Text zur 4. Sitzung: Die Vierursachenlehre im Vergleich

Buch I (A) (Forts.)

Kapitel 3, Fortsetzung

[Lehrbericht ("Doxographie") - Was haben andere Philosophen zum Thema "Ursachen" gesagt?]

[O]ffenbar sprechen auch jene [= die früheren Philosophen] von gewissen Prinzipien und Ursachen; diese durchzugehen wird also der gegenwärtigen Untersuchung (Methode) förderlich sein; denn entweder werden wir noch eine andere Gattung der Ursache finden oder den jetzt erwähnten mehr vertrauen.

[Stoff-Prinzipien]

Von den ersten Philosophen hielten die meisten nur die stoffartigen für die Prinzipien von allem; [...] Doch über die Menge und die Art eines derartigen Prinzips stimmen nicht alle überein. Thales, der Urheber solcher Philosophie, nennt es Wasser (weshalb er auch erklärte, daß die Erde auf dem Wasser sei), wobei er vielleicht zu dieser Annahme kam, weil er sah, daß die Nahrung aller Dinge feucht ist und das Warme selbst aus dem Feuchten entsteht und durch dasselbe lebt (das aber, woraus alles wird, ist das Prinzip von allem); [...] Anaximenes und Diogenes dagegen setzen die Luft als früher gegenüber dem Wasser an und als vorzüglichstes Prinzip unter den einfachen Körpern, [...] Herakleitos (= Heraklit) der Ephesier das Feuer, Empedokles die vier Elemente, indem er zu den genannten die Erde als viertes hinzufügte. Denn diese blieben (nach seiner Ansicht) immer und entständen nicht, außer in Hinsicht der größeren oder geringeren Menge, indem sie zur Einheit verbunden oder aus der Einheit ausgeschieden würden. Anaxagoras aber [...] behauptet, daß die Prinzipien unbegrenzt viele seien; [...] Hiernach möchte man das nach Art des Stoffes verstandene Prinzip für das einzige ansehen.

[Kritik]

Beim weiteren Fortschritt jedoch zeigte ihnen die Sache selbst den Weg und nötigte sie zum (weiteren) Forschen. Denn wenn auch durchaus jedem Entstehen und Vergehen etwas zugrunde liegt, aus dem es hervorgeht, sei dies eines oder mehreres, warum geschieht denn dies und was ist die Ursache? Denn das Zugrundeliegende bewirkt doch nicht selbst seine eigne Veränderung. Ich meine z. B. so: Das Holz und das Erz sind nicht die Ursache dafür, daß sich jedes von beiden verändert, und nicht das Holz macht ein Bett oder das Erz eine Bildsäule (aus sich selbst), sondern etwas anderes ist Ursache der Veränderung. Diese Ursache nun suchen heißt das zweite Prinzip suchen, oder, wie wir es nennen würden, dasjenige, wovon der Anfang der Bewegung kommt.

[Bewegendes Prinzip?]

[Dieser Herausforderung stellten sich] z. B. die, welche das Warme und das Kalte oder Feuer und Erde annehmen; sie gebrauchen nämlich das Feuer, als habe es eine bewegende Natur, das Wasser aber und die Erde und das andere dieser Art in der entgegengesetzten Weise.

Nach diesen Männern und solchen (von ihnen vertretenen) Prinzipien wurde man, da diese nicht genügten, die Natur des Seienden aus ihnen entstehen zu lassen, wieder, wie gesagt, von der Wahrheit selbst genötigt, das nächstfolgende Prinzip zu suchen. Denn daß sich im Sein und Werden das Gute und Schöne findet, davon kann doch billigerweise nicht das Feuer oder die Erde oder sonst etwas der Art die Ursache sein, noch konnten jene wohl diese Ansicht haben; aber ebensowenig ging es wohl an, eine so große Sache dem Zufall und dem Ungefähr zuzuschreiben. Als nun jemand [nämlich Anaxagoras] erklärte, daß Vernunft (nous = Denkendes) wie in den lebenden Wesen so auch in der Natur die Ursache aller Schönheit und aller Ordnung sei, da erschien er gegen die Früheren wie ein Nüchterner gegen Irreredende. [...] Diejenigen nun, welche diese Annahme aufstellten, setzten zugleich die Ursache des Guten als ein Prinzip des Seienden, und als eine solche, wovon für das Seiende der Anfang der Bewegung kommt.

