Dr. N.Strobach, PS: Philosophie im Mittelalter, SSem. 99

Abaelard, Autobiografie und Briefwechsel mit Heloise[1]

ein kulturgeschichtliches Dokument des Mittelalters

Peter Abaelard (1079-1142) ist nicht nur für seine philosophischen Werke berühmt, sondern auch für seine Autobiografie "historia calamitatum" (Leidengeschichte) und für einen Briefwechsel mit einer gewissen Heloise. Die Echtheit der historia calamitatum wird im allgemeinen nicht bezweifelt,[2] die des Briefwechsels mit Heloise ist umstritten (Schulthess wertet ihn als "im Kern wohl echt", S.111). Falls fiktiv, so sind die Briefe mit Heloise noch im Mittelalter entstanden, und damit, ebenso wie die historia, auf jeden Fall ein interessantes zeitgeschichtliches Dokument.

 

Die historia calamitatum

Form

Die historia ist ein Brief an einen unbekannten Freund, der offenbar in einer schlimmen Lage ist. Abaelard antwortet zum Trost mit seiner eigenen Leidensgeschichte, um zu zeigen, daß es ihm noch viel schlimmer ergangen ist.

Der Aufstieg

Abaelard berichtet: Obwohl erster Sohn eines Ritters beschließt er, nicht selbst Ritter, sondern Wissenschaftler zu werden: Statt des Turniers mit Waffen reizt ihn das Turnier mit Meinungen: die disputatio (19f). In Paris studiert er bei Wilhelm von Champaux, dem er bald damit auf die Nerven fällt, daß er dessen Lehrmeinungen bezweifelt und widerlegt. Er gründet sofort nach dem Studium als jüngster Schüler Wilhelms seine eigene Schule (20). Er ruiniert Wilhelms Ruf, indem er ihn zur Revision seiner Position im Universalienstreit zwingt (20-25). Die Wiedergabe von Wilhelms Position bei Abaelard ist nicht sehr klar, aber jedenfalls scheint sie ihm nicht nominalistisch genug gewesen zu sein (vgl. Arbeitsblatt "Früher Nominalismus im Mittelalter"). Die Auseinandersetzungen um den besten Platz für eine philosophische Schule - Paris - schildert Abaelard konsequent in militärischer Terminologie.

Wie üblich studiert Abaelard erst nach der Philosophie auch Theologie. Das Spiel wiederholt sich. Beim angeblich ziemlich tumben Anselm von Laon lernt Abaelard nicht viel. Eine Art Wette mit Kommilitonen führt dazu, daß er sich auch als Theologe bald selbständig macht: Er meint, besonders schwierige Bibelstellen allein mit dem Text ohne Kommentarliteratur und nach kürzester Vorbereitungszeit öffentlich kommentieren zu können. Er setzt sich durch und ist einige Jahre lang der akademische Superstar von Paris (25-27). Er hält sich für den Größten und mußte von Gott bzw. dem Schicksal (fortuna), so meint er im Rückblick, von Überheblichkeit (superbia) und Luststreben (luxuria) geheilt werden. Die Begegnung mit Heloise und ihr unglückliches Ende sieht er rückblickend als vom Schicksal geplante Lektion zur Heilung von der luxuria an, die Entwicklung, die zur Verbrennung eines seiner Bücher führt, als Lektion zur Heilung von der superbia.

Heloise

Abaelard begründet genau, warum er sich zielstrebig an die 17-jährige Heloise, die Nichte des Domherrn Fulbert, heranmacht: Sie ist nicht nur schön, sondern auch gebildet, so daß man sich - selbst wenn man getrennt ist - praktischerweise Briefe schreiben kann. Der geizige Fulbert ist begeistert, als ausgerechnet der berühmte Abaelard bei ihm zur Miete wohnen will und anbietet, obendrein noch kostenlos als Hauslehrer für Heloise zur Verfügung zu stehen. Es kommt, wie es kommen muß:

Primum domo una conjungimur, postmodum animo. Sub ocasione itaque disciplinae amori penitus vacabamus, et secretos regressus qous amor optabat, studium lectionis offerebat. Apertis itaque libris plura de amore quam de lectione verba se ingerebant, plura erant oscula quam sententiae. Saepius ad sinus quam ad libros reducebantur manus. Crebrius oculos amor in se reflectebat quam lectio in scripturam dirigebat. (128A)

