Das Allerwichtigste von Platon

 

Aus der Unterweisung der Diotima
, Symposion 210a-211d

Es muß nämlich,
wer richtig diese Sache angehen will,
damit beginnen (wenn er noch jung ist),
den schönen Körpern nachzugehen,
und zuerst (wenn er richtig beginnt),
nach einem Körper streben [...]
 
Danach wird er verstehen,
daß das Schöne in jeglichem Körper dem in jedem anderen verschwistert ist;
und daß es
(falls man das der Idee nach Schöne verfolgen soll)
großer Unverstand wäre, nicht
für eines und dasselbe zu halten das in all den Körpern Schöne; [...]
 

Danach aber muß er das in den Seelen Schöne für herrlicher zu halten als das im Körper,
[...und zwar, um dahin zu gelangen],
das Schöne in den Bestrebungen und in den Sitten anzuschauen,
um wiederum von diesem zu sehen, daß es sich überall verwandt ist
(und so die Schönheit des Leibes für etwas Geringes zu halten).
 
Von den Bestrebungen aber muß er weiter zu den Erkenntnissen gehen,
damit er auch die Schönheit der Erkenntnisse schaue [...]
bis er [...] eine bestimmte Erkenntnis erblicke,
welche [Erkenntnis] eines folgendermaßen Schönen ist: [...]
 

[Er] wird [...] plötzlich
ein von Natur wunderbares Schönes erblicken;
jenes selbst, o Sokrates,
um dessen willen er alle bisherigen Anstrengungen gemacht hat:
 

welches
allererst immer ist
weder entsteht noch vergeht
weder wächst noch abnimmt
nicht "in bezug auf dieses schön, in bezug auf jenes aber häßlich" ist,
nicht "mal so und mal nicht",
nicht "in Vergleich hiermit schön, im Vergleich damit häßlich",
nicht "hier schön und dort häßlich",
als sei es für die einen schön, für die andern aber häßlich.
 

Auch erscheint ihm dieses Schöne
nicht wie ein Gesicht, wie Hände oder irgendetwas anderes, das am Körper teilhat,
nicht als etwas Sprachliches, nicht als Erkenntnis
noch als irgendwo in etwas anderem seiend
(etwa einem Lebewesen, der Erde oder dem Himmel, noch irgend etwas anderem);
 

Sondern:
An sich und für sich und mit sich
eingestaltig
immerseiend.
 

Alle anderen schönen [Dinge erscheinen ihm aber als] an jenem teilhabend,
und zwar auf eine solche Weise daß,
wenn auch die anderen Dinge entstehen und vergehen,
jenes doch nie davon mehr oder weniger wird oder irgendetwas erleidet. [...]
Denn dies ist die rechte Art [...],
daß man von dem einzelnen Schönen beginnend
jenes einen Schönen wegen immer höher hinaufsteige,
gleichsam stufenweise:
von einem zu zweien
und von zweien zu allen schönen Körpern,
und von den schönen Körpern zu den schönen Sitten und Handlungsweisen,
und von den Sitten zu den schönen Kenntnissen,
bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis gelangt,
welche von nichts anderem als von jenem Schönen selbst die Kenntnis ist,
und man also zuletzt jenes selbst, was schön ist erkenne.
 

Und an dieser Stelle des Lebens, o lieber Sokrates, [...]
wenn überhaupt irgendwo,
ist dem Menschen [das Leben] lebenswert,
wo er das Schöne selbst schaut.
 

Aus "Phaidon" (100b-d)

Ich fange davon an, daß ich voraussetze,
es gebe ein Schönes an und für sich
und ein Gutes und Großes
und so alles andere,
woraus [...] ich dann hoffe, dir [...] nachzuweisen, daß die Seele unsterblich ist. [...]
Mir scheint nämlich,
wenn irgend etwas schön ist außer jenem selbst Schönen,
daß es wegen gar nichts anderem schön sei,
als weil es teilhabe an jenem Schönen;
und ebenso sage ich von allem. [...]
 

