Jean-Jaques Rousseau,
Über den Gesellschaftsvertrag (Du contrat social, 1762)
Ü: Brockard

Erstes Buch

[...]

3. Kapitel: Vom Recht des Stärkeren

Der Stärkere ist nie stark genug, immer Herr zu sein, wenn er nicht seine Stärke in Recht und den Gehorsam in Pflicht überführt. Daher das »Recht des Stärkeren«; »Recht« offensichtlich ironisch genommen, in Wirklichkeit jedoch als Grundsatz aufgestellt: aber wird man uns dies Wort jemals erklären? Stärke ist ein natürliches Vermögen; ich sehe überhaupt nicht, welche sittliche Verpflichtung sich aus ihren Wirkungen ergeben kann. Der Stärke weichen ist ein Akt der Notwendigkeit, nicht des freien Willens; es ist allenfalls ein Akt der Klugheit. In welcher Hinsicht könnte es eine Pflicht sein? [...]
Unterstellen wir einen Augenblick dieses vergebliche Recht. Ich behaupte, daß sich daraus nur ein unerklärlicher Galimathias ergibt. Denn sobald Stärke Recht schafft, ändert sich mit der Ursache auch die Wirkung; jede Stärke, die die erste übersteigt, folgt ihr im Rechte nach.  Sobald man ungestraft ungehorsam sein kann, kann man es auch rechtmäßigerweise sein: und weil der Stärkere auch immer recht hat, handelt es sich nur darum, es so einzurichten, daß man der Stärkere ist.  Was ist das aber für ein Recht, das untergeht, wenn die Stärke endet? Wenn man gezwungen wird zu gehorchen, ist es nicht mehr nötig, es aus Pflicht zu tun, und wenn man nicht mehr gezwungen ist, zu gehorchen, ist man dazu auch nicht mehr verpflichtet. Man sieht also, daß dieses Wort »Recht« der Stärke nichts hinzufügt; es besagt hier überhaupt nichts.
Gehorcht den Machthabern! Wenn das heißen soll, »weicht der Stärke«, ist die Vorschrift gut, aber überflüssig; ich stehe dafür ein, daß ihr niemals zuwidergehandelt wird. Alle Macht kommt von Gott, ich gebe es zu; aber auch jede Krankheit kommt von ihm. Soll das heißen, daß es verboten ist, den Arzt zu rufen?  Wenn mich irgendwo im Wald ein Räuber überrumpelt: muß ich nicht nur gezwungenermaßen die Börse hergeben, sondern bin ich auch noch nach meinem Gewissen verpflichtet, sie herzugeben, wenn ich sie unterschlagen könnte? - denn schließlich ist die Pistole in seiner Hand auch eine Macht.
Einigen wir uns also darauf, daß Stärke nicht Recht schafft und daß man nur gesetzmäßiger Macht zum Gehorsam verpflichtet ist.  Und so stellt sich meine ursprüngliche Frage erneut.

4. Kapitel: Von der Sklaverei

Da kein Mensch von Natur aus Herrschaft über seinesgleichen ausübt und da Stärke keinerlei Recht erzeugt, bleiben also die Vereinbarungen als Grundlage jeder rechtmäßigen Herrschaft unter Menschen. [...]

6. Kapitel: Vom Gesellschaftsvertrag

Ich unterstelle, daß die Menschen jenen Punkt erreicht haben, an dem die Hindernisse, die ihrem Fortbestehen im Naturzustand schaden, in ihrem Widerstand den Sieg davontragen über die Kräfte, die jedes Individuum einsetzen kann, um sich in diesem Zustand zu halten. Dann kann dieser ursprüngliche Zustand nicht weiterbestehen, und das Menschengeschlecht würde zugrunde gehen, wenn es die Art seines Daseins nicht änderte.
Da die Menschen nun keine neuen Kräfte hervorbringen, sondern nur die vorhandenen vereinen und lenken können, haben sie kein anderes Mittel, sich zu erhalten, als durch Zusammenschluß eine Summe von Kräften zu bilden, stärker als jener Widerstand, und diese aus einem einzigen Antrieb einzusetzen und gemeinsam wirken zu lassen.
Diese Summe von Kräften kann nur durch das Zusammenwirken mehrerer entstehen: da aber Kraft und Freiheit jedes Menschen die ersten Werkzeuge für seine Erhaltung sind - wie kann er sie verpfänden, ohne sich zu schaden und ohne die Pflichten gegen sich selbst zu vernachlässigen? Diese Schwierigkeit läßt sich, auf meinen Gegenstand angewandt, so ausdrucken:

„Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt und durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor.“

Das ist das grundlegende Problem, dessen Lösung der Gesellschaftsvertrag darstellt. Die Bestimmungen dieses Vertrages sind durch die Natur des Aktes so vorgegeben, daß die geringste Abänderung sie null und nichtig machen würde; so daß sie, wiewohl sie vielleicht niemals förmlich ausgesprochen wurden, allenthalben die gleichen sind, allenthalben stillschweigend in Kraft und anerkannt; [...]
Diese Bestimmungen lassen sich bei richtigem Verständnis sämtlich auf eine einzige zurückführen, nämlich die völlige Entäußerung (aliénation) jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes. Denn erstens ist die Ausgangslage, da jeder sich voll und ganz gibt, für alle die gleiche, und da sie für alle gleich ist, hat keiner ein Interesse daran, sie für die anderen beschwerlich zu machen.
Darüber hinaus ist die Vereinigung, da die Entäußerung ohne Vorbehalt geschah, so vollkommen, wie sie nur sein kann, und kein Mitglied hat mehr etwas zu fordern. Denn wenn dem Einzelnen einige Rechte blieben, würde jeder da es keine allen übergeordnete Instanz gäbe, die zwischen ihm und der Öffentlichkeit entscheiden könnte, bald den Anspruch erheben, weil er in manchen Punkten sein eigener Richter ist, es auch in allen zu sein; der Naturzustand würde fortdauern, und der Zusammenschluß wäre dann notwendig tyrannisch oder inhaltslos.
Schließlich gibt sich jeder, da er sich allen gibt, niemandem, und da kein Mitglied existiert, über das man nicht das gleiche Recht erwirbt, das man ihm über sich einräumt, gewinnt man den Gegenwert für alles, was man aufgibt, und mehr Kraft, um zu bewahren, was man hat.
Wenn man also beim Gesellschaftsvertrag von allem absieht, was nicht zu seinem Wesen gehört, wird man finden, daß er sich auf folgendes beschränkt:

Gemeinsam stellen wir alle, jeder von uns seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Richtschnur des Gemeinwillens (volonté générale); und wir nehmen, als Körper, jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.

Dieser Akt des Zusammenschlusses schafft augenblicklich anstelle der Einzelperson jedes Vertragspartners eine sittliche Gesamtkörperschaft, die aus ebenso vielen Gliedern besteht, wie die Versammlung Stimmen hat, und die durch ebendiesen Akt ihre Einheit, ihr gemeinschaftliches Ich, ihr Leben und ihren Willen erhält. Diese öffentliche Person, die so aus dem Zusammenschluß aller zustande kommt, trug früher den Namen Polis, heute trägt sie den der Republik oder der staatlichen Körperschaft, die von ihren Gliedern Staat genannt wird, wenn sie passiv, Souverän, wenn sie aktiv ist, und Macht im Vergleich mit ihresgleichen. Was die Mitglieder betrifft, so tragen sie als Gesamtheit den Namen Volk, als Einzelne nennen sie sich Bürger, sofern sie Teilhaber an der Souveränität, und Untertanen, sofern sie den Gesetzen des Staates unterworfen sind. [...]

