Aristoteles (384 - 322 v. Chr.), Politikvorlesung

Ü: Olof Gigon,
Ergänzung der griechischen Schlüsselwörter, Typographisches, Absatzzählung und Anmerkungen in eckigen Klammern: N.St.

1. Buch

Kap.1:
(1) 1252a1 - 6
Da wir sehen, daß jeder Staat (polis) eine Gemeinschaft (koinônia) ist
und jede Gemeinschaft um eines Gutes (agathon) willen besteht
(denn alle Wesen tun alles um dessentwillen, was sie für gut halten),
so ist es klar,
daß zwar alle Gemeinschaften auf irgendein Gut zielen,
am meisten aber
und auf das unter allen bedeutendste (kyritáton) [wörtl.: „herrlichste“] Gut
jene, die von allen Gemeinschaften die bedeutendste (kyriotátê) ist und alle übrigen in sich umschließt.
Diese ist der sogenannte Staat (polis) und die staatliche Gemeinschaft (koinônia politikê).

(2) 1252a6 - 13
Alle diejenigen nun, die meinen, daß ein Staatsmann, ein Fürst, ein Hausverwalter und ein Herr dasselbe seien, irren sich -, sie meinen nämlich, der Unterschied bestünde nur in der größeren und geringeren Zahl und nicht in der Art jedes einzelnen, so daß etwa, wer über wenige regiert, ein Herr sei, wer über mehrere, ein Hausverwalter, und wer über noch mehrere, ein Staatsmann oder Fürst; denn zwischen einem großen Hause (oikía) [vgl. oikos, Oiko-nomie] und einem kleinen Staate sei kein Unterschied vorhanden; [...].

(3) 1252a16 - 23
Daß dies falsch ist, wird klar werden, wenn wir die Untersuchung nach der hier gegebenen Methode führen. Wie man nämlich auch anderswo das Zusammengesetzte bis zu den nicht mehr zusammengesetzten Teilen zerlegen muß (denn diese sind die kleinsten Teile des Ganzen), so müssen wir auch beim Staate erkennen, woraus er zusammengesetzt ist, und werden besser begreifen, worin sich jene Verhältnisse voneinander unterscheiden und ob sich über jedes einzelne etwas wissenschaftlich Brauchbares feststellen läßt.

Kap.2:
(1) 1252a 24-26
Die beste Methode dürfte hier wie bei den anderen Problemen sein, daß man die Gegenstände verfolgt, wie sie sich von Anfang an (ex archês) entwickeln.

(2) 1252a26 - 34
Als Erstes ist es notwendig, daß sich jene Wesen verbinden, die ohne einander nicht bestehen können, einerseits das Weibliche und das Männliche der Fortpflanzung wegen (und dies nicht aus freier Entscheidung, sondern weil es wie anderswo, bei den Tieren und Pflanzen, ein naturgemäßes Streben ist, ein anderes Wesen zu hinterlassen, das einem selbst gleich ist),
anderseits das naturgemäß Regierende und Regierte um der Lebenserhaltung willen. Denn was mit dem Verstand vorauszuschauen vermag, ist von Natur das Regierende und Herrschende, was aber mit seinem Körper das Vorgesehene auszufahren vermag, ist das von Natur Regierte und Dienende. Darum ist auch der Nutzen für Herrn und Diener derselbe.

(3) 1252b1 - b9
Von Natur sind das Weibliche und das Regierte verschieden; denn die Natur macht nichts derart ärmlich wie die Schmiede das delphische Messer [griechisches Allzweckmesser], sondern immer Eines für Eines. Denn so wird jedes einzelne Werkzeug am schönsten herauskommen, wenn es nicht vielen Aufgaben, sondern nur einer einzigen dient.
Bei den Barbaren freilich haben das Weibliche und das Regierte denselben Rang. Dies kommt daher, daß sie das von Natur Herrschende nicht besitzen, sondern die Gemeinschaft bei ihnen nur zwischen Sklavin und Sklave besteht. Darum sagen die Dichter: »Daß Griechen über Barbaren herrschen, ist gerecht«, da nämlich von Natur der Barbar und der Sklave dasselbe sei.

(4) 1252b9 - 15
Aus diesen beiden Gemeinschaften entsteht zuerst das Haus, und Hesiod hat mit Recht gedichtet: »Allererst nun ein Haus und das Weib und den pflügenden Ochsen.« Denn der Ochse tritt für die Armen an die Stelle des Sklaven. So ist denn die für das tägliche Zusammenleben bestehende natürliche Gemeinschaft das Haus (oikos). Charondas nennt ihre Glieder Tischgenossen, der Kreter Epimenides Troggenossen.

(5) 1252b15 - 18
Die erste Gemeinschaft, die aus mehreren Häusern und nicht nur um des augenblicklichen Bedürfnisses willen besteht, ist das Dorf.  Das Dorf scheint seiner Natur nach am ehesten eine Verzweigung des Hauses zu sein, und seine Glieder werden von einigen »Milchgenossen« und »Kinder und Kindeskinder« genannt.