 

Kapitel 4

[Das Gute als Ursache?]

Man könnte vermuten, daß Hesiod zuerst eine solche Ursache gesucht und wer noch sonst etwa Liebe oder Begierde in dem Seienden als Prinzip gesetzt, wie auch Parmenides; denn dieser sagt, wo er die Entstehung des Alls aufbaut: "Als ersten von allen unsterblichen Göttern ersann sie (die über das All wartende Göttin) den Eros"; [...] als ob in dem Seienden sich eine Ursache finden müsse, welche die Dinge bewege und zusammenbringe. [...]

Da aber auch das Gegenteil des Guten sich in der Natur vorhanden zeigte, nicht nur Ordnung und das Schöne, sondern auch Unordnung und das Häßliche, und des Bösen mehr als des Guten, des Schlechten mehr als des Schönen, so führte ebenso ein anderer [= Empedokles] Freundschaft und Streit ein, jedes von beiden als Ursache jener beiden. [...]

Soweit also scheinen diese [auch die Atomisten Leukipp und Demokrit sowie Parmenides, der Philosoph des unbewegten "Einen"], wie gesagt, sich mit zwei von den Ursachen befaßt zu haben, welche wir in den Büchern Über die Natur unterschieden haben, nämlich mit dem Stoff und mit dem, wovon die Bewegung ausgeht, indessen nur undeutlich und noch keineswegs sicher, sondern so wie es in den Gefechten die Ungeübten machen; denn diese fuhren im Herumfahren wohl auch öfters gute Hiebe, aber sie tun es nicht aus Wissen, und ebenso gleichen auch jene nicht Wissenden in dem, was sie sagen; denn sie machen ja offenbar von diesen Prinzipien fast gar keinen oder doch nur sehr wenig Gebrauch.

Anaxagoras nämlich gebraucht bei seiner Weltbildung die Vernunft (nous) (wie) als Kunstgriff (wie den Maschinengott im Theater (mechanêi)), und wenn er in Verlegenheit kommt, aus welcher Ursache denn etwas notwendig sein soll, dann zieht er ihn herbei; im übrigen aber sucht er die Ursache eher in allem andern Entstehenden als in der Vernunft. [...]

 

Kapitel 5

Während dieser Zeit und schon vorher befaßten sich die sogenannten Pythagoreer mit der Mathematik und brachten sie zuerst weiter, und darin eingelebt hielten sie deren Prinzipien [die Zahlen] für die Prinzipien alles Seienden. [...]

 

Kapitel 6

[Beschreibung von Platons Lehre]

Nach den genannten Philosophen folgte die Lehre Platons [...] Da er nämlich von Jugend auf mit [...] den Ansichten des Heraklit bekannt geworden war, daß alles Sinnliche in beständigem Flusse sei [vgl. Diels / Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker, Fragment 91], und daß es keine Wissenschaft davon gebe, so blieb er auch später bei dieser Annahme.

Und da sich nun Sokrates mit den ethischen Gegenständen beschäftigte und gar nicht mit der gesamten Natur, in jenen aber das Allgemeine suchte und sein Nachdenken zuerst auf Definitionen richtete, brachte dies den Platon, der seine Ansichten aufnahm, zu der Annahme,

daß die Definition auf etwas von dem Sinnlichen Verschiedenes gehe; denn unmöglich könne es eine allgemeine Definition von irgendeinem sinnlichen Gegenstande geben, da diese sich in beständiger Veränderung befänden.

Was nun von dem Seienden solcher Art war, nannte er Ideen;

das Sinnliche aber sei neben (para) diesem und werde nach ihm benannt; denn durch Teilhabe an den Ideen existiere die Vielheit des den Ideen Gleichnamigen.

Dieser Ausdruck 'Teilhabe' (methexis) ist nur ein neues Wort für eine ältere Ansicht; denn die Pythagoreer behaupten, das Seiende existiere durch Nachahmung (mimêsis, vgl. Arist. Poetik vs. Platon, Politeia X) der Zahlen, Platon, mit verändertem Namen, durch Teilhabe. Was denn aber eigentlich diese Teilhabe oder diese Nachahmung sei, das haben sie andern zu untersuchen überlassen. [...]