Zuerst ein Haus, dann ein Herz und eine Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe hin und unsere Beschäftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des Alleinseins, wie Liebende sie wünschen. Da war denn freilich über dem offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr Küsse als weise Sprüche. Nur allzuoft verirrte sich die Hand von den Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir eins in des andern Augen. (30)

Die Qualität der Vorlesungen des schlecht ausgeschlafenen Abaelard läßt nach. Er wendet sich - wie immer mit Riesenerfolg - der Lyrik zu. Den Studenten ist bald klar, was los ist. Bloß Fulbert kriegt monatelang nichts mit. Schließlich aber doch, woraufhin Abaelard natürlich aus dem Haus geworfen wird. Sein Ruf hat gelitten. Die Liebenden sind getrennt. Und: Heloise ist schwanger. Abaelard entführt Heloise eines Nachts und bringt sie aufs Land zu seiner Schwester, wo das Kind zur Welt kommt. Fulbert tobt, kann aber Abaelard schlecht umbringen lassen, solange Heloise in der Obhut von dessen Familie ist. Abaelard verhandelt mit ihm: Er müsse schon entschuldigen, die Liebesmacht (vis amoris), und überhaupt, die Frauen... Das Verhandlungsergebnis: Abaelard heiratet Heloise, dies aber heimlich. Offenbar wäre es für einen Dozenten skandalös gewesen, offiziell verheiratet zu sein. Heloise ist gegen die Heirat. Sie will lieber Abaelards Geliebte bleiben und begründet mit einer stilistisch perfekten und von Zitaten strotzenden Rede, daß es für einen Philosophen absurd sei, zu heiraten:

 Quae enim conventio scholarium ad pedissequas, scriptoriorum ad cunabula, librorum sive tabularum ad colos, stylorum sive calamorum ad fusos? Quis denique sacris vel philosophicis meditationibus intentus pueriles vagitus, nutricum, quae hos mitigant, naenias, tumultuosum familiae tam in viris quam in feminis turbam sustinere poterit? Quis etiam inhonestas illas parvulorum sordes assiduas tolerare valebit? Id, inquies, divites possunt, qourum palatia vel domus amplae diversoria habent, quam opulentia non sentit expensas, nec quotidianis sollicitudinibus cruciatur. Sed non est, inquam, haec conditio philosophorum quae divitum, nec qui opibus student vel saecularibus implicantur curis, divinis seu philosophicis vacabunt officiis. (131 B-C)

 Schüler und Kammerzofen, Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken, Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem Überfluß nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder philosophische Dinge. (34f)

Abaelard läßt sich nicht warnen, und Heloise bleibt letztlich keine Wahl. Das Kind bleibt auf dem Land, die beiden heiraten in Paris in Anwesenheit Fulberts. Beide wohnen getrennt, Heloise wieder bei Fulbert. Der erzählt gegen die Abmachung von der Heirat herum, Heloise leugnet die Heirat ab, Fulbert verprügelt sie. Abaelard läßt Heloise (offenbar wiederum heimlich) zu ihrem Schutz in das Kloster bringen, in dem sie erzogen wurde. Um der Tarnung willen trägt sie dort auch Nonnentracht. Als Fulbert hört, daß Heloise in Nonnentracht im Kloster ist, meint er, Abaelard habe sie als Nonne ins Kloster gesteckt, um sie loszuwerden, und dreht durch. Er beauftragt einige finstere Gesellen, Abaelard zu überfallen (ob er selbst dabei ist, wird nicht ganz klar):

nocte quadam quiescentem me atque dormientem in secreta hospitii mei camera, qoudam mihi serviente per pecuniam corrupto, crudelissima et pudentissima ultione punierunt, et quam summa admiratione mundus excepit: eis videlicet corporis mei partibus amputatis, quibus id quod plangebant, commiseram. (134B)

Nachdem sie meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste Rache an mir, so daß alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich desssen, womit ich begangen hatte, worüber sie klagten. (38)

