Nachtrag zur Sitzung am 29.11.

Zu den Begriffen kath' (h)auto und kata symbebêkos bei Aristoteles

1. 'n paar Vokabeln:

kata, vor Vokal kath' = in bezug auf

auton = (etwas) selbst

syn, sym = zusammen

bainô = kommen, Schritte machen

bebêkos = gekommen seiend, stehend

sym-bebêkos = zusammengekommen seiend, zusammenstehend, zu-fällig, dazugekommen

kath' (h)auto = wörtl.: in bezug auf es selbst, "an sich", lat.: per se

kata symbebêkos = in bezug aufs Dazugekommene, lat.: per accidens (ac-cidere = zu-fallen),"akzidentell"

2. Wörterbucheinträge: kath'hauto : D 18 (schwerer Text), kata symbebêkos : D 30 (letzter Eintrag in D!)

3. Arbeitsdefinitionen:

Der / die / das F a ist kath' hauto G genau dann wenn gilt:

1)a ist als F anzusprechen

2)weil a F ist, ist a G.

Der häufigste Fall, in dem das so ist, läßt sich folgendermaßen beschreiben:

Der / die / das F a ist kath' hauto-I G genau dann wenn gilt:

1) a ist als F anzusprechen

2) F-Sein impliziert G-Sein (weil a F ist, ist a G, 1. Fall).

[Bsp.: "Der Mensch Walther ist kath'hauto ein Lebewesen"]

(Streng genommen gibt es noch einen wenig bekannten, etwas kniffligen zweiten Fall, der sich grob so beschreiben läßt:

Der / die / das F a ist kath' hauto-II G genau dann wenn gilt:

1) a ist als F anzusprechen

2) G-Sein ist nur denkbar von Dingen, die F sind (weil a F ist, ist a G, 2. Fall).

[Bsp.: "Der Mensch Walther ist kath'hauto ein Mann", vgl. zu Details: B.Hafemann, Aristoteles' Transzendentaler Realismus, Berlin / New York 1998, S.19] )

Ausserdem kann man definieren:

Der / die / das F a ist kata symbebêkos G genau dann wenn gilt:

1) a ist als F anzusprechen

2) a ist zwar G, aber nicht deshalb, weil a F ist

(weder impliziert F-Sein G-Sein, noch ist G-Sein nur von Dingen denkbar, die F sind)

Bsp.: "Der Mensch Walther ist kata symbebêkos 75 kg schwer"

4. Eine interpretationsbedürftige Stelle aus Met. A 7

"Den Zweck aber (to hou heneka), um deswillen die Handlungen und Veränderungen und Bewegungen geschehen, führen sie [Empedokles & co.] in gewisser Weise als Ursache an, doch nicht in dieser Weise und nicht, wie es der Natur der Sache angemessen ist. Diejenigen nämlich, welche die Vernunft oder die Freundschaft annehmen, setzen zwar diese Ursachen als etwas Gutes, aber doch nicht in dem Sinne, daß um ihretwillen etwas von den seienden Dingen sei oder werde, sondern so, daß sie von ihnen die Bewegungen ausgehen lassen. [...] So ergibt sich denn, daß sie das Gute als Ursache gewissermaßen aufstellen und auch nicht aufstellen; denn sie machen es nicht schlechthin (haplôs) [man könnte hier statt haplôs auch kath'hauto sagen, vgl. unten], sondern in akzidentellem Sinne (kata symbebêkos) zur Ursache. [...]

5. Ein Interpretationsvorschlag (was Aristoteles in der Vorlesung gesagt und an die Tafel geschrieben haben könnte)

Empedokles' Argument ist offenbar:

1. "Die Freundschaft ist die treibende Kraft hinter vielen Geschehnissen" Prämisse 1

2. "Die Freundschaft ist etwas Gutes (bzw. 'ein Gut') " Prämisse 2

3. "Wenn etwas die treibende Kraft (hinter einem Geschehnis ist), so ist es dafür ursächlich" Prämisse 3

4. "Das Gut Freundschaft ist Ursache"  aus 1., 2. und 3.

