Anselms Gottesbeweis in der Diskussion

Hinweis: Die folgenden Seiten bieten die wichtigsten Ausschnitte aus den wichtigsten Primärtexten der Diskussion zu Anselms Gottesbeweis. Wir werden sie nicht ganz besprechen können, aber es empfiehlt sich, sich einen ersten Leseeindruck davon zu verschaffen, auch wenn sie im Detail schwer zu verstehen sind (besonders Kant und Plantinga). Jeder einzelne dieser Texte (unter der Fragestellung "Wird dieser Text Anselms Beweis gerecht?") ist ein dankbares Hausarbeitsthema.

 

I. Gaunilo von Marmoutiers, Aus der Kritik an Anselm (ca. 1080)

"Quid ad haec respondeat quidam pro insipiente" / "Was ein Namenloser anstelle des Toren darauf erwidern könnte"

aus: "Kann Gottes Nicht-Sein gedacht werden? - Die Kontroverse zwischen Anselm von Canterbury und Gaunilo von Marmoutiers, Lateinisch - Deutsch, Übersetzt, erläutert und herausgegeben von Burkhard Mojsisch, mit einer Einleitung von Kurt Flasch, Mainz (Dieterich), 1989 (Excerpta Classica Bd.4)

 

[Was heißt hier "im Verstand existieren"?]

Wenn behauptet wird, dies sei allein schon deswegen in meinem Verstande, weil ich das, was ausgesagt wird, verstehe - könnte da nicht ähnlich behauptet werden, daß ich auch jeghches Falsche und in gar keiner Weise in sich selbst Existierende im Verstande habe, weil ich ja all das, was immer jemand aussagte, allein dadurch, daß er es aussagte, verstände? [...] (63)

[Die verlorene Insel]

Ein Beispiel: Man erzählt sich, irgendwo im Ozean gebe es eine Insel, die einige wegen der Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit, das, was nicht existiert, aufzufinden, ergänzend verschwundene Insel nennen und die, so geht die Sage, noch weit mehr, als es von den Inseln der Glückseligen berichtet wird, unermeßlich reich sei an lauter kostbaren Gütern und Annehmlichkeiten, niemandem gehöre, von keinem bewohnt werde und alle anderen bewohnten Länder durch ein Übermaß an Besitztümern allenthalben übertreffe. Daß dies so sei, könnte mir jemand sagen, und ich vermochte diese Rede, die ja keine Schwierigkeiten aufweist, ohne weiteres zu verstehen. Wenn er dann aber, als ergäbe sich dies folgerecht, mit der Zusatzbehauptung fortfahre: Du kannst nun nicht mehr daran zweifeln, daß diese unter allen Ländern vortrefflichste Insel wahrhaft irgendwo in Wirklichkeit existiert, steht es doch für dich außer Zweifel, daß sie auch in deinem Verstande ist; und weil es vortrefflicher ist, nicht allein im Verstande, sondern auch in Wirklichkeit zu sein, deshalb existiert sie notwendig so, denn wenn das nicht der Fall wäre, wäre jedes andere Land, das in Wirklichkeit existiert, vortrefflicher als sie, und so wäre sie. obwohl von dir bereits als unter allen Ländern vortrefflichstes verstanden, nicht das vortreffliebste - wenn er, so sage ich, mir dadurch einreden wollte, an der wahrhaben Existenz dieser Insel dürfe nicht mehr gezweifelt werden, nähme ich entweder an, er erlaube sich einen Scherz, oder ich wäre unschlüssig, wen ich für törichter halten sollte, mich, wenn ich ihm beipflichtete, oder ihn, wenn er glaubte, für das wesentliche Sein dieser Insel auch nur irgendwie einen sicheren Beweis erbracht zu haben [...] (75/77)

[Schlußwort]