7. Kapitel: Vom Souverän

Man sieht aus dieser Formel, daß der Akt des Zusammenschlusses eine gegenseitige Verpflichtung von Öffentlichkeit und Einzelnen enthält und daß jeder Einzelne, indem er sozusagen mit sich selbst einen Vertrag schließt, sich in doppelter Hinsicht verpflichtet findet, nämlich als Glied des Souveräns gegenüber den Einzelnen und als Glied des Staates gegenüber dem Souverän.  Hier kann man jedoch nicht die Vorschrift des Bürgerlichen Rechtes anwenden, wonach niemand an Verträge mit sich selbst gebunden ist; denn es ist ein großer Unterschied, sich gegenüber sich selbst zu verpflichten oder gegenüber einem Ganzen, dessen Teil man ist. Darüber hinaus muß beachtet werden, daß der öffentliche Beschluß, der alle Untertanen gegenüber dem Souverän verpflichten kann aufgrund der zwei unterschiedlichen Beziehungen, unter denen jeder von ihnen gesehen werden muß, aus dem entgegengesetzten Grund den Souverän nicht gegen sich selbst verpflichten kann und daß es infolgedessen gegen die Natur der politischen Körperschaft ist, daß sich der Souverän ein Gesetz auferlegt, das er nicht brechen kann.  Da er sich nur in ein- und derselben Beziehung sehen kann, ist er dann in der Lage eines Einzelnen, der einen Vertrag mit sich selbst schließt: daraus sieht man, daß es für den Volkskörper keinerlei verpflichtendes Grundgesetz gibt noch geben kann, welcher Art auch immer, nicht einmal den Gesellschaftsvertrag. [...]

Da nun der Souverän nur aus den Einzelnen besteht, aus denen er sich zusammensetzt, hat er kein und kann auch kein dem ihren widersprechendes Interesse haben; [...] Nicht so verhält es sich aber mit den Untertanen gegenüber dem Souverän, dem nichts, trotz des gemeinsamen Interesses, für deren Verpflichtung einstünde, wenn er nicht Mittel fände, sich ihrer Treue zu versichern.
In der Tat kann jedes Individuum als Mensch einen Sonderwillen haben, der dem Gemeinwillen, den er als Bürger hat, zuwiderläuft oder sich von diesem unterscheidet.  Sein Sonderinteresse kann ihm ganz anderes sagen als das Gemeininteresse; sein selbständiges und natürlicherweise unabhängiges Dasein kann ihn das, was er der gemeinsamen Sache schuldig ist, als eine unnütze Abgabe betrachten lassen, deren Einbuße den anderen weniger schadet, als ihn ihre Leistung belastet, und er könnte gar seine Rechte als Staatsbürger in Anspruch nehmen, ohne die Pflichten eines Untertanen erfüllen zu wollen, da er die moralische Person, die der Staat darstellt, als Gedankending betrachtet, weil sie kein Mensch ist; eine Ungerechtigkeit, deren Umsichgreifen den Untergang der politischen Körperschaft verursachen würde.
Damit nun aber der Gesellschaftsvertrag keine Leerformel sei, schließt er stillschweigend jene Übereinkunft ein, die allein die anderen ermächtigt, daß, wer immer sich weigert, dem Gemeinwillen zu folgen, von der gesamten Körperschaft dazu gezwungen wird, was nichts anderes heißt, als daß man ihn zwingt, frei zu sein; denn dies ist die Bedingung, die den einzelnen Bürger vor jeder persönlichen Abhängigkeit schützt, indem sie ihn dem Vaterland übergibt; [...]

