Meister Eckhart, Deutsche Predigt 20b:

Über das Gleichnis vom großen Abendessen, Lukas 14, 16ff

auf Grundlage des mittelhochdeutschen Textes, modernisierte Schreibweise und behutsame Angleichung von Formen: N.St.

ze dem innemenen ûf andere wîse (pdf)
 
 

[Teil I:] 'Ein Mensch machte eine Abendspeise, eine große Abendwirtschaft.'

Predigttext [Jesus sprach:]

"Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu.

Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, zu sagen den Geladenen:

'Kommt, denn es ist alles bereit!' "
 
 

[1. "Ein Mensch machte ein große Abendwirtschaft"]

[1.] Wer des Morgens Wirtschaft machet, der ladet allerlei Leute; aber zu der Abendwirtschaft ladet man große Leute und liebe Leute und gar heimliche Freunde [d.h. Freunde des Hauses]. Man begeht heute in der Christenheit den Tag der Abendwirtschaft, die unser Herre machete seinen Jüngern, seinen heimlichen Freunden, da er ihnen gab seinen heiligen Leichnam [=Leib] zu einer Speise. Das ist das Erste.

[2.] Ein ander Sinn von dem Abendessen: Eh es kommt zu dem Abende, so muß ein Morgen und ein Mittentag sein.

Das göttliche Licht geht auf in der Seele und machet einen Morgen,

und die Seele klimmet auf in dem Lichte in eine Weite und in eine Höhe, in den Mittentag; darnach folget der Abend.

[3.] Nun sprechen wir in einem andern Sinne von dem Abende.

Wenn das Licht abfällt, so wird es Abend;

wenn all' die Welt abfällt von der Seele, so ist es Abend, so kommt die Seele in eine Ruhe.

Nun sprichet Sant Gregorius von dem Abendessen: Als man des Morgens ißt, darnach folget ein ander Essen; aber nach dem Abendessen folget kein ander Essen. Wenn die Seele geschmecket in der Abendwirtschaft der Speise und das Fünkelein der Seele begreifet das göttliche Licht, so bedarf es keiner Speise mehr und suchet nicht außen und hält sich alles [=ganz] in dem göttlichen Lichte.
 
 

[2. "Ein Mensch machte ein große Abendwirtschaft"]

Nun sprichet Sant Augustinus: "Herre, benimmest Du uns dich [d.h. nimmst du dich uns weg], so gib uns einen andern Dich [ungefähr: gib uns dich als ein anderer], anders [d.h. an etwas anderem] uns genügt nicht denn an dir, wann [=denn] wir wollen nicht[s] denn dich." Unser Herre nahm sich seinen Jüngern [als] Gott und [als] Menschen und gab sich ihnen wieder [als] Gott und [als] Menschen, aber in einer andern Weise und in einer andern Forme. Als da [ein] groß Heiltum ist, das lasst man nicht bloß [d.h. direkt] [be]rühren noch sehen; man windet es [="verpackt" es] in eine Kristallen [Schale, z.B. Reliquiar] oder [so]lch anderes. Also tat unser Herr, da er sich gab ein ander Sich [ein anderes "Selbst"]. Gott gibt sich, alles das er ist, in der Abendwirtschaft zu einer Speise seinen lieben Freunden.

Sant Augustino grûwelte [=graute] vor dieser Speise; da sprach eine Stimme ihm zu in dem Geiste: "Ich bin eine Speise der Großen; wachs und nimm zu und iß mich. Du verwandelst mich nicht in dich, [viel]mehr: du wirst gewandelt in mich."

Die Speise und den Trank, die ich vor vierzehn Nächten nahm,

davon nahm eine Kraft meiner Seele das Lauterste [Reinste] und das Kleineste

und trug das in meinen Leib

und vereinte das mit allem dem, das in mir ist,

[so] daß nicht[s] ist als klein, als man eine Nadel setzen [= sich vorstellen] möge, [Quint-Übersetzung ergänzt sinngemäß: es sei denn] es habe sich mit ihm vereinet;

und ist als[o] eigenlîche [=eigen-artig] ein mit mir,

[wie] als das da genommen ward in meiner Mutter Leibe, da mein Leben mir ward eingegossen zu dem ersten [=zuallererst].

