Anselms Gottesbeweis - Ein Lektüreprotokoll

Im folgenden möchte ich versuchen, das Argument aus Proslogion II in seiner logischen Grobstruktur zu analysieren. Ein solches Verfahren ist nützlich, um in einem philosophischen Text die wirklich schwer verständlichen Stellen zu isolieren.

 

A) Die logische Grobstruktur von Proslogion II

Beweisziel: Gott existiert wirklich.

Definitionen

Definition 1: Gott ist etwas, worüber hinaus sich nichts Vollkommeneres mehr vorstellen läßt.

Definition 2: A stellt sich x nur vor gdw. (1) x existiert in A's Geist und (2) x existiert nicht in der Wirklichkeit.

Beweisschritt I

Beweisziel von Schritt 1: Gott existiert auch im Geist des Atheisten.

1. Wenn der Atheist hört "Gott ist etwas, worüber hinaus sich nichts Vollkommeneres mehr vorstellen läßt", dann versteht er das. Damit gilt: auch der Atheist kennt die Definition von "Gott". (Prämisse 1)

2. Für alle x gilt: Wenn jemand die Definition von "x" kennt, so existiert x in seinem Geist: Er hat ja dann einen Begriff von x. (Prämisse 2)

3. Auch für den Atheisten gilt: Gott existiert in seinem Geist. (per modus ponens: Wenn "Wenn p, dann q" und wenn "p" wahr sind, dann ist auch "q" wahr)

Exkurs (im Text am Beispiel des Malers)

Wer jetzt sagt "Damit existiert Gott ja schon in gewisser Weise, nämlich sogar im Geist des Atheisten", der macht es sich zu einfach. Beweisziel ist ja, daß Gott in der Wirklichkeit existiert.

Denn "A versteht, was unter 'x' verstanden wird" impliziert zwar "x existiert in A's Geist". Aber das impliziert noch lange nicht "A versteht, daß x in der Wirklichkeit existiert". Normalerweise kann jemand die Definition von "x" verstehen, ohne die Existenz von x zu behaupten. Normalerweise...

Beweisschritt II

Beweisziel von Schritt II: Auch der Atheist stellt sich Gott nicht nur vor.

Indirekter Beweis:

1. A stellt sich Gott nur vor. (Annahme)

2. A stellt sich etwas, worüber hinaus sich nichts Vollkommeneres mehr vorstellen läßt, nur vor. (laut Definition 1)

3. Es ist aber unmöglich, sich etwas, worüber hinaus sich nichts Vollkommeneres mehr vorstellen läßt, nur vorzustellen. (begründungsbedürftige Prämisse 3)

4. Es ist nicht der Fall, daß A sich Gott nur vorstellt.

(wegen Widerspruch zwischen 2. und 3. muß 1. verworfen werden, da 2. aus 1. per def. folgt)

Beweisschritt III (Zusammenfassung), im Text implizit

1. Auch der Atheist stellt sich Gott nicht nur vor. (laut Beweisschritt 2)

2. Das bedeutet laut Definition 2, daß folgender Satz wahr sein muß:

"Es ist nicht der Fall, daß Gott im Geist des Atheisten existiert und nicht in der Wirklichkeit existiert".

3. Das heißt soviel wie: "Wenn Gott im Geist des Atheisten existiert, dann auch in der Wirklichkeit"

4. Nun existiert (laut Beweisschritt 1) Gott im Geist des Atheisten

5. Also gilt: Gott existiert in der Wirklichkeit. (modus ponens)

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