Dazu ist zu sagen: Prämisse 2 und Prämisse 3 sind zwar wahr. Prämisse 1 ist aber falsch, denn - als Gut - ist auch die Freundschaft ein Ziel vieler Ereignisse (nämlich Handlungen), nicht treibende Kraft. Die Conclusio, 4., ist auch wahr, aber nicht als Ergebnis von 1., 2. und 3.. Denn wenn Prämisse 1 falsch ist, ist sie natürlich zum Schließen nicht zu gebrauchen. Wahr ist stattdessen

1*. "Die Freundschaft ist das Gut, worumwillen vieles geschieht",

Um aus und 1*. auf 4. zu kommen, kann man sich aber nicht der Prämisse 3. bedienen (obwohl diese wahr ist, passt sie inhaltlich nicht). Stattdessen sollte man annehmen:

3*. "Wenn etwas ein Gut ist (das Worumwillen eines Geschehnisses), so ist es dafür ursächlich"

Aus 1*. und 3*. folgt 4. Das korrekte Argument, um 4. zu etablieren, lautet also:

1*. "Die Freundschaft ist das Gut, worumwillen vieles geschieht". Prämisse 1*

3*. "Wenn etwas ein Gut ist (das Worumwillen eines Geschehnisses), so ist es dafür ursächlich" Prämisse 3*

4. "Das Gut Freundschaft ist Ursache"  aus 1*. und 3*.

(2. folgt jetzt unmittelbar aus 1*, spielt aber für das Argument keine Rolle mehr). Klarerweise ist in jedem Argument, in dem 3. verwendet wird, von einer causa efficiens, in einem Argument, in dem 3*. verwendet wird, von einer causa finalis die Rede. Empedokles & co. sehen also die Freundschaft als causa efficiens an, nicht als causa finalis: sie sehen sie als treibende Kraft, nicht, wie es korrekt wäre, als Ziel. Über 4. hinausgehend würde Empedokles - die Terminologie der Vierursachenlehre vorausgesetzt - aus 1. und 3. nämlich noch schließen:

5. Die Freundschaft ist Wirkursache (causa efficiens)

Das ist aber falsch, und es beruht ja auch mit auf der falschen Prämisse 1. Stattdessen sollte man aus 1*. und 3*. über 4. hinausgehend schließen:

5*. Die Freundschaft ist Finalursache (und nicht etwa Wirkursache).

Aber man kann noch mehr sagen: Was bedeutet 4. genau genommen im Kontext des Argumentes von Empedokles? Ist das Gut Freundschaft bei Empedokles kata symbebêkos Ursache oder kath'hauto? Setzen wir in die Definition ein:

Das Gut Freundschaft ist kath' hauto Ursache genau dann wenn gilt:

1.Freundschaft ist als Gut anzusprechen

2.Weil die Freundschaft ein Gut ist, ist sie Ursache.

Das Gut Freundschaft ist kata' symbebêkos Ursache genau dann wenn gilt:

1. Freundschaft ist als als Gut anzusprechen

2.Die Freundschaft ist zwar Ursache, aber nicht, weil sie ein Gut ist.

Für Empedokles & co. ist damit die Sache klar. Er würde sagen:

"Die Freundschaft ist zwar als Gut anzusprechen (Prämisse 2), und sie ist auch Ursache (4); sie ist aber nicht Ursache, weil sie ein Gut ist, sondern, weil sie treibende Kraft ist (Prämisse 1)."

Nach Empedokles lässt sich also mit Hilfe der Definitionen über 4. hinausgehend auch noch schliessen auf:

6.Das Gut Freundschaft ist kata symbebêkos Ursache (und nicht etwa kath'hauto).

Das ist aber falsch. Kein Wunder, denn auch der Schluß auf 6. beruht auf der falschen Prämisse 1. Tatsächlich sollte man, dem revidierten Argument folgend, sagen:

"Die Freundschaft ist nicht nur als Gut anzusprechen (2., folgt aus 1*) und außerdem Ursache (4). Sie ist auch gerade deshalb Ursache, weil sie ein Gut ist. (Prämisse 1*)."

Wenn sich die Sache so verhält, wird man nun aber über 4. hinausgehend statt auf 6. schließen auf:

6*. Das Gut Freundschaft ist kath'hauto Ursache (und nicht bloß kata symbebêkos).

Empedokles macht also den Fehler, nicht zu erkennen, daß Güter (wie z.B. die Freundschaft) kath'hauto Ursachen sind und nicht bloß kata symbebêkos.

N.St.29.11.99

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