Zusatzinformationen und Fragen zu Thomas v. Aquins Quinque viae

 

A) Platon (427-347 v.Chr), Phaidros 245b-246a (Referat)

Im Zusammenhang mit der Begründung der These "Die Seele ist unsterblich, weil sie selbstbewegt ist" führt Sokrates aus:

[Alles, was bewegt ist, ist entweder selbstbewegt oder von etwas anderem bewegt].

Für alles, was nicht selbstbewegt ist, gilt: Wenn es nicht mehr von etwas anderem bewegt wird, hat seine Bewegung und damit sein Leben ein Ende. [...]

Jede Bewegung muß auf einen Anfang zurückzuführen sein. [Die Bewegung von etwas, das selbst von etwas anderem bewegt wird, kann aber kein Anfang sein]. Ein Anfang einer Bewegung kann also nur etwas Selbstbewegtes sein.

Ohne ein [kosmisches] Selbstbewegtes würde der Himmel stillstehen und für immer kollabieren. [...]

 

B) Aristoteles (384-322 v.Chr.):

I. Aus den Mitschriften der Physikvorlesung ("Physik"),

Buch II, Kap. 3 194b23-33, Ü: H.G.Zekl (leicht abgewandelt)

[1. Causa materialis] Auf eine Weise wird also Ursache genannt das, woraus als schon Vorhandenem etwas entsteht, z.B. das Erz Ursache des Standbilds [...]

[2. Causa formalis] Auf eine andere aber die Form [(eidos)] und das Modell [(paradeigma)], d.i. die vernünftige Erklärung [...] "was es wirklich ist" [... z.B. bei der Oktave das Verhältnis 2:1...]

[3. Causa efficiens] Weiter, woher der erste Anfang der Veränderung [...] kommt]; z.B. ist der Ratgeber Verursacher von etwas, und der Vater Verursacher des Kindes, und allgemein das [Machende] (Ursache) dessen, was [gemacht] wird, und das Verändernde dessen, was sich ändert.

[4. Causa finalis] Schließlich: Als das Ziel, d.i. das Weswegen [(to hou heneka)]; z.B. (Ziel) des Spazierengehens ist die Gesundheit. [...]

 

II. Aus den hinter der Physikvorlesung eingeordneten Vorlesungsmitschriften ("Metaphysik"): Buch XII, Kap.7 1071b21- 1073a5 (stark gekürzt),

Text nach Ross, Ü: N.St.

Es gibt etwas, das immer bewegt ist in unablässiger Bewegung [Veränderung], die im Kreis vor sich geht [...], so daß ewig ist der erste Himmel [=die erste Himmelsschale].

Es gibt also auch etwas, das [ihn] bewegt.

Da das sowohl Bewegte als auch Bewegende Mittleres ist, gibt es auch etwas, das, ohne selbst bewegt zu sein, bewegt: ein Ewiges und Selbständiges (ousia) und als In-sich-Fertiges Existierendes (energeia ousa).

Auf dieselbe Weise bewegt das Erstrebte und Gedachte: Es bewegt, ohne selbst bewegt zu sein. [...] das Weswegen (to hou heneka) gehört zu den Unbewegten [...]: Es bewegt wie etwas Geliebtes, die anderen sich bewegenden Dinge bewegt es [so]. [...]

Da es etwas gibt, das bewegt, während es selbst unbewegt ist, als In-sich-Fertiges existierend, kann dieses sich nie verschieden verhalten. [...]

Notwendig ist es also ein Existierendes (estin on), und insofern es notwendig ist, ist es schön und Anfang. [...] Aus solchem Anfang rührt denn her der Himmel und die Natur.

Seine Lebensweise (diagogé) ist so wie unsere kurzzeitig beste (denn jener ist immer so, wir aber können nicht immer so sein), da das Ein-in-sich-Fertiges-Sein etwas Angenehmes ist. [...]

[In ihm ist] dasselbe Denkendes und Gedachtes. [...] Und die[se Art der] Schau ist das Angenehmste und Beste.

