Text zur 3. Sitzung

BUCH I (Alpha)

Kapitel 1

[Wahrnehmung - Erinnerung - Erfahrung - "Kunst"]

Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.

Dies beweist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen (aisthesis) denn auch ohne den Nutzen werden sie an sich geliebt und vor allen anderen die Wahrnehmungen mittels der Augen. [...] Ursache davon ist, daß dieser Sinn uns am meisten Erkenntnis (gnôrizein) gibt und viele Unterschiede aufdeckt.

Von Natur nun entstehen die Lebewesen mit sinnlicher Wahrnehmung, aus dieser entsteht bei einigen von ihnen keine Erinnerung (mnêmê), bei anderen wohl, und darum sind diese verständiger und gelehriger als jene, welche sich nicht erinnern können. [...]

Aus der Erinnerung entsteht [...] für die Menschen Erfahrung (empeiria); denn viele Erinnerungen an denselben Gegenstand bewirken das Vermögen einer Erfahrung, und es scheint die Erfahrung der Wissenschaft und Kunst fast ähnlich zu sein. [...] Die Kunst (technê) entsteht dann, wenn sich aus vielen durch die Erfahrung gegebenen Gedanken eine allgemeine Annahme über das Ähnliche bildet. Denn die Annahme, daß (z.B.) dem Kallias, der an dieser bestimmten Krankheit litt, dieses bestimmte Heilmittel half, und ebenso dem Sokrates und vielen Einzelnen, ist eine Sache der Erfahrung; daß es dagegen allen von solcher Beschaffenheit, die [...] an dieser Krankheit litten, zuträglich war, [...] diese Annahme gehört der Kunst an. [...]

 

[Kunst: Wissen um Ursachen und Prinzipien]

Wenn nun jemand den Begriff besitzt ohne Erfahrung und das Allgemeine kennt, das darin enthaltene Einzelne aber nicht kennt, so wird er das rechte Heilverfahren oft verfehlen; denn Gegenstand des Heilens ist vielmehr das Einzelne.

Dennoch aber glauben wir, daß Wissen und Verstehen mehr der Kunst zukomme als der Erfahrung und halten die Künstler [d.h. den "Kundigen"] für weiser als die Erfahrenen [...].

Und dies deshalb, weil die einen die Ursache (aitia, wrtl.: "das Verantwortliche") kennen, die anderen nicht. Denn die Erfahrenen kennen nur das Daß (to hoti), aber nicht das Warum (dioti = dia hoti); jene aber kennen das Warum und die Ursache. [...]

Als [...] schon alles [Lebensnotwendige] erworben war, da wurden die Wissenschaften (Wissen/Wissenschaft = epistêmê) gefunden, die sich weder auf das Angenehme, noch auf die notwendigen Bedürfnisse des Lebens beziehen, und zwar zuerst in den Gegenden, wo man Muße hatte. Deshalb bildeten sich in Ägypten zuerst die mathematischen Künste (Wissenschaften) aus, weil dort dem Stande der Priester Muße gelassen war. [...]

[...] Daß also die Weisheit (sophia) eine Wissenschaft von gewissen Prinzipien und Ursachen ist, das ist hieraus klar.

 

Kapitel 2

[Die Wissenschaft von den ersten Ursachen und Prinzipien]

Da wir nun diese Wissenschaft suchen, müssen wir danach fragen, von welcherlei Ursachen und Prinzipien die Wissenschaft handelt, welche Weisheit ist. [...]

Sie muß [...] eine auf die ersten Prinzipien und Ursachen gehende, theoretische (theôrein = schauen; archê = Prinzip, Anfang) sein; [...]

 

[Staunen als Anfang des Philosophierens]

Daß sie aber keine hervorbringende (poietische (poiein = machen)) ist, beweisen schon die ältesten Philosophen. Denn Verwunderung (to thaumazein) war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens (philo-sophein), indem sie sich anfangs über das nächstliegende Unerklärte verwundenen, dann allmählich fortschritten und auch über Größeres Fragen aufwarfen, z.B. über die Erscheinungen an dem Mond und der Sonne und den Gestirnen und über die Entstehung des Alls. Wer sich aber über eine Sache fragt und verwundert, der glaubt sie nicht zu kennen. [...]