Also eigenlîche nimmt die Kraft des heiligen Geistes

das Lauterste und das Kleinste und das Höchste, das Fünkelein der Seele,

und trägt es alles [her]auf

in dem [=den; mit Bernhart gegen Quint] Brande, in der [=die] Minne [=Liebe, Zuwendung];

als [so wie] ich nun spreche von dem Baume: Der Sonne Kraft die nimmt in der Wurzel des Baumes das Lauterste und das Kleinste und ziehet es alles [hin]auf bis in die Zweig, da ist es eine Blume.

Also wird [auf] alle Weise das Fünkelein in der Seele aufgetragen in dem Lichte [=in das Licht] und in dem [=den] heiligen Geist und also aufgetragen in den ersten Ursprung und wird so gar ein[s] mit Gott und suchet sogar ihn ein [Bernhart: dringt ein in ihn]

und ist eigenlicher ein[s] mit Gott als die Speise [es] sei mit meinem Leibe, ja verre [=umso] mehr, als viel als es lauterer und edeler ist.

Darum sprichet er "eine große Abendwirtschaft".

Nun spricht David: "Herre, wie groß und wie mannigfaltig [=vielfältig] ist die Süßigkeit und die Speise, die du verborgen hast allen den[en], die dich fürchten." Und der diese Speise mit Furcht empfängt, dem schmeckt sie niemer [=niemals] eigenlîche; man muß sie empfangen mit Minnen.

Darum eine gottminnende Seele die überwindet Gott, daß er sich ihr allzumal geben muß. ["überwinden" auch bei Bernhart]
 
 

[3. "Ein Mensch machte ein große Abendwirtschaft"]

Nun sprichet Sant Lucas: ein Mensch machete ein groß Abendessen.

Der Mensch hatte nicht Namen,

der Mensch hatte keinen glîch [wird nicht durch einen Vergleich beschrieben],

der Mensch ist Gott.

Gott hat keinen Namen.

Ein heidenischer Meister [liber de causis, pseudoaristotelisch] sprichet, daß kein Zunge kann ein eigen Wort geleisten [=abgeben] von Gott zu sprechen durch die [d.h. wegen der] Hoheit und die Lauterkeit seines Wesens.

[1.] Als [=indem] wir sprechen von dem Baume, sprechen wir mit den Dingen, die boben [=über] dem Baume sind, als die Sonne, die da wirket in dem Baume. Darum mag von Gott nicht eigenlîche gesprochen werden, wan [=da doch] boben [=über] Gott nicht[s] ist, noch Gott [Ur-]Sache nicht hat.

[2.] Zu dem andern Male [=zweitens] sprechen wir von den Dingen mit Gleichheit. Darum mag man von Gott nicht eigenlîche reden, wan [=da ja] ihm nicht[s] gleich ist.

[3.] Zu dem dritten Male [=drittens] redet man von den Dingen an [=in] ihren Werken [=Wirkungen]: als [=so wie] man sprichet von der Weisheit [=Wissen / Können] des Meisters, so sprichet man von dem Bilde, das er gemachet hat; das Bild offenbaret des Meisters Weisheit. Alle Kreaturen sind zu snoede [= armselig] dazu, daß sie ihn offenbaren; sie sind alle ein Nicht[s] gegen Gott. Darum mag keine Kreatur ein ein[z]ig Wort von Gott geleisten [=abgeben] in seinen Werken.

Darum sprichet Dionysius [Ein im Mittelalter hochgeschätztes neuplatonisches Buch eines unbekannten Verfassers des 5. Jhdts. wurde der biblischen Gestalt Dionysios Areopagita zugeschrieben]: "Alle die Gott sprechen wollen, die haben unrecht, denn sie sprechen sein nicht [d.h. sie sprechen nicht von ihm]. Die ihn nicht sprechen wollen, die haben recht, denn kein Wort mag Gott gesprechen [=aussprechen]", vielmehr:

Er sprichet sich wohl selber [e]in im selben

[Bernhart: Er spricht sich selber in sich selber; möglich wohl auch nach Quint: er spricht sich in sich selbst aus].

Darum sprichet David: "Wir solln dies Licht sehen in deinem Lichte".

Lucas sprichet "ein Mensch".

