Platon (427 - 347 v. Chr.), Der Staat
Anfang des viertes Buches (419a-421c): Das Statuengleichnis
Ü: R. Rufener

Da ergriff Adeimantos das Wort und sagte: «Wie willst du dich nun rechtfertigen, Sokrates, wenn dir jemand vorwirft, du machest diese Männer [den Wächterstand] nicht eben glücklich, und zwar durch ihre eigene Schuld: ist doch in Wahrheit die Stadt in ihren Händen, sie aber genießen keinen Vorteil davon, wie das andere tun, die Ländereien besitzen und sich schöne, große Häuser bauen und diese angemessen einrichten und die den Göttern aus eigenen Mitteln Opfer bringen und Gäste bei sich aufnehmen und die denn auch das besitzen, was du eben erwähnt hast: Gold und Silber und all die Dinge, die man nach der allgemeinen Ansicht haben muß, um glücklich zu sein.  Es scheint vielmehr, würde er sagen, daß sie ganz wie eine gedungene Söldnertruppe in der Stadt sitzen und nichts tun als Wache stehen.»
Ja, sagte ich [Sokrates], und sie bekommen dafür nur ihre Verpflegung und nicht noch einen Sold dazu wie die anderen; sie können also nicht einmal mit eigenem Geld ins Ausland reisen, wenn sie Lust dazu haben, oder ihren Mädchen etwas schenken oder sonst eine beliebige Ausgabe machen, wie die das tun, die man sonst für glücklich hält. Das und noch manches andere übergehst du bei deinem Vorwurf.
«Also gut», sagte er; « so sei es auch mit in die Anklage einbezogen.»
Wie wir uns nun also hiergegen verteidigen werden, fragst du?
«Ja.»
Wir brauchen nur auf demselben Wege weiterzugehen, sagte ich, dann werden wir vermutlich finden, was zu sagen ist. Wir werden nämlich erwidern, daß es uns nicht wundern sollte, wenn auch diese Männer auf ihre Art sehr glücklich sind; doch sei es gerade das Ziel unserer Stadtgründung, daß nicht nur ein Stand ausnehmend glücklich wird, sondern, soweit das möglich ist, die ganze Stadt. Denn in einer solchen Stadt glaubten wir am ehesten Gerechtigkeit zu finden, Ungerechtigkeit dagegen in jener, die am schlechtesten eingerichtet ist; wenn wir dann aber beide vor Augen hätten, könnten wir wohl die Frage entscheiden, die uns schon so lange beschäftigt. Nun sind wir aber nach unserer Meinung daran, die glückliche Stadt zu bilden; dabei greifen wir nicht bloß einige wenige ihrer Bewohner heraus und machen diese glücklich, sondern eben sie in ihrer Gesamtheit. Später aber werden wir auch ihr Gegenteil betrachten. Wenn wir nun daran wären, ein Standbild zu bemalen, und es käme jemand und tadelte uns, daß wir für die schönsten Teile des Bildes nicht auch die schönsten Farben verwendeten - denn die Augen, die doch das Schönste wären, seien nicht mit Purpur, sondern mit Schwarz gemalt -, dann könnten wir uns doch wohl ganz gut damit rechtfertigen, daß wir zu ihm sagten: Du Wunderlicher! Glaube doch nicht, wir müßten die Augen so schön machen, daß sie gar nicht mehr als Augen erscheinen, und ebenso die übrigen Teile; schau lieber darauf, ob wir einem jeden Teil das geben, was ihm zukommt, und so das Ganze schön gestalten. Und so auch hier: nötige uns nicht, den Wächtern ein Glück zu verleihen, das sie eher zu allem anderen macht als zu Wächtern. Wir könnten ja auch ebensogut den Bauern Festgewänder anziehen und Goldschmuck umlegen und ihnen sagen, sie sollten zu ihrem Vergnügen das Land bebauen.  Und die Töpfer könnten wir veranlassen, sich ans Feuer zu setzen und im Kreise herum zu zechen und zu schmausen, ihre Töpferscheibe neben sich, und nur zu töpfern, denn sie die Lust dazu ankommt. Und auch alle anderen Leute könnten wir auf ähnliche Weise glücklich machen, damit schließlich die ganze Stadt herrlich und in Freuden lebte. Doch rate uns das ja nicht!  Wenn wir dir nämlich folgen, so wird der Bauer nicht mehr Bauer sein, und der Töpfer nicht mehr Töpfer, noch wird sonst einer noch etwas von dem vorstellen, woraus doch eine Stadt sich bildet. Bei den anderen Ständen freilich macht das weniger aus; denn wenn die Flickschuster liederlich sind und nichts mehr taugen und sich für etwas ausgeben, was sie nicht sind, dann ist das für die Stadt weiter nicht schlimm. Wenn aber die Wächter nicht wirklich, sondern nur scheinbar über die Gesetze und die Stadt wachen, dann siehst du doch, daß sie sie von Grund aus verderben; dann freilich haben sie allein Gelegenheit, wohl zu leben und es sich gut gehen zu lassen. Wir machen sie also zu wirklichen Wächtern, die der Stadt nicht den geringsten Schaden bringen. Wenn sie aber der, der jene andere Meinung vertritt, zu Landbesitzern und zu glücklichen Gastgebern macht, als handle es sich um ein Volksfest und nicht um eine Stadt, so meint er eben etwas anderes als eine Stadt. Wir müssen uns also entscheiden, ob wir bei der Einsetzung der Wächter nur darauf schauen wollen, daß ihnen selbst möglichst großes Glück zuteil wird, oder ob wir die Stadt als Ganzes im Auge haben und darauf achten sollen, daß sie glücklich wird.  In diesem Falle müssen wir diese Gehilfen und Wächter dazu zwingen, jenen Grundsatz zu befolgen, und sie dazu überreden, daß sie in ihrem Beruf möglichst tüchtige Meister werden und ebenso auch alle anderen. Wenn sich dann die gesamte Stadt auf diese Weise entwickelt und wohl eingerichtet wird, dann dürfen wir es der Natur überlassen, wie sie jedem Stande seinen Anteil am Glücke gibt. [...]

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