 

[Philosophie als Wissenschaft um ihrer selbst willen]

Daraus erhellt also, daß wir sie nicht um irgendeines anderweitigen Nutzens willen suchen; sondern,

wie wir den Menschen frei nennen, der um seiner selbst willen, nicht um eines anderen willen ist,

so auch diese Wissenschaft als allein unter allen freie; denn sie allein ist um ihrer selbst willen (heautês heneken).

 

[Die Wissenschaft der ersten Prinzipien und Ursachen als göttlich (theion)]

Darum möchte man auch mit Recht ihre Erwerbung für eine nicht (mehr) menschliche halten; [...] und es dürfte daher wohl [...] "nur ein Gott dieses Vorrecht besitzen", für den Menschen aber unziemlich sein, nicht die ihm angemessene Wissenschaft zu suchen. Wenn die Dichter recht haben und die Götter von Natur neidisch sind, so würde dies hier am meisten zutreffen [...] Göttlich aber dürfte [die Wissenschaft der ersten Prinzipien und Ursachen] allein [...] in zweifachem Sinne sein:

Einmal nämlich ist die Wissenschaft göttlich, welche der Gott am meisten haben mag,

und zum andern die, welche das Göttliche zum Gegenstand haben dürfte.

Bei dieser Wissenschaft allein trifft beides zugleich ein; denn Gott (ho theos) gilt allen für eine Ursache und Prinzip, und diese Wissenschaft möchte wohl allein oder doch am meisten Gott besitzen. Notwendiger als diese sind alle anderen, besser aber keine. [...]

 

Kapitel 3

[Die Vierursachenlehre]

Da wir nun offenbar eine Wissenschaft von den anfänglichen Ursachen (ex archês aitiôn) uns erwerben müssen

(denn ein Wissen von jedem zu haben beanspruchen wir dann, wenn wir die erste Ursache (prôtê aitia) zu kennen glauben),

die Ursachen (aitia) aber in vier verschiedenen Bedeutungen genannt werden,

  1. von denen die eine, wie wir behaupten, das Wesen (Wesenheit) (ousia) und das Sosein (to ti ên einai = das "Was es war") ist (denn das Warum wird zuletzt auf den Begriff (logos) der Sache zurückgeführt, Ursache aber und Prinzip ist das erste Warum), [causa formalis]
  2. eine andere der Stoff (hylê) und das Substrat (hypokeimenon = Zugrundeliegendes), [causa materialis]
  3. eine dritte die, woher der Anfang der Bewegung (archê tês kinêseôs) kommt, [causa efficiens]
  4. eine vierte aber die dieser entgegengesetzte, nämlich das Weswegen (to hou heneka) und das Gute (t'agathon) (denn dieses ist das Ziel (telos) aller Entstehung (genesis) und Bewegung (kinêsis)): [causa finalis]

so wollen wir, obgleich wir diesen Gegenstand in den Büchern Über die Natur [Physik II 3, s.u.] hinlänglich erörtert haben, doch auch diejenigen hinzuziehen, welche vor uns das Seiende (ta onta) erforscht und über die Wahrheit (alêtheia) philosophiert haben.
Ü: Bonitz / Seidl

Aus den Mitschriften der Physikvorlesung ("Physik"),

Buch II, Kap. 3 194b23-33, Ü: H.G.Zekl (leicht abgewandelt)

[1. Causa materialis] Auf eine Weise wird also Ursache genannt das, woraus als schon Vorhandenem etwas entsteht, z.B. das Erz Ursache des Standbilds [...]

[2. Causa formalis] Auf eine andere aber die Form [(eidos)] und das Modell [(paradeigma)], d.i. die vernünftige Erklärung [...] "was es wirklich ist" [... z.B. bei der Oktave das Verhältnis 2:1...]

[3. Causa efficiens] Weiter, woher der erste Anfang der Veränderung [...] kommt]; z.B. ist der Ratgeber Verursacher von etwas, und der Vater Verursacher des Kindes, und allgemein das [Machende] (Ursache) dessen, was [gemacht] wird, und das Verändernde dessen, was sich ändert.

[4. Causa finalis] Schließlich: Als das Ziel, d.i. das Weswegen [(to hou heneka)]; z.B. (Ziel) des Spazierengehens ist die Gesundheit. [...]
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