Zwei der Attentäter werden gefaßt, sie werden selbst kastriert und geblendet, das Volk bedauert Abaelard. Dieser geht nach dem peinlichen Vorfall - zugegebenermaßen ohne rechte Überzeugung - ins Kloster nach St. Denis, um seine Ruhe zu haben.[3] Auch Heloise läßt sich nicht davon abhalten, ins Kloster zu gehen. Schließlich habe sie ja das ganze Unglück über Abaelard gebracht.[4]

Im Kloster in St. Denis

Abaelard nervt den Abt und die Mönche mit Ermahnungen zu strengeren Sitten. Die Schüler bringen die Routine des Klosters durcheinander, weil sie von Abaelard Vorlesungen hören wollen. Abaelard muß in einer Einsiedelei lehren. Doch auch hier bekommt er wegen der Lehrinhalte bald Ärger: Es sei für einen Mönch verboten, auch naturwissenschaftliche Vorlesungen zu halten (selbst wenn deren Ziel es ist, wie A. behauptet, Hörer für die Theologievorlesungen zu "ködern"). Und für Theologievorlesungen fehle ihm die formale Qualifikation.

Er schreibt ein Buch "De unitate et Trinitate", also zum heiklen Thema der Vereinbarkeit der Einheit Gottes und der Trinität. Es muß auch methodisch ziemlich gewagt gewesen sein:

Accidit autem mihi ut ad ipsum fidei nostrae fundamentum humanae rationis similitudinibus disserendum primo me applicarem, et quemdam theologiae tractatum De Unitate et Trinitate Divina scholaribus nostris componerem, qui humanas et philosophicas rationes requierebant, et plus quae intelligi quae dici possent efflagitabant, dicentes quidem verborum superfluam esse prolationem quam intelligentia non sequeretur, nec credi posse aliquid nisi primitus intellectum, et ridiculosum esse aliquem aliis praedicare quod nec ipse nec illi quos doceret intellectu capere possunt. Domino ipso arguente quod "Caeci essent duces caecorum" (Matth. 15:14) (141-142A)

[Es geschah mir nun also, daß ich mich zuerst daran machte, das Fundament selbst unseres Glaubens mit Hilfe (wörtlich "durch Ähnlichkeiten") der menschlichen Vernunft zu erklären.][5] Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung "über die göttliche Einheit und Dreiheit" für den Gebrauch meiner Schüler, die nach [menschlichen und philosophischen] Gründen verlangten, und nicht bloß Worte hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man könne doch nichts glauben, was man nicht vorher [mit dem Verstand] begriffen habe; es sei lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien die "blinden Blindenleiter", von denen der Herr spreche. (42)

Das Buch ist ein voller Erfolg. Abaelards alte Feinde schalten den Erzbischof und den päpstlichen Gesandten ein, und Abaelard wird "eingeladen", doch bitte samt Manuskript auf dem Konzil von Soissons zu erscheinen.

Der Prozeß auf dem Konzil von Soissons

In Soissons wird Abaelard von seinen Feinden vorgeworfen, er erkläre in dem Buch die Dreifaltigkeit als unabhängige Existenz dreier Götter. Abaelard möchte sich verteidigen: sein Buch sei gut katholisch. Während die Verhandlung über das Buch zwecks genauerer feindseliger Lektüre verschoben wird, hält er erfolgeiche öffentliche Vorlesungen darüber. Eine Fangfrage des Anklägers kontert er souverän:

post quaedam blanda colloquia dixit se mirari quoddam, quod in libro illo notaverat [...] Cui statim respondi: "Super hoc, si vultis, rationem proferam" - "Non curamus", inquit ille, "rationem humanam, aut sensum nostrum in talibus, sed auctoritatis verba solummodo"

Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet [...] Unverzüglich antwortete ich ihm: "ich bin bereit, [dafür Gründe anzugeben], wenn es euch genehm ist." ["Menschliche Gründe", sagte er, "oder der Sinn, den wir hineinlegen, interessieren in solchen Sachen nicht, sondern allein die Worte der Autorität."]