Die übrigen Gedanken in dieser kleinen Schrift sind mit solchem Wahrheitssinn, so trefflich und großartig entwickelt worden, sind endlich so überaus nützlich und voll von einer Art innerlichem Duft frommer, heiliger Leidenschaft, daß wegen jener Gedanken in den Anfangspassagen, die zwar richtig empfunden, aber weniger zwingend bewiesen worden sind, diese hier keinesfalls zu verwerfen sind; vielmehr sollten für jene Gedanken schlagkräftigere Argumente beigebracht werden, und dann dürfte das Ganze mit tiefster Verehrung und höchster Anerkennung Aufnahme finden. (81)

zum lateinischen Text

 

II. Aus Anselms Antwort an Gaunilo (ca. 1080)

[Erläuterung des Beweises]

Sodann habe ich gesagt: Wenn es zumindest allein im Verstande ist, kann gedacht werden, daß es auch in Wirklichkeit ist, was größer ist. Wenn es also allein im Verstande ist, dann ist eben dies, nämlich das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, etwas, über das hinaus Größeres gedacht werden kann. Ich frage: Gibt es eine zwingendere Folgerichtigkeit? Denn kann etwa, wenn es zumindest allein im Verstande ist, nicht gedacht werden, daß es auch in Wirklichkeit existiert? Oder wenn das möglich ist: Denkt dann nicht der, der dies denkt, etwas Größeres als das, welches der Bedingung gehorcht, allein im Verstande zu sein? Gibt es also eine zwingendere Folgerichtigkeit als die: Wenn das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, allein im Verstande ist, ist eben dies eines, über das hinaus Größeres gedacht werden kann? Das aber, über das hinaus Größeres gedacht werden kann, ist schlechterdings in keinem Verstande das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann. Folgt also etwa nicht, daß das, aber das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, wenn es in irgend jemandes Verstande ist, nicht allein im Verstande ist? Wenn es nämlich allein im Verstande ist, ist es eines, über das hinaus Größeres gedacht werden kann, was unzutreffend ist. (93)

[Zur verlorenen Insel]

Es ist aber, so behauptest du, derart, wie wenn einer vorbrächte, daß eine Insel im Ozean, die alle Länder aufgrund ihrer Fruchtbarkeit übertrifft und die wegen der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, das, was nicht existiert, aufzufinden, die verschwundene Insel genannt wird, deshalb zweifellos wahrhaft in Wirklichkeit sein kann, weil man sie aufgrund ihrer sprachlich geäußerten Beschreibung mühelos versteht. Voller Zuversicht sage ich: Wenn mir jemand außer dem, aber das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, etwas ausfindig macht, das entweder der Wirklichkeit selbst oder allein dem Denken nach existiert und auf das er die Gedankenverknüpfung dieses meines Beweisganges treffend applizieren könnte, werde ich die verschwundene Insel finden und sie ihm schenken, auf daß sie nicht mehr verschwinde. (95/97)

[Weitere Fassungen des Argumentes]

Wenn jemand schließlich behauptet, er denke, es existiere nicht, behaupte ich, daß er, indem er dies denkt, entweder etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, denkt oder es nicht denkt. Wenn er es nicht denkt, denkt er auch nicht das Nicht-Sein dessen, das er nicht denkt. Wenn er es aber denkt, denkt er jedenfalls etwas, dessen Nicht-Sein nicht einmal gedacht werden kann. Wenn sein Nicht-Sein nämlich gedacht werden könnte, könnte es als eines, das Anfang und Ende besitzt, gedacht werden. Das aber ist unmöglich. Wer es also denkt, denkt etwas, dessen Nicht-Sein nicht einmal gedacht werden kann. Wer das aber denkt, denkt nicht, daß eben dies nicht existiert. Andernfalls denkt er, was gar nicht gedacht werden kann. Also kann das Nicht-Sein dessen, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, nicht gedacht werden. (97)

Wenn man nämlich aussagte, das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, sei nicht etwas in Wirklichkeit oder könne nicht existieren oder könne wenigstens als nicht-existierend gedacht werden, so ist das leicht zu widerlegen. Denn was nicht existiert, kann auch nicht existieren, und was nicht existieren kann, kann auch als nicht-existierend gedacht werden. (103/105)