8. Kapitel: Vom bürgerlichen Stand

Dieser Übergang vom Naturzustand zum bürgerlichen Stand erzeugt im Menschen eine sehr bemerkenswerte Veränderung, weil dadurch in seinem Verhalten die Gerechtigkeit an die Stelle des Instinkts tritt und seinen Handlungen die Sittlichkeit verliehen wird, die ihnen zuvor mangelte. Erst jetzt, wo die Stimme der Pflicht an die Stelle des körperlichen Triebs und das Recht an die des Begehrens tritt, sieht sich der Mensch gezwungen, der bislang nur sich selbst im Auge hatte, nach anderen Grundsätzen zu handeln und seine Vernunft zu befragen, bevor er seinen Neigungen Gehör schenkt. Obgleich er sich in diesem Stand mehrerer Vorteile beraubt, die er von Natur aus hat, gewinnt er dadurch so große andere, seine Fähigkeiten üben und entwickeln sich, seine Vorstellungen erweitern, seine Gefühle veredeln sich, seine ganze Seele erhebt sich zu solcher Höhe, daß er - würde ihn nicht der Mißbrauch dieses neuen Zustands oft unter jenen Punkt hinabdrücken, von dem er ausgegangen ist - ununterbrochen den glücklichen Augenblick segnen müßte, der ihn für immer da herausgerissen hat und der aus einem stumpfsinnigen und beschränkten Lebewesen ein intelligentes Wesen und einen Menschen gemacht hat.
Führen wir diese ganze Gegenüberstellung auf leichter vergleichbare Begriffe zurück! Was der Mensch durch den Gesellschaftsvertrag verliert, ist seine natürliche Freiheit und ein unbegrenztes Recht auf alles, wonach ihn gelüstet und was er erreichen kann; was er erhält, ist die bürgerliche Freiheit und das Eigentum an allem, was er besitzt. Damit man sich bei diesem Ausgleich nicht täuscht, ist es notwendig, die natürliche Freiheit, die ihre Schranken nur in der Stärke des Individuums findet, deutlich von der bürgerlichen Freiheit zu unterscheiden, die durch den Gemeinwillen begrenzt ist, und den Besitz, der nur eine Folge der Stärke oder des Rechts des ersten Besitznehmers ist, vom Eigentum, das nur auf einen ausdrücklichen Titel gegründet werden kann.
Man könnte nach dem Vorhergehenden zum Erwerb des bürgerlichen Standes noch die sittliche Freiheit hinzufügen, die allein den Menschen zum wirklichen Herrn seiner selbst macht; denn der Antrieb des reinen Begehrens ist Sklaverei, und der Gehorsam gegen das selbstgegebene Gesetz ist Freiheit. Aber ich habe über diesen Punkt schon mehr als genug gesagt, und der philosophische Inhalt des Wortes Freiheit ist hier nicht mein Gegenstand. [...]
 

Zweites Buch

[...]

3. Kapitel: Ob der Gemeinwille irren kann

Aus dem Vorhergehenden folgt, daß der Gemeinwille immer auf dem rechten Weg ist und auf das öffentliche Wohl abzielt: woraus allerdings nicht folgt, daß die Beschlüsse des Volkes immer gleiche Richtigkeit haben. Zwar will man immer sein Bestes, aber man sieht es nicht immer. Verdorben wird das Volk niemals, aber oft wird es irregeführt, und nur dann scheint es das Schlechte zu wollen.
Es gibt oft einen beträchtlichen Unterschied zwischen dem Gesamtwillen und dem Gemeinwillen; dieser sieht nur auf das Gemeininteresse, jener auf das Privatinteresse und ist nichts anderes als eine Summe von Sonderwillen. Aber nimm von ebendiesen das Mehr und das Weniger weg, das sich gegenseitig aufhebt, so bleibt als Summe der Unterschiede der Gemeinwille.
Wenn die Bürger keinerlei Verbindung untereinander hätten, würde, wenn das Volk wohlunterrichtet entscheidet, aus der großen Zahl der kleinen Unterschiede immer der Gemeinwille hervorgehen, und die Entscheidung wäre immer gut. Aber wenn Parteiungen entstehen, Teilvereinigungen auf Kosten der großen, wird der Wille jeder dieser Vereinigungen ein allgemeiner hinsichtlich seiner Glieder und ein besonderer hinsichtlich des Staates; man kann dann sagen, daß es nicht mehr so viele Stimmen gibt wie Menschen, sondern nur noch so viele wie Vereinigungen.  Die Unterschiede werden weniger zahlreich und bringen ein weniger allgemeines Ergebnis.  Wenn schließlich eine dieser Vereinigungen so groß ist, daß sie stärker ist als alle anderen, erhält man als Ergebnis nicht mehr die Summe der kleinen Unterschiede, sondern einen einzigen Unterschied; jetzt gibt es keinen Gemeinwillen mehr, und die Ansicht, die siegt, ist nur eine Sonderanschauung.
Um wirklich die Aussage des Gemeinwillens zu bekommen, ist es deshalb wichtig, daß es im Staat keine Teilgesellschaften gibt und daß jeder Bürger nur seine eigene Meinung vertritt. [...]
 