Nach kurzem Blättern kann Abaelard zeigen, daß er die problematische Meinung mit einem Augustinus-Zitat belegt hat. Der Ankläger ist blamiert. Und Abaelard setzt noch eins drauf:

Ipse autem, ut se quoquomodo protegeret "Bene" inquit "est intelligendum". Ego autem subjunxi hoc non esse novellum, sed ad praesens nihil attinere, cum ipse verba tantum, non sensum requirisset. Si autem sensum et rationem attendere vellet, paratum me dixi ei ostendere secundum ejus sententiam, quod in eam lapsus esset haeresim [...] Quo ille audito, statim quasi furibundus effectus ad minas conversus est, asserens nec rationes meas, nec auctoritates mihi in hac causa suffragaturas esse. Atque ita recessit. (147D-148A)

Er selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: "Das ist allerdings deutlich." Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, [doch das sei im Moment auch nicht wichtig, da er ja selbst bloß nach Worten, nicht nach dem Sinn verlangt habe. Wenn er aber am Sinn und an einer Begründung interessiert sei,] so sei ich bereit, ihm aus [einem eigenen Ausspruch] nachzuweisen, [daß in diesem sich eine ketzerische Verfehlung befinde ... Als er das hörte] geriet er in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen und versicherte mich, daß weder meine [Gründe noch die Autoritäten in dieser Sache] etwas helfen sollte. - Und damit ging er. (44f)

Die Verhandlung geht hin und her. Bischof Gottfried von Chartres verlangt, daß man Abaelard eine Chance gibt, sich zu verteidigen. Als dies aus Furcht vor Abaelards argumentativen Fähigkeiten abgelehnt wird, führt er an, die Versammlung sei beschlußunfähig, man solle in St. Denis weiterverhandeln - zunächst erfolgreich. Doch Abaelards Feinde stimmen den Erzbischof und den päpstlichen Gesandten um, weil ihr Einfluß in der Diözese von St.Denis gering ist. Abaelard soll das Buch verbrennen und danach für immer in Klosterhaft. Die Begründung ist rein formal:

Dicebant enim ad damnationem libelli satis hoc esse debere, quod nec Romani pontificis, nec Ecclesiae auctoritate commendatum legere publice praesumpseram, atque ad transcribendum jam pluribus eum ipse praestitissem. Et hoc perutile futurum fidei Christianae, si exemplo mei multorum similis praesumptio praeveniretur. (149C)

Sie sagten nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend, daß ich mir erlaubt habe, es ohne Genehmigung des Papstes oder der Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein Exempel statuiert werde. (47)

Bischof Gottfried versucht, Abaelard zu trösten, aber ändern kann er auch nichts mehr. Abaelard muß sein Buch ins Feuer werfen. Im Schein der Flammen beginnt die Diskussion über Abaelards Thesen zwischen Feinden und Verteidigern von neuem. Der Erzbischof greift ein:

"...bonum est ut frater ille fidem suam coram omnibus exponat, ut ipsa prout oportet vel approbetur, vel improbetur atque corrigatur." Cum autem ego ad profitendam et exponendam fidem meam assurgerem, ut quod sentiebam verbis propriis exprimerem; adversarii dixerunt non aliud mihi necessarium esse, nisi ut Symbolum Athanasii recitarem, quod quivis puer aeque facere posset. Ac ne ex ignorntia praetenderem excusationem, quasi qui verba illa in usu non haberem, scriptura ad legendum afferri fecerunt. Legi inter suspiria, singulutus et lacrymas prout potui. (150C-D)

"...vielleicht würde es sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet oder verbessert werde." Als ich mich daraufhin anschickte, mein Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte, ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so gut es ging. (49)[6]

Abaelard wird für kurze Zeit in ein abgelegenes Kloster gebracht. Er hadert mit Gott. Die Verbrennung des Buches und damit der ungerechte Verlust seines Ruhms (fama) scheint ihm schlimmer als die Beschädigung seines Körpers.

Doch schnell führen Proteste gegen das ungerechte Urteil dazu, daß auch Abaelards Feinde davon bald nichts mehr wissen wollen, und er wieder nach St. Denis gehen kann.