Er ist ein und ist ein Mensche,

und er ist niemandem gleich

und ist über all[em] [dar]überschwebend.
 
 

[Teil II: Der Herr sandte aus seine Knechte, daß [die Gäste] kämen, es sei alles nun bereit; aber sie kamen nicht]

Predigttext:

Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen.

Der erste sprach zu ihm: 'Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.'

Und der andere sprach: 'Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.'

Und der dritte sprach: 'Ich habe ein Weib genommen; darum kann ich nicht kommen.'

Und der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder.

Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte:

'Gehe schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen herein.'

Und der Knecht sprach:

'Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.'

Und der Herr sprach zu dem Knechte:

'Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf daß mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, daß der Männer keiner, die geladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.'

[Natürlich ist die Abstufung Stadt / Land und die Rede von Zäunen (fra/gmouj) ziemlich dunkel. Denkbare Deutung im Sinne der lukanischen Weihnachtsgeschichte: Die Zäune sind der Bereich der Hirten, einer überaus verachteten Bevölkerungsgruppe; Eckhart liest die "Zäune" allerdings ganz anders].
 
 

[1. "Der Herr sandte aus seine Knechte..."]

"Der Herre sandte aus seine Knechte."

Sant Gregorius sprichet, diese Knechte seien der Prediger Orden.

Ich spreche von einem andern Knechte, das ist der Engel.

[Auch] noch sprechen wir von einem Knechte, von dem ich [anderswo] mehr gesprochen habe, das ist Vernünftichkeit in dem Umkreise der Seele,

da sie [be]rühret engelische Natur und ist ein Bild Gottes.

In diesem Lichte hat die Seele mit den Engeln Gemeinschaft

und auch mit den Engeln, die in der Hölle [ge]fallen sind und haben doch behalten den Adel ihrer Natur.

Da steht dies Fünkelein bloß [=unverhüllt] sonder [=ohne] allerhand Leiden aufgerichtet in das Wesen Gottes.

Sie [die Vernünftichkeit?] gleicht [sich] auch den guten Engeln,

die da stets wirken in Gott und nehmen ein Gott

und tragen alle ihre Werke wider [zurück] in Gott

und nehmen Gott von Gott in Gott.

Diesen guten Engeln gleichet [sich] das Fünklein der Vernünftichkeit,

das da ohne Unterscheid geschaffen ist von Gott,

ein überschwebendes Licht

und ein Bild göttlicher Natur und von Gott geschaffen.

Dies Licht trägt die Seele in ihr [=in sich].

Die Meister sprechen, es sei eine Kraft in der Seele, die heißet "syndéresis" - das ist es [aber] nicht. Das sprichet als viel als [das will besagen], daß [es] alle Zeit Gott zuhanget [zustrebt], und es niemals nicht[s] Übeles will. In der Hölle ist es geneigt zum Guten; es kriegt [macht Krieg] immer in der Seele wider alles, das nicht lauter ist noch göttlich und lädt ein ohn' Unterlaß zu der Wirtschaft [=dem Abendmahl]. [synteresis: lt. Kröner Phil.Wörterbuch, S.681, sehr spezielles mittelgriechisches Wort für "Gewissen" i.S.v. "unauslöschbarer Funken der Erkenntnis des Guten"].
 
 

[2. "...daß sie kämen, es sei alles bereit."]

Darum [=an derselben Stelle] spricht er: "Er sandte aus seine Knechte, daß sie kämen, es sei alles bereit." Niemand darf fragen, was er empfange an unsers Herren Leichnam.
 
 

[3. "...daß sie kämen, es sei alles nun bereit."]

Das Fünkelein, das da bereit steht zu empfangen unseres Herren Leichnam, steht immer mehr [=immerzu] in dem Wesen Gottes.

Gott gibt sich der Seele [Bernhart: die Seele] alles neu [immer neu] in einem Gewerden.

Er spricht nicht "es ist geworden" oder "es wird",

vielmehr: Es ist alles neu und frisch als in einem Gewerden ohn' Unterlaß.

Darum spricht er: "Es ist alles nun bereit."
 
 

[4. "...daß sie kämen, es sei alles nun bereit."]