4. Kapitel: Von den Grenzen der souveränen Gewalt

Alle Dienste, die ein Bürger dem Staat leisten kann, muß er ihm leisten, sobald der Souverän es verlangt; der Souverän kann aber von sich aus die Untertanen nicht mit einer für die Gemeinschaft unnötigen Kette belasten; er kann es nicht einmal wollen: denn unter dem Gesetz der Vernunft geschieht nichts ohne Grund, ebensowenig wie unter dem der Natur.
Die Verpflichtungen, die uns an den Gesellschaftskörper binden, sind nur deshalb zwingend, weil sie gegenseitig sind, und ihre Natur ist derart, daß man, wenn man sie erfüllt, nicht für einen anderen arbeiten kann, ohne zugleich für sich zu arbeiten. Warum hat der Gemeinwille immer recht, und warum wollen alle das Glück eines jeden, wenn nicht deshalb, weil es keinen gibt, der sich dieses Wort „jeder“ nicht zu eigen macht und der nicht an sich denkt, wenn er für alle stimmt? Das beweist: Gleichheit und der von ihr erzeugte Begriff von Gerechtigkeit rühren von dem Vorzug her, den jeder sich selbst gibt, und folglich von der Natur des Menschen; der Gemeinwille, um wahrhaft ein solcher zu sein, muß in seiner Auswirkung nicht weniger als in seinem Wesen allgemein sein; er muß von allen ausgehen, um sich auf alle zu beziehen; und er verliert seine natürliche Richtigkeit, sobald er auf einen einzelnen und festumrissenen Gegenstand gerichtet ist, weil wir, wenn wir über etwas uns Fremdes urteilen, keinen wahren Grundsatz der Billigkeit mehr haben, der uns leitet. [...]
 

5. Kapitel: Vom Recht über Leben und Tod

Man fragt, wie die Einzelnen, die nicht berechtigt sind, über ihr eigenes Leben zu verfügen, dieses Recht, das sie nicht haben, dem Souverän übertragen können?  Diese Frage scheint nur deshalb nicht leicht zu beantworten, weil sie falsch gestellt ist. jeder Mensch hat das Recht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um es zu bewahren. Hat man jemals behauptet, daß derjenige, der sich aus einem Fenster stürzt, um einem Feuer zu entkommen, sich des Selbstmords schuldig macht? Hat man dieses Verbrechen jemals schon demjenigen angelastet, der in einem Sturm umkam, dessen Gefahr ihm beim Einschiffen nicht unbekannt war? Der Gesellschaftsvertrag hat die Erhaltung der Vertragschließenden zum Zweck. Wer den Zweck will, will auch die Mittel, und diese Mittel sind mit einigen Gefahren, selbst mit einigen Verlusten untrennbar verbunden. Wer sein Leben auf Kosten der anderen erhalten will, muß es auch für sie hingeben, wenn es nötig ist. Nun ist der Bürger aber nicht mehr Richter über die Gefahr, der sich auszusetzen das Gesetz will, und wenn der Fürst [d.h. hier: der Souverän] ihm gesagt hat: Es ist dem Staat dienlich, daß du stirbst, muß er sterben; denn einzig unter dieser Bedingung hat er bisher in Sicherheit gelebt, und sein Leben ist nicht mehr nur eine Gabe der Natur, sondern ein bedingtes Geschenk des Staates.
Die Todesstrafe, die über Verbrecher verhängt wird, kann man etwa unter demselben Gesichtspunkt betrachten: um nicht selbst das Opfer eines Meuchelmörders zu werden, ist man einverstanden zu sterben, wenn man einer wird.  Weit entfernt davon, über sein eigenes Leben zu verfügen, versucht man durch diesen Vertrag nur, es sicherzustellen, und es ist nicht anzunehmen, daß dabei einer der Vertragschließenden die Absicht hat, sich hängen zu lassen.
Im übrigen wird jeder Missetäter, der das gesellschaftliche Recht angreift, durch seinen Frevel zum Rebellen und zum Verräter am Vaterland; dadurch, daß er dessen Gesetze verletzt, hört er auf, sein Glied zu sein, ja er liegt sogar mit ihm im Krieg. Jetzt ist die Erhaltung des Staats mit seiner Erhaltung unvereinbar, einer von beiden muß untergehen, und wenn man den Schuldigen zu Tode bringt, dann weniger als Bürger denn als Feind.  Das Verfahren und das Urteil sind die Beweise und die Erklärung, daß er den Gesellschaftsvertrag gebrochen hat und daß er folglich kein Glied des Staates mehr ist.  Da er sich als ein solches bekannt hatte, zumindest durch seinen Aufenthalt, muß er aus dem Staat ausgeschlossen werden, durch Verbannung als Vertragsbrüchiger oder durch den Tod als Staatsfeind; denn solch ein Feind ist keine sittliche Person, er ist nur irgendein Mensch, und unter diesen Umständen ist es Kriegsrecht, den Besiegten zu töten. [...]
Außerdem ist die Häufigkeit der Todesstrafe immer ein Zeichen für Schwäche und Trägheit der Regierung.  Es gibt keinen Bösewicht, den man nicht für irgend etwas tauglich machen könnte.  Man hat nicht das Recht, jemand zu töten, nicht einmal zur Abschreckung, ausgenommen jemand, den man ohne Gefahr nicht erhalten kann. [...]
 