Und so verstehe ich denn gar nicht mehr
und begreife nicht jene andern gelehrten Gründe;
sondern wenn mir jemand sagt,
daß irgendetwas schön ist, weil es eine blühende Farbe hat [...]
oder sonst etwas in dieser Art,
so lasse ich das andere [...]
und halte mich ganz einfach und kunstlos und vielleicht einfältig daran,
daß nichts anderes es schön macht als die,
sagen wir, "Anwesenheit" oder "Gemeinschaft" jenes Schönen,
(wie nur und woher sie auch kommen mag,
denn darüber möchte ich nichts weiter behaupten),
sondern nur,
daß aufgrund des Schönen alle schönen Dinge schön werden.
 

Aus: Parmenides
1.Teil (130b/e, 132a/b)

"Aber sage mir bitte, hast du selbst die Unterscheidung gemacht, die du eben genannt hast,
auf der einen Seite getrennt für sich Ideen,
auf der anderen Seite getrennt für sich dasjenige, was an ihnen teilhat?
Und scheint dir die-Ähnlichkeit-selbst etwas zu sein, was getrennt von der Ähnlichkeit ist, die wir selbst [an uns] haben [...]?"
[...] "Ja." [...]
"Und [nimmst du auch an...] vom Gerechten eine Idee allein für sich,
vom Schönen, Guten und von allem dergleichen mehr?"
[...] "Ja." [...]
"Und wie steht es um die Idee des Menschen,
getrennt von uns und von allem, was so ist wie wir?
Nimmst du auch eine Idee-an-sich vom Menschen an oder vom Feuer oder vom Wasser?"
"Mir sind schon oft Zweifel gekommen, [...]
ob man hiervon dasselbe behaupten soll wie von dem übrigen
oder etwas anderes."
"Und bei solchem, [...] was ja lächerlich zu klingen scheint:
etwa bei Haaren, Lehm, Dreck oder was sonst noch äußerst wertlos und gewöhnlich ist.
Hast du auch hier Zweifel, ob man von jedem von ihnen eine getrennte Idee behaupten solle? [...]"
"[Man soll das] auf keinen Fall [...] sondern man muß behaupten, daß diese Dinge genau so sind, wie wir sie sehen. Eine Idee von ihnen anzunehmen wäre doch allzu abwegig. [...]
Wenn ich an diesem Punkt zu stehen komme, fliehe ich aus Angst, in eine bodenlose Albernheit zu geraten und darin umzukommen. Daher kehre ich wieder zu den Dingen zurück, von denen wir eben Ideen angenommen haben, und bleibe lieber dabei, mich mit ihnen zu beschäftigen." [...]
"Ich glaube, du nimmst aus folgendem Grund an, daß es pro Eigenschaft exakt eine Idee gibt:
Sooft du meinst, da seien viele große Dinge,
meinst du auch, da sei [etwas Einheitliches-zu-sehen, eben] genau eine Idee, wenn du über sie alle den Blick schweifen läßt.
Daher hältst du das Große für ein einziges."
"Du sagst die Wahrheit."
"Wie ist es nun mit d[ies]em Großen plus den anderen großen Dingen?
Wenn du auf die gleiche Art mit der Seele darüber blickst,
erscheint dir dann nicht nochmal ein Großes,
aufgrund dessen all dies dir groß erscheinen muß?"
"Es scheint so."
"Eine weitere Idee der Größe erscheint also,
zusätzlich zum Großen-selbst und dem, was an ihm teilnimmt.
Und über diesen allen noch eine andere, aufgrund derer diese alle groß sind.
Und so gibt es bei dir nicht mehr jeweils eine Idee [pro Eigenschaft], sondern unendlich viele [für jede einzelne Eigenschaft]."
 
 

Mehr Informationen zu Platon in einem Vortrag gibts hier.

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