Alles aber, was als nicht-existierend gedacht werden kann, ist, wenn es existiert, nicht das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann; wenn es aber nicht existiert, wäre es auch dann, wenn es existierte, jedenfalls nicht das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann. Es kann jedoch nicht ausgesagt werden, daß das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, in dem Falle, daß es existiert, nicht das ist, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, oder in dem Falle, daß es existierte, nicht das wäre, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann. Es ist demnach klar, daß es weder nicht existiert noch nicht existieren oder als nicht-existierend gedacht werden kann. Sonst nämlich ist es, wenn es existiert, nicht das, als was es ausgesagt wird, und es wäre, wenn es existierte, nicht es. (105)

[Zur Existenz im Verstand]

Wenn du aber einwendest, jegliches Falsche oder Zweifelhafte könnte auf ähnliche Weise verstanden werden und im Verstande sein wie das, was ich angesprochen habe, so frage ich verwundert, was ich denn hier deiner meiner Ansicht entgegengesetzten Meinung nach Zweifelhaftes zu beweisen suchte, der ich mich doch zunächst damit begnügte zu zeigen, daß jenes auf irgendeine Weise, welche es auch sei, verstanden werde und im Verstande sei, damit unter dieser Rücksicht dann folgerecht erwogen werde, ob es nur im Verstande sei, wie Falsches, oder auch in Wirklichkeit, wie Wahres. (109 / 111)

[Eine weitere Erläuterung]

Größeres denkt aber der, der dies denkt, als wer denkt, daß es nicht existieren kann. Wird also das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, gedacht, wird dann, wenn gedacht wird, daß es nicht existieren kann, nicht das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, gedacht. (121)

[Schlußwort]

Ich sage dir Dank für das Wohlwollen, das du sowohl in Anbetracht der Kritik als auch im Blick auf die Anerkennung meinem kleinen Werk entgegengebracht hast. Indem du nämlich dem, was deiner Meinung nach der Aufnahme würdig ist, eine derart unverhohlene Anerkennung gezollt hast, ist hinreichend deutlich, daß du das, was dir nicht beweiskräftig erschien, gutwillig, nicht jedoch mit Mißgunst kritisiert hast. (125)

zum lateinischen Text

[Anselm ordnete an, daß sein Argument nur zusammen mit Gaunilos Kritik und seiner Erwiderung veröffentlicht werden dürfe - was leider nicht immer befolgt wurde (vgl. Flaschs Einleitung, S.11f).]

 

III. Thomas von Aquin (1224-1274)

Aus der summa contra gentiles (Summe wider die Heiden) I 11

Ü: Horst Seidl

Auch muß nicht, wenn die Bedeutung dieses Namens "Gott" erkannt ist, sogleich bekannt sein, daß Gott ist, wie der erste Grund behauptete. - Erstens weil selbst nicht für alle, die zugeben, daß Gott ist, bekannt ist, daß Gott das ist, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden könne, da viele von den antiken (Philosophen) behauptet haben, daß diese Welt hier Gott sei. Auch ist nicht aus den Deutungen dieses Namens "Gott", die Damascenus darlegt, (schon die Möglichkeit) gegeben, etwas derartiges einzusehen. - Sodann weil, selbst zugegeben, daß alle durch den Namen Gott etwas erfassen, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden kann, es doch nicht notwendig sein wird, daß etwas, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden kann, in Wirklichkeit ist.

Man muß nämlich auf dieselbe Weise ein Ding und die Bedeutung seines Namens annehmen. Daraus aber, daß man mit dem Verstand erfaßt, was mit dem Namen Gott ausgesprochen wird, folgt noch nicht, daß Gott ist, außer in der Vernunft. Deshalb wird auch das, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden kann, nur in der Vernunft sein müssen. Und daraus folgt nicht, daß etwas in Wirklichkeit sei, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden könne. Und so ergibt sich für diejenigen nichts Widersprüchliches, die annehmen, daß Gott nicht sei; denn es ist, wenn etwas entweder in Wirklichkeit oder in der Vernunft gegeben ist, nicht widersprüchlich, daß etwas Größeres gedacht werden könne, außer für den, der einräumt, es gebe etwas in Wirklichkeit, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden könne.