Drittes Buch

[...]

1. Kapitel: Von der Regierung im allgemeinen

[...] Wir haben gesehen, daß die Legislative beim Volke liegt und nur bei ihm liegen kann.  Demgegenüber ersieht man aus den oben aufgestellten Grundsätzen leicht, daß die Exekutive nicht bei der Allgemeinheit liegen kann, die gesetzgebend und souverän ist; weil diese Gewalt nur aus einzelnen Akten besteht, die in keiner Weise in den Bereich des Gesetzes und folglich auch nicht in den des Souveräns fallen, dessen Akte alle nur Gesetze sein können.
Die öffentliche Gewalt braucht deshalb einen eigenen Geschäftsführer, der sie zusammenfaßt und gemäß den Anweisungen des Gemeinwillens ins Werk setzt, der als Verbindung zwischen Staat und Souverän dient, der für die öffentliche Person in gewisser Weise das bewirkt, was beim Menschen die Vereinigung von Seele und Körper hervorbringt. Das ist im Staat der Sinn der Regierung, die fälschlicherweise mit dem Souverän verwechselt wird, dessen Diener sie nur ist. [...]

18. Kapitel [...]

Die oben erwähnten regelmäßig wiederkehrenden Versammlungen sind geeignet, diesem Übel [Nichteinberufung einer Versammlung] vorzubeugen oder es hinauszuzögern, vor allem wenn sie keiner formelle Einberufung bedürfen: denn dann kann der Fürst sie nicht verhindern, ohne sich offen zum Gesetzesbrecher und Staatsfeind zu erklären.
Diese Versammlungen, die nur das Fortgelten des Gesellschaftsvertrages zum Gegenstand haben, sollen immer durch zwei Anträge eröffnet werden, die niemals weggelassen werden dürfen und die getrennt zur Abstimmung kommen.
Erstens: Gefällt es dem Souverän, die gegenwärtige Regierungsform beizubehalten?
Zweitens: Gefällt es dem Volk, die Verwaltung denen zu belassen, die gegenwärtig damit beauftragt sind?
 