Hickhack in St. Denis

In St. Denis kommt es bald wieder zum Streit - diesmal um ein historisches Detail in der Biografie des Klostergründers. Abaelard wird vom Abt gerügt und soll beim König erscheinen. Es reicht ihm, er flieht nachts aus dem Kloster zu einem ihm freundlich gesonnenen Grafen. Der Abt, der ihn zurückholen will, weil es das Prestige des Klosters hebt, den berühmten Abaelard zu beherbergen, stirbt gerade rechtzeitig. Mit dem neuen Abt kommt nach einer Intervention des Königs ein Kompromiß zustande. Abaelard gehört offiziell weiter dem Kloster von St. Denis an, kann aber gehen, wohin er will. Ganz selbstverständlich referiert Abaelard das Motiv des Königs dafür, auf einen Kompromiß zu drängen: St. Denis ist gerade deshalb wirtschaftlich erfolgreich, weil es dort mit der Klosterregel nicht so streng genommen wird. Davon profitiert der König. Ein Fundamentalist wie Abaelard hat ihm dort also gerade gefehlt. (49-53)

Das Hüttendorf

Abaelard zieht sich in eine einsame Gegend zurück und baut sieht dort eine kleine Kapelle. Bald strömen die Schüler aus den Städten zu ihm. Sie steigen aus dem bürgerlichen Leben aus und errichten um die Kapelle eine Art Hüttendorf, wo sie in einfachsten Verhältnissen leben. Abaelard organisiert die Gemeinschaft so, daß die Schüler tatkräftig die Kapelle ausbauen und den Gemüseanbau übernehmen und er in Ruhe forschen und lehren kann. Die Kapelle weiht er im Andenken an ihre bescheidenenen Anfänge Gott als Tröster ("Paraklet") - was ihm sofort wieder trinitätstheoretischen Ärger einbringt. Über das Leben im Hüttendorf entstehen die wildesten Gerüchte, so daß Abaelard mit neuer Verfolgung rechnen muß. In seiner Verzweiflung denkt er ans Auswandern - offenbar ins arabische Spanien:

Saepe autem (Deus scit) in tantam lapsus sum desperationem, ut Christianorum finibus exfessis, ad gentes transire disponerem, atque ibi quiete sub quacunque tributi pactione inter inimicos Christi Christiane vivere. (164B)

Ja oftmals - Gott weiß es - kam ich in meiner Verzweiflung auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassen und mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich zu leben, unter welcher [finanziellen] Bedingung es auch sei. (59f)

Am Ende der Welt / Vom Hüttendorf zum Nonnenkloster

Das Auswandern erübrigt sich dadurch, daß Abaelard überraschend von den Mönchen eines entlegenen Klosters in der Bretagne zum Abt gewählt wird. Er geht, aber es ist ein Exil am Ende der Welt (hinter dem Atlantik kommt nach Abaelards Vorstellung nichts mehr), die Leute sind ihm fremd und sprechen seltsam.[7] Das Kloster ist wegen der hohen Steuern in einem desolaten wirtschaftlichen Zustand. Die Mönche wohnen im Kloster zusammen mit ihren Freundinnen und den gemeinsamen Kindern, leben von ihrem mitgebrachten Privatbesitz (61) und denken gar nicht daran, den neuen Abt zu unterstützen. An Wissenschaft ist kaum zu denken. Abaelard sieht es bald als Fehler seines Lebens an, das Hüttendorf verlassen zu haben (das sich offenbar kurz danach, nach dem Verlust des Gründers, aufgelöst hat).

Zur selben Zeit arrondiert der Abt von St. Denis den Klosterbesitz, indem er sich das Kloster Argenteuil unter den Nagel reißt, in dem Heloise inzwischen zur Äbtissin aufgestiegen ist. Die Nonnen werden vertrieben. Abaelard hat die Idee, den heimatlosen Nonnen das verlassene Hüttendorf zu schenken.[8] Das Kloster "Zum Tröster" floriert innerhalb kürzester Zeit. Abaelard meint: weil Frauen eben hilfsbedürftiger wirken und deshalb mehr Spenden bekommen. Einige Seiten später erklärt er Äbtissinnen überhaupt für sehr problematisch: wo komme man denn hin, wenn eine Frau - entgegen der Weisung der Apostelgeschichte 6:5 - Männern (die für das Kloster arbeiten) Befehle geben dürfe (63/68)! Um die Schwestern beim Aufbau des Klosters zu unterstützen, kommt er von Zeit zu Zeit zu Gastpredigten in Heloises Kloster zu Besuch. Das führt natürlich sofort wieder zu häßlichen Gerüchten, obwohl diese - wie Abaelard ausführlich darlegt (66-70) - gegenstandslos sind.