Auch muß man nicht, wie der zweite Grund vorstellte, etwas Größeres als Gott denken können, wenn man (von Ihm) denken könne, daß Er nicht sei. Denn daß man (von Ihm) denken könne, Er sei nicht, ist nicht wegen der Unvollkommenheit oder Ungewißheit seines Seins möglich, da sein Sein an sich am offenkundigsten ist, sondern wegen der Schwäche unserer Vernunft, die Ihn nicht, wie er durch sich selbst ist, erfassen kann, sondern von seinen Wirkungen her, und so durch Überlegung (Schließen) zur Erkenntnis des Seins selbst geführt wird.

zum lateinischen Text

 

IV. Kurzfassung desselben Argumentes aus der summa theologiae I 2.1 ad2

Zum zweiten muß man sagen: Wer den Namen Gott hört, versteht vielleicht (noch) nicht, daß damit etwas bezeichnet werde, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden kann, da einige geglaubt haben, Gott sei ein Körper. Selbst aber zugegeben, es verstünde jeder, daß mit dem Namen Gott das Gesagte bezeichnet werde, nämlich das, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden kann, so folgt dadurch dennoch nicht, er verstünde auch, daß das, was mit dem Namen bezeichnet wird, in Realität sei (w..in der Natur der Dinge sei), sondern nur in der Erfassung der Vernunft. Auch kann nicht argumentiert werden, daß es in Realität sei, außer es werde zugegeben, daß etwas in Realität sei, womit verglichen nichts Größeres gedacht werden kann; was nicht von denen zugegeben ist, die annehmen, daß Gott nicht sei.

zum lateinischen Text

 

V. René Descartes (1596 - 1650),

aus der fünften Meditation der Meditationes de prima philosophia, Abschnitt 11

Ü: Buchenau / Zekl

Wenngleich es nämlich nicht notwendig ist, daß ich jemals auf einen Gedanken an Gott verfalle, so ist es dennoch, sooft es mir beliebt, an ein erstes und höchstes Wesen zu denken, und seine Vorstellung gleichsam aus der Schatzkammer meines Denkens hervorzuholen, notwendig, ihm alle Vollkommenheiten zuzuschreiben, wenn ich sie auch dann nicht alle aufzähle oder auf sie einzeln achte. Und diese Notwendigkeit reicht vollständig aus, um später, wenn ich bemerke, daß das Dasein eine Vollkommenheit ist, richtig zu schließen, daß ein erstes und höchstes Wesen existiert.

zum lateinischen Text

 

VI. Immanuel Kant (1724-1804)

Kritik der reinen Vernunft, B 620-630 (gekürzt)

DES DRITTEN HAUPTSTÜCKS VIERTER ABSCHNITT

VON DER UNMÖGLICHKEIT EINES ONTOLOGISCHEN BEWEISES VOM DASEIN GOTTES

[...] Man hat zu aller Zeit von dem absolutnotwendigen Wesen geredet, und sich nicht so wohl Mühe gegeben, zu verstehen, ob und wie man sich ein Ding von dieser Art auch nur denken könne, als vielmehr, dessen Dasein zu beweisen. Nun ist zwar eine Namenerklärung von diesem Begriffe ganz leicht, daß es nämlich so etwas sei, dessen Nichtsein unmöglich ist; aber man wird hiedurch um nichts klüger, in Ansehung der Bedingungen, die es unmöglich machen, das Nichtsein eines Dinges als schlechterdings undenklich anzusehen, und die eigentlich dasjenige sind, was man wissen will, nämlich, ob wir uns durch diesen Begriff überall etwas denken, oder nicht. Denn alle Bedingungen, die der Verstand jederzeit bedarf, um etwas als notwendig anzusehen, vermittelst des Worts: Unbedingt, weg[zu]werfen, macht mir noch lange nicht verständlich, ob ich alsdenn durch einen Begriff eines Unbedingtnotwendigen noch etwas, oder vielleicht gar nichts denke.

