4. Von Papst Johannes XXII. in der Bulle vom 27.3.1329 beanstandete Thesen Eckharts (nach Bernhart S.193-201)

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[...2.] concedi potest mundum fuisse ab aeterno

So kann man denn auch den Satz gelten lassen, die Welt sei von Ewigkeit her gewesen.

[...6.] deum ipsum quis blasphemando deum laudat

Wer Gott selbst lästert, der lobt Gott.

[...7.] petens hoc aut hoc malum petit et male, quia negationem boni et negationem dei petit

Wer um dies oder das bittet, bittet übel und um ein Übel, weil er um die Verneinung des Guten und die Verneinung Gottes bittet [...]

[...9.] Ego nuper cogitavi, utrum ego vellem aliquid recipere a deo vel desiderare [sed] ubi essem accipiens a deo, ibi essem ego sub eo vel infra eum, sicut unus famulus vel servus, et ipse sicut dominus in dando, et sic non debemus esse in eterna vita.

Ich dachte neulich darüber nach, ob ich wohl von Gott etwas empfangen oder erwarten möchte. [Aber] wo ich der von Gott Empfangende wäre, da stünde ich unter ihm oder ihm nach wie ein Diener oder Knecht, und er als Geber wäre der Herr - aber so darf es nicht sein im ewigen Leben.

10. Nos transformamur totaliter in deum et convertimur in eum; simili modo, sicut in sacramento panis convertitur in corpus Christi: sic ego convertor in eum, quod ipse me operatur suum esse unum, non simile; per viventem deum verum est, quod ibi nulla est distinctio.

Wir werden völlig umgebildet zu Gott und in ihn verwandelt; auf ähnliche Weise, wie im Sakrament das Brot verwandelt wird in den Leib Christi: So werde ich in ihn verwandelt, daß er mich hervorbringt als sein eigenes, einiges, nicht etwa ähnliches Wesen; beim lebendigen Gott, es ist wahr, daß hier kein Unterschied ist.

11. Quicquid deus pater dedit filio suo unigenito in humana natura, hoc totum dedit mihi: hic nihil excipio, nec unionem nec sanctitatem, sed totum dedit michi sicut sibi.

Alles, was Gott Vater seinem eingeborenen Sohne in der menschlichen Natur gegeben hat, das alles hat er auch mir gegeben: davon nehme ich nichts aus, weder die Wesenseinheit noch die Vollkommenheit, sondern alles hat er gleicherweise mir gegeben so wie ihm.

[...13.] Quicquid proprium est divine nature, hoc totum proprium est homini iusto et divino; propter hoc iste homo operatur, quicquid deus operatur, et creavit una cum deum celum et terram, et est generator verbi eterni, et deus sine tali homine nesciret quicquam facere.

Alles, was der göttlichen Natur eigen ist, das ist gänzlich auch dem gerechten und gotteinigen Menschen eigen; darum wirkt auch ein solcher Mensch alles, was Gott wirkt, und er hat mit Gott zusammen Himmel und Erde erschaffen, und er ist Zeuger des ewigen Wortes, und Gott wüßte ohne diesen Menschen nicht, was tun.

[...20.] bonus homo est unigenitus filius dei. [...]

Der gute Mensch ist der eingeborene Sohn Gottes.

22. Pater generat me suum filium et eundem filium. Quicquid deus operatur, hoc est unum, propter hoc generat ipse me suum filium sine omni distinctione.

Der Vater zeugt mich als seinen einen und denselben Sohn. Alles, was Gott wirkt, das ist Eines, darum zeugt er mich als seinen Sohn ohne jeden Unterschied.

[...24.] Omnis distinctio est a deo aliena, neque in natura neque in personis [...]

An Gott ist jede Unterscheidung unzulässig, sowohl hinsichtlich der Wesenheit wie der Personen.

[...26.] Omnes creature sunt unum purum nichil: non dico, quod sint quid modicum vel aliquid, sed quod sint unum purum nichil.

Alle Kreaturen sind das eine reine Nichts: ich sage nicht, daß sie etwas Unbedeutendes oder irgend etwas seien, sondern, daß sie das eine reine Nichts sind.

[...2. Zusatzartikel] Quod deus non est bonus neque melior neque optimus; ita male dico, quandocunque voco deum bonum, ac si ego album vocarem nigrum.

Gott ist weder gut noch besser noch vollkommen; wenn ich Gott gut nenne, so ist dies ebenso widersinning, wie wenn ich weiß schwarz nenne.
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