Nun spricht ein Meister [gemeint ist lt. Quint evtl. Aristoteles], daß eine Kraft der Seele lieget über [=hinter] den Augen, die ist weiter denn alle die Welt und weiter denn der Himmel. Die Kraft nimmt alles, das zu den Augen wird [hin]eingetragen und trägt es alles [hin]auf in die Seele.

Dem widerspricht ein ander Meister [gemeint ist lt. Quint evtl. Augustinus] und sprichet: Nein, Bruder, dem ist nicht so.

Alles, das [her]eingetragen wird zu den Sinnen in die Kraft, das kommt nicht in die Seele; vielmehr: es läutert und bereitet und gewinnet die Seele, daß sie bloß [=direkt, unverhüllt] empfangen mag des Engels Licht und das göttliche Licht.

Darum spricht er: "Es ist alles nun bereit."
 
 

[5. Und sie kommen nicht, die geladen sind. - Warnung]

Und sie kommen nicht, die geladen sind.

[1.] Der erste spricht: "Ich hab ein Dorf [=Hof?] gekauft, ich mag nicht kommen."

Bei dem Dorf ist aufgenommen [=mit dem Dorf ist gemeint] alles, das irdisch ist. Dieweil die Seele davon etwas hat an ihr, das irdisch ist, so kommt sie zu der Wirtschaft nicht.

[2.] Der ander sprach: "Ich hab fünf Joch [=Paar] Ochsen gekauft; ich mag nicht kommen, ich soll [=werde] sie besehen [=auf sie aufpassen]".

Die fünf Joch Ochsen, das sind die fünf Sinne. An jeglichem sind zwei [Sinnesorgane], das sind fünf Joch. Dieweil die Seele folgt den fünf Sinnen, so kommt sie nimmer zu der Wirtschaft.

[3.] Der dritte sprach: "Ich hab eine Frau genommen, ich mag nicht kommen".

Davon hab ich [anderswo] mehr gesprochen: Der Mann in der Seele, das ist Vernünftichkeit. Wenn die Seele die richte [ungefähr: auf die richtige Weise] ist aufgekehrt in Gott mit Vernünftichkeit, so ist die Seele Mann und ist eins und ist nicht zwei. Mehr: Als [=wenn] die Seele sich herniederkehret, so ist sie eine Frau. Mit einem Gedanken und mit einem Niedersehen so ziehet sie Frauenkleider an; diese kommt auch nicht zu der Wirtschaft.

Nun spricht unser Herr ein schwer[wiegendes] Wort: "Ich sage euch fürwahr: Keinem dieser schmeckt je meine Wirtschaft."
 
 

[Teil 3: Schluß]

[1. "Geht aus in die engen und in die weiten Straßen" - Aufforderung]

Dann sprach der Herr: "Geht aus in die engen und in die weiten Straßen".

Je mehr sich die Seele hat gesamment, je enger sie ist

und je enger sie ist, je weiter sie ist.

Nun geht um die Zäune und in die weiten Straßen.

Ein Teil der Kräfte der Seele sind bezäunet in den Augen und in den anderen Sinnen. Die anderen Kräfte sind frei, die sind ungebunden und ungehindert von dem Leibe. Diese ladet alle ein, und ladet die Armen und die Blinden und die Lahmen und die Kranken. Diese kommen [hin]ein zu der Wirtschaft und niemand anders.
 
 

[2. Fazit]

Darum sprichet Sant Lucas: "Ein Mensch hat gemachet eine große Abendwirtschaft".

Der Mensch ist Gott und hat nicht Namen.

Daß wir zu dieser Wirtschaft kommen, des helfe uns Gott. Amen.
 
 

Angaben:

mittelhochdeutscher Text aus: Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke hrsg. im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Die deutschen Werke Bd.1, hrsg. u. übersetzt von Josef Quint (Predigten 1. Band), München (Kohlhammer), 1958, S.342-352.

Bernhart-Übersetzung = Deutsche Mystiker Bd. III, hrsg. u. übersetzt von Joseph Bernhart, Müchen (Kösel), 1914, S.69-75; dort auch brauchbare Einleitung.

Quint-Übersetzung: Quint, a.a.O. S.509-512.
 
 

Bibeltext: Revidierte Luther-Übersetzung (Rat der EKD 1964).
ein andermal ze dem ursprunc