Noch mehr: diesen auf das bloße Geratewohl gewagten und endlich ganz geläufig gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge Beispiele zu erklären geglaubt, so, daß alle weitere Nachfrage wegen seiner Verständlichkeit ganz unnötig geschienen. Ein jeder Satz der Geometrie, z. B. daß ein Triangel drei Winkel habe, ist schlechthin notwendig, und so redete man von einem Gegenstande, der ganz außerhalb der Sphäre unseres Verstandes liegt, als ob man ganz wohl verstände, was man mit dem Begriffe von ihm sagen wolle.

Alle vorgegebene Beispiele sind ohne Ausnahme nur von Urteilen, aber nicht von Dingen und deren Dasein hergenommen. Die unbedingte Notwendigkeit der Urteile aber ist nicht eine absolute Notwendigkeit der Sachen. Denn die absolute Notwendigkeit des Urteils ist nur eine bedingte Notwendigkeit der Sache, oder des Prädikats im Urteile. Der vorige Satz sagte nicht, daß drei Winkel schlechterdings notwendig sein, sondern, unter der Bedingung, daß ein Triangel da ist (gegeben ist), sind auch drei Winkel (in ihm) notwendiger Weise da. Gleichwohl hat diese logische Notwendigkeit eine so große Macht ihrer Illusion bewiesen, daß, [...] man daraus glaubte sicher schließen zu können, daß, weil dem Objekt dieses Begriffs das Dasein notwendig zukommt, d. i. unter der Bedingung, daß ich dieses Ding als gegeben (existierend) setze, auch sein Dasein notwendig [...]gesetzt werde, und dieses Wesen daher selbst schlechterdings notwendig sei [...].

Wenn ich das Prädikat in einem identischen Urteile aufhebe und behalte das Subjekt, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich: jenes kommt diesem notwendiger Weise zu. Hebe ich aber das Subjekt zusamt dem Prädikate auf, so entspringt kein Widerspruch; denn es i s t nichts mehr, welchem widersprochen werden könnte. Einen Triangel setzen und doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend; aber den Triangel samt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch. Gerade eben so ist es mit dem Begriffe eines absolutnotwendigen Wesens bewandt. Wenn ihr das Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das Ding selbst mit allen seinen Prädikaten auf: wo soll alsdenn der Widerspruch herkommen ? [...] Gott ist allmächtig; das ist ein notwendiges Urteil. Die Allmacht kann nicht aufgehoben werden, wenn ihr eine Gottheit, d. i. ein unendliches Wesen, setzt [= als existierend annehmt], mit dessen Begriff jener identisch ist. Wenn ihr aber sagt: Gott ist nicht, so ist weder die Allmacht, noch irgend ein anderes seiner Prädikate gegeben; denn sie sind alle zusamt dem Subjekte aufgehoben, und es zeigt sich in diesem Gedanken nicht der mindeste Widerspruch.

Ihr habt also gesehen, daß, wenn ich das Prädikat eines Urteils zusamt dem Subjekte aufhebe, niemals ein innerer Widerspruch entspringen könne, das Prädikat mag auch sein, welches es wolle. Nun bleibt euch keine Ausflucht übrig, als, ihr müßt sagen: es gibt Subjekte, die gar nicht aufgehoben werden können, die also bleiben müssen. Das würde aber eben so viel sagen, als: es gibt schlechterdinosnotwendige Subjekte; eine Voraussetzung, an deren Richtigkeit ich eben gezweifelt habe, und deren Möglichkeit ihr mir zeigen wolltet. [...]

