffen haben, Gedeihen] nennen es die Leute ebenso wie die Gebildeten, und sie setzen das Gut-Leben (eu zên) und das Sich-gut-Verhalten (eu prattein) gleich mit dem Glückseligsein.
Was aber die Glückseligkeit sei, darüber streiten sie, und die Leute sind nicht derselben Meinung wie die Weisen. Jene nämlich verstehen darunter etwas Selbstverständliches und Sichtbares, wie Lust, Reichtum oder Ehre, der eine dies, der andere jenes, oftmals auch einer und derselbe Verschiedenes: wenn er krank ist, meint er die Gesundheit, wenn er arm ist, den Reichtum. [...]

Kap.3: [...] Nicht ohne Grund scheint man das Gute und die Glückseligkeit an den Lebensformen (ek tôn biôn) abzulesen. Die Mehrzahl der Leute und die rohesten wählen die Lust (hêdonê). Darum schätzen sie auch das Leben des Genusses. [...]
Die große Menge erweist sich als völlig sklavenartig, da sie das Leben des Viehs vorzieht. [...]
Die gebildeten und energischen (praktikoi) Menschen wählen die Ehre. Denn dies kann man als das Ziel des politischen Lebens bezeichnen. Aber es scheint doch oberflächlicher zu sein als das, was wir suchen. Denn [... man scheint] die Ehre zu suchen, um sich selbst zu überzeugen, daß man gut sei. Man wünscht ja geehrt zu werden durch die Verständigen und durch jene, die einen kennen, und dies wegen der eigenen Tüchtigkeit (aretê) [oft schlechter übersetzt als „Tugend“, möglich auch: (Vor-)trefflichkeit]. So ist eigentlich für diese die Tüchtigkeit das höhere Ziel. Also könnte man vielleicht die Tüchtigkeit als das letzte Ziel der politischen Lebensform auffassen.
Aber selbst sie erweist sich als unvollkommen. Denn offenbar ist es möglich, daß man im Besitze der Tüchtigkeit auch schlafen oder sein Leben lang untätig sein kann [aretai, Tüchtigkeiten, sind nämlich eine Spezialform der hexis, der Disposition, die nicht immer verwirklicht sein muss!]. Man kann außerdem mit ihr Mißgeschick erleiden und in das größte Unglück kommen. Wer aber so lebt, den wird niemand glückselig nennen, außer um eben seine Behauptung zu retten.  [...]
Die dritte Lebensform ist die betrachtende (theorêtikos). Sie werden wir im nachfolgenden untersuchen.
Die kaufmännische Lebensform hat etwas Gewaltsames an sich, und offensichtlich ist der Reichtum nicht das gesuchte Gute. Denn er ist nur als Mittel zu anderen Zwecken zu gebrauchen. Darum wird man wohl eher die oben genannten Dinge als Ziele annehmen; denn diese werden um ihrer selbst willen geschätzt. Doch auch sie scheinen nicht das Gesuchte zu sein, ob schon viele Argumente zu ihren Gunsten angeführt worden sind. [...]

Kap.5 [...]  Wir wollen abermals auf das gesuchte Gute zurückkommen und fragen, was es wohl sei. Offenbar ist es in jeder Handlung und Kunst ein anderes. Denn ein anderes ist es in der Medizin und in der Strategik und so fort. Welches ist nun das Gute in jedem einzelnen Falle? Wohl das, um dessentwillen alles übrige geschieht. Dies ist in der Medizin die Gesundheit, in der Strategik der Sieg, in der Baukunst das Haus, anderswo wieder anderes. Bei jedem Handeln und Entschlusse ist es das Ziel. Denn dieses ist es, wegen dessen man stets das übrige tut. Wenn es also ein Ziel (telos) allen Handelns überhaupt gibt, so wäre dies das zu verwirklichende Gute, und wenn es mehrere solche Ziele gibt, dann sind es diese. So ist die Untersuchung auf einem anderen Wege zu demselben Punkte gelangt. [...]
Es ist offenbar, daß nicht alle [Ziele] Endziele sind. Das vollkommen Gute scheint aber ein Endziel (teleion) zu sein. Wenn es also nur ein einziges Endziel gibt, so wäre dies das Gesuchte, wenn aber mehrere, dann das vollkommenste (teleiótaton) unter diesen.
Vollkommener (teleioteron) nennen wir das um seiner selbst willen Erstrebte gegenüber dem um anderer Ziele willen Erstrebten, und das niemals um eines anderen willen Gesuchte gegenüber dem, was sowohl wegen sich selbst als auch wegen eines andern gesucht wird; allgemein ist das vollkommene Ziel (haplôs teleion) dasjenige, was stets nur an sich (kath‘ hauto) und niemals um eines anderen willen gesucht wird.
Derart dürfte in erster Linie die Glückseligkeit sein. Denn diese suchen wir stets um ihrer selbst und niemals wegen eines anderen; Ehre dagegen und Lust und Vernunft und jede Tüchtigkeit suchen wir teils wegen ihnen selber (denn auch wenn wir keinen weiteren Gewinn von ihnen hätten, würden wir jedes einzelne von ihnen wohl erstreben), teils aber auch um der Glückseligkeit willen, da wir glauben, eben durch jene Dinge glückselig zu werden. Die Glückseligkeit aber wählt keiner um jener Dinge willen und überhaupt nicht wegen eines anderen. [...]