Viertes Buch

1. Kapitel: Daß der Gemeinwille unzerstörbar ist

Solange sich mehrere Menschen vereint als eine einzige Körperschaft betrachten, haben sie nur einen einzigen Willen, der sich auf die gemeinsame Erhaltung und auf das allgemeine Wohlergehen bezieht. In diesem Zustand sind alle Triebkräfte des Staates gesund und einfach, seine Grundsätze sind klar und einleuchtend, es gibt keine verwickelten, widersprüchlichen Interessen, das Gemeinwohl ist immer offenbar, und man braucht nur gesunden Menschenverstand, um es wahrzunehmen. Friede, Einheit und Gleichheit sind Feinde politischer Spitzfindigkeiten. Die rechtschaffenen und einfachen Menschen sind aufgrund ihrer Geradheit schwer zu täuschen, Köder und raffinierte Scheingründe machen auf sie keinen Eindruck; selbst um hintergangen zu werden, sind sie nicht verfeinert genug.  Wenn man beim glücklichsten Volk der Welt sieht [die Schweizer], wie eine Schar Bauern die Staatsgeschäfte unter einer Eiche erledigt und sich immer vernünftig benimmt, kann man da umhin, das Raffinement der anderen Nationen zu verachten, die sich berühmt und elend machen mit so viel Kunst und Geheimniskrämerei?
Ein derart regierter Staat braucht sehr wenig Gesetzes, und sooft es nötig wird, neue zu erlassen, ist die Notwendigkeit hierfür allgemein sichtbar.  Wer sie als erster vorschlägt, spricht nur aus, was alle schon gefühlt haben, und weder Intrigen noch Beredsamkeit kommen in Frage, um als Gesetz durchzubringen, was jeder schon zu machen beschlossen hat, sobald er sicher ist, daß die anderen ebenso handeln werden wie er.
Die Besserwisser sind, da sie nur Staaten vor Augen haben, die von Anfang an schlecht verfaßt waren, durchdrungen von der Unmöglichkeit, eine derartige Staatsordnung aufrechtzuerhalten.  Sie lachen bei der Vorstellung all der Dummheiten, zu denen ein gerissener Spitzbube, ein schmeichlerischer Redner das Volk von Paris oder von London überreden könnte. Sie wissen nicht, daß Cromwell vom Berner Volk ins Schallenhaus und der Herzog von Beaufort von den Genfern in die Disziplin gesteckt worden wäre.
Wenn aber nach und nach das gesellschaftliche Band sich lockert, der Staat schwach wird, wenn die Sonderinteressen sich bemerkbar machen und die kleinen Vereinigungen Einfluß auf die große erlangen, erlahmt das gemeinsame Interesse und findet Widersacher, bei Abstimmungen herrscht keine Einstimmigkeit mehr, und der Gemeinwille ist nicht mehr der Wille aller [volonté de tous], es entstehen Widersprüche und Auseinandersetzungen, und der beste Vorschlag geht nicht mehr unbestritten durch. [...]
 

2. Kapitel: Von den Abstimmungen

[...] Wenn sich also in dem Augenblick, da der Gesellschaftsvertrag geschlossen wird, Andersdenkende finden, so macht deren Gegnerschaft den Vertrag nicht ungültig, sie verhindert nur, daß sie dazugezählt werden; sie sind Fremde unter den Bürgern. Wenn der Staat gegründet ist, liegt die Zustimmung im Wohnsitz; das Staatsgebiet bewohnen heißt, sich der Souveränität unterwerfen.
Abgesehen von diesem ursprünglichen Vertrag verpflichtet die Stimme der Mehrzahl immer alle anderen; gerade das ist eine Folge des Vertrages. Man fragt sich aber, wie ein Mann frei sein kann und gezwungen, sich Willen zu unterwerfen, die nicht die seinen sind. Wie können Andersdenkende zugleich frei und Gesetzen unterworfen sein, denen sie nicht zugestimmt haben?
Ich antworte, daß die Frage so nicht richtig gestellt ist. Der Bürger stimmt allen Gesetzen zu, selbst jenen, die man gegen seinen Willen verabschiedet, und sogar solchen, die ihn bestrafen, wenn er es wagt, eines davon zu verletzen. Der beständige Wille aller Glieder des Staates ist der Gemeinwille; durch ihn sind sie Bürger und frei. Wenn man in der Volksversammlung ein Gesetz einbringt, fragt man genaugenommen nicht danach, ob die Bürger die Vorlage annehmen oder ablehnen, sondern ob diese ihrem Gemeinwillen entspricht oder nicht; jeder gibt mit seiner Stimme seine Meinung darüber ab, und aus der Auszählung der Stimmen geht die Kundgebung des Gemeinwillens hervor. Wenn also die meiner Meinung entgegengesetzte siegt, beweist dies nichts anderes, als daß ich mich getäuscht habe und daß das, was ich für den Gemeinwillen hielt, es nicht war. Wenn mein Sonderwille gesiegt hätte, hätte ich gegen meinen eigenen Willen gehandelt und wäre deshalb nicht frei gewesen. [...]
 

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