Wider alle diese allgemeine Schlüsse (deren sich kein Mensch weigern kann) fodert ihr mich durch einen Fall auf, den ihr, als einen Beweis durch die Tat, aufstellst: daß es doch einen und zwar nur diesen Einen Begriff gebe, da das Nichtsein oder das Aufheben seines Gegenstandes in sich selbst widersprechend sei, und dieses ist der Begriff des allerrealesten Wesens. Es hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid berechtigt, ein solches Wesen als möglich anzunehmen (welches ich vorjetzt einwillige, obgleich der sich nicht widersprechende Begriff noch lange nicht die Möglichkeit des Gegenstandes beweiset)* [...]. Nun ist unter aller Realität auch das Dasein mit begriffen: Also liegt das Dasein in dem Begriffe von einem Möglichen. Wird dieses Ding nun aufgehoben, so wird die innere Möglichkeit des Dinges aufgehoben, welches widersprechend ist.

Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr in den Begriff eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit nach denken wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den Begriff seiner Existenz hinein brachtet. Räumet man euch dieses ein, so habt ihr dem Scheine nach gewonnen Spiel, in der Tat aber nichts gesagt; denn ihr habt eine bloße Tautologie begangen. [...] Das Wort Realität, welches im Begriffe des Dinges anders klingt, als Existenz im Begriffe des Prädikats, macht es nicht aus. Denn, wenn ihr auch alles Setzen (unbestimmt was ihr setzt) Realität nennt, so habt ihr das Ding schon mit allen seinen Prädikaten im Begriffe des Subjekts gesetzt und als wirklich angenommen, und im Prädikate wieilderholt ihr es nur. Gesteht ihr dagegen, wie es billigermaßen jeder Vernünftige gestehen muß, daß ein jeder Existenzialsatz synthetisch sei, wie wollet ihr denn behaupten, daß das Prädikat der Existenz [sic!] sich ohne Widerspruch nicht aufheben lasse? [...]

Ich würde zwar hoffen, diese grüblerische Argumentation, ohne allen Umschweif, durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz zu nichte zu machen, wenn ich nicht gefunden hätte, daß die Illusion, in Verwechselung eines logischen Prädikats mit einem realen (d. i. der Bestimmung eines Dinges), beinahe alle Belehrung ausschlage. Zum 1 o g i s c h e n Prädikate kann alles dienen, was man will, so gar das Subjekt kann von sich selbst prädiziert werden; denn die Logik abstrahiert von allem Inhalte. Aber die B e s t i m m u n g ist ein Prädikat, welches über den Begriff des Subjekts hinzukommt und ihn vergrößert. Sie muß also nicht in ihm schon enthalten sein.

Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d. i. ein Begriff von irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. [...]

Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das mindeste mehr, als hundert mögliche. [...] Aber in meinem Vermögenszustande ist mehr bei hundert wirklichen Talern, als bei dem bloßen Begriffe derselben (d.i. ihrer Möglichkeit). Denn der Gegenstand ist bei der Wirklichkeit nicht bloß in meinem Begriffe analytisch enthalten, sondern kommt zu meinem Begriffe [...] synthetisch hinzu, ohne daß, durch dieses Sein außerhalb meinem Begriffe, diese gedachte hundert Taler selbst im mindesten vermehrt werden.

Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viel Prädikate ich will [...], denke, so kommt dadurch, daß ich noch hinzusetze dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existieren, als ich im Begriffe gedacht hatte, und ich könnte nicht sagen, daß gerade der Gegenstand meines Begriffs existiere. [...] Denke ich mir nun ein Wesen als die höchste Realität (ohne Mangel), so bleibt noch immer die Frage, ob es existiere, oder nicht. [...]

Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wie viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die Existenz zu erteilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch den Zusammenhang mit irgend einer meiner Wahrnehmungen nach empirischen Gesetzen; aber für Objekte des reinen Denkens ist ganz und gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori erkannt werden müßte [...].