(6) 1252b19 - 27
Darum standen auch die Staaten (poleis) ursprünglich (prôton) unter Königen, und bei den Barbarenvölkern ist es noch jetzt so. Denn es waren Untertanen von Königen, die da zusammentraten. Jedes Haus wird nämlich vom Ältesten wie von einem König regiert und entsprechend auch die Verzweigungen auf Grund der Verwandtschaft.  Dies meint Homer: »Jeder gibt das Gesetz für Kinder und Gattinnen.« jene lebten nämlich zerstreut, und so wohnten die Menschen in der Urzeit überhaupt. Aus demselben Grunde behaupten auch alle, daß die Götter durch einen König regiert werden, weil sie selbst teils jetzt noch, teils früher unter Königen standen. Wie nämlich die Menschen die Gestalten der Götter nach sich selbst abbilden, so auch deren Lebensformen.

(7) 1252b27 - 30
Endlich ist die aus mehreren Dörfern bestehende vollkommene (teleios) Gemeinschaft der Staat. Er hat gewissermaßen die Grenze der vollendeten Autarkie erreicht [autark(es) = selbst-genügsam, selbständig, selbstbeherrscht i.S. v. „unabhängig], zunächst um des bloßen Lebens willen (tou zên heheken) entstanden, dann aber um des vollkommenen Lebens willen (tou eu zên heneken) bestehend.

(8) 1252b30 - 34
Darum existiert auch jeder Staat von Natur (physei), da es ja schon die ersten Gemeinschaften tun.  Er ist das Ziel (telos) von jenen, und das Ziel ist eben der Naturzustand (physis). Denn den Zustand, welchen jedes Einzelne erreicht, wenn seine Entwicklung zum Abschluß gelangt ist (geneseôs telestheisês), nennen wir die Natur jedes Einzelnen, wie etwa des Menschen, des Pferdes, des Hauses.

(9) 1253a1 - 3
Außerdem ist der Zweck (to hou heneka) und das Ziel (telos) das Beste.
Die Autarkie ist aber das Ziel und das Beste.
Daraus ergibt sich, daß der Staat zu den naturgemäßen Gebilden (tôn physei) gehört
und daß der Mensch von Natur ein staatenbildendes Lebewesen ist (ho anthrôpos physei politikon zôon).

(10) 1253a3 - 6
Derjenige, der auf Grund seiner Natur und nicht bloß aus Zufall außerhalb des Staates lebt, ist entweder schlecht oder höher als der Mensch; so etwa der von Homer beschimpfte: »ohne Geschlecht, ohne Gesetz und ohne Herd«. Denn dieser ist von Natur ein solcher und gleichzeitig gierig nach Krieg, da er unverbunden dasteht, wie man im Brettspiel sagt.

(11) 1253a7 - 18
Daß ferner der Mensch in höherem Grade ein staatenbildendes Lebewesen ist (mâllon politikon) als jede Biene oder irgendein Herdentier, ist klar. Denn die Natur (physis) macht, wie wir behaupten, nichts vergebens. Der Mensch ist aber das einzige Lebewesen, das Sprache (logos) besitzt. Die Stimme (phônê) zeigt Schmerz und Lust an und ist darum auch den andern Lebewesen eigen (denn bis zu diesem Punkte ist ihre Natur gelangt, daß sie Schmerz und Lust wahrnehmen und dies einander anzeigen können); die Sprache dagegen dient dazu, das Nützliche und Schädliche mitzuteilen und so auch das Gerechte und Ungerechte. Dies ist nämlich im Gegensatz zu den andern Lebewesen dem Menschen eigentümlich, daß er allein die Wahrnehmung des Guten und Schlechten, des Gerechten und Ungerechten und so weiter besitzt. Die Gemeinschaft in diesen Dingen schafft das Haus (oikia) und den Staat (polis).

(12) 1253a18 - 25
Der Staat ist denn auch von Natur ursprünglicher (proteron physei) als das Haus oder jeder Einzelne von uns. Denn das Ganze muß ursprünglicher sein als der Teil. Wenn man nämlich das Ganze wegnimmt, so gibt es auch keinen Fuß oder keine Hand, außer dem Namen nach, wie etwa eine Hand aus Stein; nur in diesem Sinn wird eine tote Hand noch eine Hand sein. In Wahrheit ist alles bestimmt durch seine besondere Leistung und Fähigkeit, und wenn es diese nicht mehr besitzt, kann es auch nicht mehr als dasselbe Ding bezeichnet werden außer dem bloßen Namen nach.

(13) 1253a 25 - 29
Daß also der Staat von Natur ist und ursprünglicher als der Einzelne, ist klar. Sofern nämlich der Einzelne nicht autark für sich zu leben vermag, so wird er sich verhalten wie auch sonst ein Teil zu einem Ganzen. Wer aber nicht in Gemeinschaft leben kann oder in seiner Autarkie ihrer nicht bedarf, der ist kein Teil des Staates, sondern ein wildes Tier oder Gott.

(14) 1253a29 - 39
Alle Menschen haben also von Natur den Drang zu einer solchen Gemeinschaft, und wer sie als erster aufgebaut hat, ist ein Schöpfer größter Güter. Wie nämlich der Mensch, wenn er vollendet ist, das beste der Lebewesen ist, so ist er abgetrennt von Gesetz und Recht das schlechteste von allen.  [...] Die Gerechtigkeit dagegen ist der staatlichen Gemeinschaft eigen (hê de dikaiosynê politikón). Denn das Recht ist die Ordnung der staatlichen Gemeinschaft, und die Gerechtigkeit urteilt darüber, was gerecht sei.

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