In der Bretagne kann sich Abaelard kaum mehr ins eigene Kloster wagen. Er versucht, die schlimmsten Problemfälle mit Unterstützung der Kirchenautoritäten aus dem Kloster zu werfen. Aber der Erfolg ist gering: Die Mönche versuchen ihn - z.B. mit vergiftetem Abendmahlswein - loszuwerden. Als er den Brief schreibt, muß er jeden Tag damit rechnen, umgebracht zu werden. Abaelards Erklärungen für sein Unglück reichen von der Meinung, der Teufel sei daran schuld, daß er keine Ruhe finde (69/179B) bis zur Meinung, dies sei ihm von Gott auferlegt (er schließt den Brief mit Überlegungen zum "Dein Wille geschehe").

 

Der Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise

Abaelard und Heloise waren zwar zeitweilig ein Liebespaar. Indes haben allenfalls die ersten drei Briefe von Heloise an Abaelard etwas mit Liebesbriefen zu tun; allerdings auch das in eher ungewöhnlicher Form: sie sind alle retrospektiv, im Kloster geschrieben, wenn sie auch - gerade im 1. Brief Heloises (Brief II der Sammlung)[9] - die Vergangenheit stark vergegenwärtigen. Nach allem, was geschehen ist, fällt es ihr schon in der Anrede nicht leicht, ihre Beziehung zu Abaelard in einer Rolle zu definieren:

Domino suo, imo patri; conjugi suo, imo fratri; ancilla sua, imo filia, ipsius uxor, imo soror, Abaelardo Heloissa. (181B)

An ihren Herrn... besser: Vater; ihren Gatten... eher: Bruder - seine Dienerin... nein: seine Tochter; seine Frau... nein: seine Schwester: an Abaelard - Heloise.

Anlaß für Heloises ersten Brief ist angeblich, daß sie zufällig die historia calamitatum in die Hände bekommen habe. Sie beklagt sich, daß Abaelard ihr nie geschrieben habe (sollte es doch keine "echte" Liebe gewesen sein? - Heloise ist offenbar der Meinung, daß sich diese in jedem Fall über den Überfall auf Abaelard hinaus hätte bewahren lassen...). Das paßt kaum mit dem Bericht Abaelards zusammen.

Abaelards Antwort (Brief III) beginnt sofort mit einer kalten Dusche: Er habe bei ihrer "Verständigkeit, auf die [er] allezeit große Stücke gehalten habe" nicht geglaubt, sie habe einen Brief von ihm nötig. Sie könne sich aber gerne an ihn wenden, wenn sie theologische Fachfragen habe.

Heloise hat, wie Brief IV zeigt, andere Probleme: Sie kann ihr Unglück immer noch nicht fassen, das ihr höchst ungerecht vorkommt. Jeden Tag denke sie daran, wie es mit Abaelard gewesen sei, selbst in der Messe... Abaelard habe es ja eigentlich gut getroffen. Gott als Arzt habe ihm diese Probleme nun wohl erspart.

Abaelards Antwort (Brief V) spricht für Heloises Einschätzung. Er beginnt: "Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst." Eigentlich sei sie jetzt ja Braut Christi. In diesem Sinn enthält Brief V eine bizarre Auslegung von Hohelied 1:5-7, in der die dort besungene dunkle Hautfarbe der Geliebten Salomos offenbar mit dem Schwarz der Nonnentracht in Verbindung gebracht wird. Was geschehen ist, gehe als Strafe Gottes schon in Ordnung; man habe es doch zu weit getrieben, damals im Refektorium,[10] und dann an Ostern!