Es ist also an dem so berühmten ontologischen (Cartesianischen) Beweise, vom Dasein eines höchsten Wesens, aus Begriffen, alle Mühe und Arbeit verloren, und ein Mensch möchte wohl eben so wenig aus bloßen Ideen an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen, wenn er, um seinen Zustand zu verbessern, seinem Kassenbestand einige Nullen anhängen wollte.

 

VII. Alvin Plantinga (* 1932),

aus: The Nature of Necessity, Oxford (Clarendon) 1974, Chapter 10 "God and Necessity"

S. 201f:

Let us concede that there is just one possible being than which it is not possible that there be a greater; and suppose again we use the term 'God' to abbreviate the description 'the being than which it is not possible that there be a greater'. The argument then aims to show that this being must be actual as well as possible. For suppose

(9) God does not exist in the actual world.

(10) For any worlds W and W' and object x, if x exists in W and x does not exist in W', then the greatness of x in W exceeds the greatness of x in W'.

(11) It is possible that God exists.

(12) So there is a possible world W such that God exists in W (from (11).

(13) God exists in W and God does not exist in the actual world (from (9) and (12)).

(14) lf God exists in W and God does not exist in the actual world, then the greatness of God in W exceeds the greatness of God in the actual world (from (10).

(15) So the greatness of God in W exceeds the greatness of God in the actual world (13) and (14).

(16) So there is a possible being x and a world W such that the greatness of x in W exceeds the greatness of God in actuality (15).

(17) So it is possible that there be a being greater than God is (16).

(18) Hence it is possible that there be a being greater than the being than which it is not possible that there be a greater (from (17) by definition of 'God').

Our supposition at step (9), therefore, with the help of the premisses expressed by (10) and (11), implies a false statement; for surely

(19) It is not possible that there be a being greater than the being than which it is not possible that there be a greater.

Step (9) accordingly must be false and the existence of God established. [...]

 

S. 216:

A similar but simpler version of the Argument could go as follows. Let us say that unsurpassable greatness is equivalent to maximal excellence in every possible world. Then

(42) There is a possible world in which unsurpassable greatness is exemplified.

(43) The proposition a thing has unsurpassable greatness if and only if it has maximal excellence in every possible world is necessarily true.

(44) The proposition whatever has maximal excellence is omnipotent, omniscient, and morally perfect is necessarily true.

Now here we should notice the following interesting fact about properties. Some, like is a human person, are instantiated in some but not all worlds. On the other hand, however, there are such properties as is a person in every world. By the principle that what is necessary or impossible does not vary from world to world, this property cannot be instantiated in some worlds but not in others. Either it is instantiated in every world or it is not instantiated at all. Using the term 'universal property' in a way slightly different from the way we used it before, we might say that

D2 P is a universal property if and only if P is instantiated in every world or in no world.

But clearly the property possesses unsurpassable greatness is universal in this sense, for this property is equivalent to the property of having maximal excellence in every world; since the latter is universal, so is the former.

From (42) and (43), therefore, it follows that

(45) Possesses unsurpassable greatness is instantiated in every world.

But if so, it is instantiated in this world; hence there actually exists a being who is omnipotent, omniscient, and morally perfect and who exists and has these properties in every world.

 

Essay-Fragen:

1) Gaunilo zweifelt an Anselms erstem Beweisschritt, der das Ergebnis hat, daß Gott zumindest im Verstand (in intellectu) existiert. Anselm verteidigt sich. Wer hat Recht? Bitte diskutieren Sie anhand des Maler-Beispiels in Proslogin II.

2) Worin besteht der Einwand gegen Anselm in Gaunilos Geschichte von der verlorenen Insel? Antwortet Anselm befriedigend auf diesen Einwand?

3) Welche drei Einwände macht Thomas von Aquin gegen Anselm? Lassen sich diese Einwände bei Kant wiederfinden?

4) Ist Descartes Argument auch Anselms Argument?

5) Was ist ein reales Prädikat bei Kant? Wieso ist Sein keines?

6) Welcher der verschiedenen Fassungen von Anselms Argument scheint Plantinga sich besonders anzunähern?

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