Wenn es nun dem Gott so gut geht wie uns nur manchmal, so ist das erstaunlich. Wenn noch besser - umso erstaunlicher. Aber so geht es ihm. Und Leben kommt ihm zu. Denn das Ein-in-sich-Fertiges-Sein des Denkenden ist Leben, und jener ist das Ein-in-sich-Fertiges-Sein. [...]

Dieser ist nämlich der Gott. [...] Daß es nun ein Selbständiges und Ewiges und Unbewegtes und vom Wahrnehmbaren Getrenntes gibt, ist aus dem Gesagten klar.

 

C) Immanuel Kant (1724-1804), aus der Kritik der reinen Vernunft (1781 / 1787), B 445:

[Das] Unbedingte kann man sich nun gedenken:

[a)] entweder als bloß in der ganzen Reihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme bedingt und nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre [...;]

[b)] oder das absolut Unbedingte ist nur ein Teil der Reihe, dem die übrigen Glieder derselben untergeordnet sind, der selbst aber unter keiner anderen Bedingung steht.

[Vorsicht: Variante [a)] ist zwar vermutlich Kants Erfindung, stellt aber nicht dessen eigene Meinung dar!!]

 

D) Aus: Antony Flew (Hg.), A Dictionary of Philosophy, London (Macmillan), 1979, S.296:

Quantifier shift fallacy. The mistake of arguing from 'For all values of x there is some one (thing) y such that x bears F to y' - symbolically, (" x)($ y)(Fxy) - directly to the conclusion that 'There is one y such that for all values of x, x bears F to y' - symbolically, ($ x)(" y)(Fxy). This would be the mistke of arguing from 'Every girl loves some boy (that is, some boy or other)', which might conceivably be true, to 'There is some (one particular) boy whom every girl loves', which is certainly false. This fallacy is committed more than once in the *Five Ways. For instance, since "secondary movers do not move unless they are moved by a first mover", the conclusion is drawn that there must therefore be one single First Mover that moves them all, "and this all men call God."

 

Essay-Fragen zu Thomas und den Zusatzinfos:

1) Wie unterscheiden sich Platons und Aristoteles' erster Beweger? Welche Vor- und Nachteile könnte die jeweilige Konzeption haben?

2) Was für eine Art Ursache nach Aristoteles' Unterscheidung der vier Ursachenarten ist Aristoteles' erster Beweger? Wie charakterisiert ihn das? Ist diese Charakterisierung ein Problem für einen christlichen Philosophen?

3) Warum entscheidet sich Thomas in der prima via gegen die platonische Konzeption? Entscheidet er sich für die aristotelische Konzeption?

4) Welche Art von Ursache ist der erste Beweger in der prima via, und welche Art von Ursache ist er in der secunda via? Wo liegen die Unterschiede?

5) Welche Konzeption von Notwendigkeit liegt offenbar der tertia via zugrunde? Ist das Argument überzeugend?

6) Ist das Argument der quarta via überzeugend?

7) "Bis zu Darwins 'Origin of Species' war es irrational, Atheist zu sein" - diskutieren Sie mit Bezug auf die quinta via.

8) Mit welchem Beispiel könnte man die Antwort auf den ersten Einwand illustrieren? Überzeugt die Antwort?

9) Zur Antwort auf den zweiten Einwand: Wieso könnte Thomas der Meinung sein, daß auch der menschliche Wille auf Gott zurückgeführt werden muß?

10) "Rauchen außerhalb von Privatwohnungen sollte verboten werden." Diskutieren Sie in Form einer quaestio.

11) "Es sollte für Philosophie ein NC eingeführt werden." Diskutieren Sie in Form einer quaestio.

12) Im Wörterbuch von Flew wird Thomas vorgeworfen, einen elementaren logischen Fehler begangen zu haben. Wie läßt sich der Vorwurf anhand des Textes erläutern? Ist er gerechtfertigt?

13) Ist Variante [a)] der möglichen Formen des Unbedingten nach Kant ein Problem für Thomas' Argumentation in der prima via?

 

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