Kap.6: Aber damit, daß die Glückseligkeit das höchste Gut sei, ist vielleicht nicht mehr gesagt, als was jedermann zugibt. Wir möchten aber noch genauer erfahren, was sie ist. Dies sollte wohl geschehen können, wenn wir von der eigentümlichen Leistung des Menschen (to ergon tou anthrôpou) ausgehen [eigentümlich = (art-)spezifisch]. Wie nämlich für einen Flötenspieler, einen Bildhauer und überhaupt für jeden Künstler und für jeden, der eine Leistung (ergon) und ein Handeln (praxis) hat, in der Leistung (ergon) das Gute (agathon) und das Rechte (to eu) liegt [...und nicht in der bloßen Ausführung, der praxis...], so wird es wohl auch vom Menschen gelten, wenn [...] auch ihm eine besondere Leistung (ergon) zukommt. Oder sollte es eigentümliche Leistungen und Handlungen des Schreiners oder Schusters geben, nicht aber des Menschen, als ob er zur Untätigkeit geschaffen wäre? Sollte nicht eher so, wie das Auge, die Hand, der Fuß und überhaupt jedes einzelne Körperglied seine besondere Leistung hat, auch der Mensch neben all dem seine besondere Leistung besitzen?
Welche mag sie nun wohl sein? Das [bloße] Leben (to zên) offenbar nicht, denn dies besitzen auch die Pflanzen, wir suchen aber das dem Menschen Eigentümliche. Das Leben der Ernährung und des Wachstums (thrêptikê, auxêktikê) [1. Seelenschicht] ist also auszuscheiden. Es würde darauf das Leben der Wahrnehmung (aisthetikê) [2. Seelenschicht] folgen, aber auch dieses ist uns gemeinsam mit dem Pferde und Rinde und allen Tieren überhaupt. Es bleibt also das Leben in der Betätigung des vernunftbegabten Teiles übrig (praktikê tou logon echontos) [3. Seelenschicht]. Dieser findet sich vor teils als ein der Vernunft gehorchender, teils als ein die Vernunft besitzender und ausübender. Da auch dies wiederum in doppeltem Sinne zu verstehen ist, so muß man da an das wirklich tätige (kat‘ energeian) Leben denken, denn dieses dürfte doch als das eigentlichere gelten [als das bloß potentiell tätige, z.B. im Schlaf].

Wenn
1. nun die eigentümliche Leistung des Menschen (ergon anthrôpou) in einer Tätigkeit der Seele (psychês energeia) besteht, die sich nach der Vernunft (kata logon) oder doch nicht ohne die Vernunft vollzieht,
2. und wenn wir die Leistung (ergon) eines beliebig Tätigen und eines hervorragend Tätigen derselben Gattung zurechnen (so wie das Spiel des Kitharisten [Lyra-Spielers] und dasjenige des guten Kitharisten, und so in allen Fällen), so daß wir zur Leistung [...] noch das Merkmal hervorragender Tüchtigkeit (kat‘ aretên) in ihr beifügen (denn die Leistung des Kitharisten ist das Kitharaspielen, die des hervorragenden Kitlharisten aber das gut Spielen) [...]
3. und wir als die eigentümliche Leistung des Menschen ein bestimmtes Leben annehmen und als solches die Tätigkeit der Seele (psychês energeia) und die vernunftgemäßen Handlungen bestimmen
und als die Tätigkeit des hervorragenden Menschen (spoudaios andros) eben diese Tätigkeit in einem hervorragenden Maße (eu kai kalôs)
4. und wenn endlich dasjenige hervorragend (eu) wird, was im Sinne der ihm eigentümlichen Leistungsfähigkeit (kata tên oikeian aretên) vollendet wird,
wenn das alles so ist,
dann ist das Gute für den Menschen (to anthrôpinon agathon) die Tätigkeit der Seele aufgrund ihrer besonderen Befähigung (psychês energeia kat‘ aretên),
und wenn es mehrere solche Befähigungen gibt, nach der besten und vollkommensten;
und dies außerdem noch ein volles Leben hindurch.

Denn eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, und auch nicht ein einziger Tag; so macht auch ein einziger Tag oder eine kurze Zeit niemanden glücklich und selig (makarion).

Zurück