 

Kapitel 7

[Was bisher schief gelaufen ist]

Kurz und zusammenfassend sind wir hiermit durchgegangen, wer von den Prinzipien und der Wahrheit gehandelt hat, und in welcher Weise; soviel jedoch können wir daraus entnehmen, daß von allen, die über Prinzip und Ursache handeln, keiner ein anderes Prinzip außer den in den Büchern Über die Natur, von uns bestimmten genannt hat, sondern offenbar alle, freilich dunkel, nur jene irgendwie berühren.

Denn die einen meinen das Prinzip als Stoff, [...] Diese also haben nur diese (eine) Ursache aufgefaßt; andere haben dazu das hinzugefügt, wovon der Ursprung der Bewegung ausgeht, z. B. alle, welche Freundschaft und Streit oder Vernunft oder Eros zum Prinzip machen.

Das Sosein (to ti ên einai) und das Wesen (ousia) hat keiner bestimmt angegeben,

am meisten sprechen noch davon die, welche die Ideen annehmen; denn weder als Stoff setzen sie für das Sinnliche die Ideen und für die Ideen das Eine voraus, noch nehmen sie an, daß davon die Bewegung ausgehe (denn sie erklären es vielmehr für die Ursache der Bewegungslosigkeit und der Ruhe), sondern die Ideen verursachen das Sosein für jedes von den übrigen Dingen [...].

Den Zweck aber (to hou heneka), um deswillen die Handlungen und Veränderungen und Bewegungen geschehen, führen sie in gewisser Weise als Ursache an, doch nicht in dieser Weise und nicht, wie es der Natur der Sache angemessen ist. Diejenigen nämlich, welche die Vernunft oder die Freundschaft annehmen, setzen zwar diese Ursachen als etwas Gutes, aber doch nicht in dem Sinne, daß um ihretwillen etwas von den seienden Dingen sei oder werde, sondern so, daß sie von ihnen die Bewegungen ausgehen lassen.

Ebenso sagen zwar die, welche das Eine oder das Seiende [= die Ideen] für eine solche Natur erklären, daß dieses Ursache des Wesens (der Substanz) sei, aber doch nicht, daß um seinetwillen etwas sei oder werde.

So ergibt sich denn, daß sie das Gute als Ursache gewissermaßen aufstellen und auch nicht aufstellen; denn sie machen es nicht schlechthin (haplôs), sondern in akzidentellem Sinne (kata symbebêkos) zur Ursache. [...]

 

Kapitel 9

[Kritik an Platon]

Ferner erscheint von den Beweisen, welche wir für die Existenz der Ideen führen [sic!], keiner evident; [...] teils sprechen sie von "dem dritten Menschen" [vgl. die Stelle aus Platons "Parmenides" in den Textausschnitten zur 2. Sitzung]. [...]

Am meisten aber müßte man wohl in Verlegenheit kommen, wenn man angeben sollte, was denn die Ideen für das Ewige unter dem sinnlich Wahrnehmbaren oder für das Entstehende und Vergehende beitragen;

denn sie sind ja weder irgendeiner Bewegung noch einer Veränderung Ursache.

Aber sie helfen auch nichts, weder zur Erkenntnis der anderen Dinge (denn sie sind ja nicht das Wesen derselben, sonst müßten sie in ihnen sein),

noch zum Sein derselben, da sie ja nicht in den an ihnen teilhabenden Dingen sind. [...]

Wenn man aber sagt, die Ideen seien Vorbilder (Vorbild = paradeigma) und das andere nehme an ihnen teil, so sind das leere Worte und poetische Metaphern. Denn was ist denn das werktätige Prinzip, welches im Hinblick auf die Ideen arbeitet? Es kann ja auch etwas einem andern ähnlich sein oder werden, ohne diesem nachgebildet zu sein; also mag es nun einen Sokrates geben oder nicht, so kann es jemand geben wie Sokrates, und dasselbe gälte offenbar auch, wenn es einen ewigen Sokrates gäbe.

Ferner wird es für dasselbe Ding mehrere Vorbilder geben, also auch mehrere Ideen, z. B. für den Menschen das Lebewesen und das Zweifüßige und zugleich den Menschen selbst.

Ferner muß es wohl für unmöglich gelten, daß das Wesen (ousia) und dasjenige, wovon es Wesen (Wesenheit) ist (hou hê ousia), getrennt (chôris) voneinander existieren. Wie können denn also die Ideen, wenn sie die Wesen(heiten) der Dinge (ousiai tôn pragmatôn) sind, getrennt von diesen existieren? [...]


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