In Brief VI hat Heloise kapiert. Sie bittet nur noch um eine ausführliche Klosterregel, da die übliche Regel für Mönchsklöster konzipiert und deshalb nicht ohne weiteres auf Nonnenklöster anwendbar sei. Abaelard antwortet mit einer ausführlichen Klosterregel, den Briefen VII und VIII (über 100 Seiten). Die restlichen Briefe sind kurze Anschreiben zu Predigt- oder Liedsammlungen u.ä. und inhaltlich uninteressant.

Es liegt nicht fern, daß es sich bei der Einschätzung des Briefwechsels zwischen Abaelard und Heloise als Liebesbriefe um ein zwar bemerkenswertes, aber deshalb nicht weniger fundamentales Mißverständnis handelt. Die Dramaturgie der Sammlung deutet gerade auf das Gegenteil hin: Abaelards Antworten sind Anti-Liebesbriefe in therapeutischer Absicht; Heloise muß von ihrer luxuria (in besonders schlimmer, nämlich weiblicher Ausprägung) geheilt werden, bevor sie sich mit voller Tatkraft der Organisation des Klosters widmen kann. Das läßt m.E. an der Echtheit wenigstens der Briefe Heloises zweifeln.

 

Das Ende der Geschichte

In seinen letzten Lebensjahren entwickelt Abaelard mit seiner Ethica ein frühes Bespiel einer Intentionsethik.[11] Um 1136 lehrt er nochmals in Paris.[12] 1140 oder 1141 wird Abaelard für seine Ansichten auf Betreiben von Bernhard von Clairveaux erneut verurteilt - angeblich zur Exkommunikation, lebenslänglicher Klosterhaft und Verbrennung sämtlicher Werke.[13] Auf dem Weg zu einer Art Revisionsverhandlung in Rom bleibt er lange im Kloster Cluny (oder, lt. S/I 537) in Chalons-sûr-Saone), wo er 1142 stirbt.[14]

Anmerkungen

(1) zitiert nach: Petri Abaelardi abbatis Rugensis opera omnia, Patrologia Latina (Hg. J.-P. Migne) Band 178, Paris 1855. Übersetzung: Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise mit der Leidensgeschichte Abaelards, aus dem Lateinischen übersetzt und eingeleitet von Dr. P. Baumgärtner, Stuttgart (Reclam), 1894. Seitenzahlen i.f. nach dieser Übersetzung. Ich halte diese Übersetzung trotz kleinerer Ungenauigkeiten vom Tonfall her für vergleichsweise sehr gelungen.

(2) Vgl. Schultess S. 111. Skeptisch auch gegenüber der historia: Flasch MA, S.213f.

(3) Bemerkenswert ist Abaelards Verarbeitung von Stellen aus dem AT, die bestimmen, ein Eunuch dürfe keinen Tempel betreten. Sie werden unter Anspielung auf eine Briefstelle im NT als "tötender Buchstabe des Gesetzes" (occidentem legis litteram) für irrelevant erklärt.

(4) Offenbar ist die Ehe der beiden durch das Attentat auf Abaelard für ihren Eintritt ins Kloster unwichtig geworden.

(5) meine Ü. Hier übersetzt Baumgärtner m.E. schlecht.

(6) Ein selbstformuliertes Glaubensbekenntnis Abaelards ist vermutlich im 12. Brief des Briefwechsels mit Heloise überliefert. Es ist alles andere als revolutionär.

(7) Es wird bei Abaelard deutlich, daß die Bretagne für ihn nicht zu Frankreich gehört. Dort wird weder fränkisch noch romanisch gesprochen, sondern damals noch flächendeckend eine ganz andersartige Sprache: das bretonische Keltisch, das heute noch manchmal von bretonischen Folk-Bands gesungen wird.

(8) Für ihn ist dies auch die Gelegenheit, für einen Platz zu sorgen, an dem nach seinem Tod für ihn gebetet wird (62).

(9) Die historia calamitatum wird üblicherweise als Brief I dem eigentlichen Briefwechsel vorangestellt.

(10) Speisesaal eines Klosters.

(11) Dazu Baumgärtner Vorwort S.13; Flasch MA, S.222f Schulthess S.117f.

(12) Baumgärtner Vorwort S.17.

(13) So Baumgärtner S.14, nicht jedoch Schulthess.

(14) Baumgärtner S.14.

 

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