Peter Abaelard, Sic et Non

übersetzt nach:

Peter Abailard, Sic et Non, A Critical Edition by Blanche B. Boyer and Richard McKeon, University of Chicago Press, Chicago and London, 1976; (Bibelstellen (etwas anachronistisch) nach revidierter Luther-Übersetzung. Abälard benutzte natürlich die - tatsächlich alles andere als fehlerfreie - lateinische Standardübersetzung, die Vulgata des hl. Hieronymus).

 

Aus dem Vorwort (103f):

[Der] scharfsinnigste aller Philosophen selbst, Aristoteles, [...] ermutigt Studierende, indem er sagt:

 "Vielleicht ist es auch schwierig, von solchen Sachen sicher etwas zu sagen, wenn sie nicht öfter überlegt werden. An einzelnen davon zu zweifeln wird jedenfalls nicht unnütz sein" (Cat 8 b 21 via Boethius).

Zweifelnd also gehen wir an die Untersuchung; fragend erblicken wir die Wahrheit. Womit zusammenhängt, daß sogar die Wahrheit selbst sagt:

"Suchet, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan." (Matth.7,7)

[...] je mehr [die vermeintlichen Widersprüche] den Leser aufregen und zur Warhheitssuche motivieren, desto größer wird schließlich die Autorität der Schrift selbst. [...]

 

31: Daß Gott auch Ursache und Urheber der Übel ist - und auch wiederum, daß nicht

[pro]

(1) Der Herr [sagt] durch [den Propheten] Jesaia (45:6-7): "Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr,

der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil."

(2) Beim Propheten Amos steht (3:6): "Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?" [...]

(4) Christus selbst [sagt] (Johannes 15:22): "Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde."

(5) und anderswo (Johannes 9:39): "Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf daß, die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden." [...]

(11) Augustinus [...schreibt] (Pseudo-Augustinus, Patrologia Latina [PL] Bd. 35, 2269): "Denn man sagt, daß alles, was Gott erlaubt, geschieht, weil, wenn er etwas nicht erlaubt, es nicht geschieht. Deshalb sagt der Herr zu Pilatus (Johannes 19:11): 'Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben her gegeben.' "

(12) Und im Handbüchlein (Augustinus, Enchiridion 95-96, PL 40, 276): "Nichts geschieht, ohne daß der Allmächtige will, daß es geschieht..." [...]

 

[contra]

(28) in den "Antworten auf verschiedene Fragen" [schreibt Augustinus]: " [...] Weshalb er nicht der Urheber des Bösen ist, weil er von allem, was ist der Urheber ist, weil sie insofern sind, als sie gut sind."

[...]

 

32: Daß Gott alles kann - und auch wiederum, daß nicht

(1) [Der Kirchenvater] Chrysostomos in seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses [...]: "[...] Ihr glaubt an Gott den Allmächtigen, weil in seinem Können ein Nicht-Können nicht zu finden ist [wohl: was er kann, kann er ohne Einschränkung]. Dennoch kann er einiges nicht, wie: sich irren, lügen, etwas nicht kennen, Anfang und Ende haben, etwas nicht vorhersehen, die Vergangenheit ungeschehen machen, die Gegenwart ändern, die Zukunft nichtwissen; schließlich kann er sich nicht selbst negieren. So vieles kann er nicht! Dennoch ist er allmächtig, weil der Höchste nicht gehindert werden kann." [...]

(3) Hieronymus in einem Brief [...]: " [...] und wenn Gott auch alles kann, so kann er doch nicht eine Frau nachträglich [post ruinam] wieder zur Jungfrau machen [...]"

 (7) Augustinus sagt (im Buch über "Geist und Schrift"): "Er kann keine Ungerechtigkeit schaffen, weil er selbst höchste Gerechtigkeit und Güte ist. Er ist wahrhaftig allmächtig, nicht in dem Sinne, daß er alles tun kann, sondern in dem Sinne, daß er bewirken kann, was immer er will [...]"

 

33: Daß es unmöglich ist, Gott zu widerstehen - und daß doch

[pro]

(1) In den Psalmen steht (75:8): "Du bist schrecklich; und wer wird dir widerstehen?" [...]

(3) Der Apostel [Paulus] an die Römer (9:19): "Wer kann denn seinem Ratschluß widerstehen?"

[contra...]

(5) Stephanus in der Apostelgeschichte (7:51): "Ihr widerstrebet allezeit dem heiligen Geist, wie eure Väter, so auch Ihr."

(6) Markus (6: 4-6). "Jesus aber sprach zu ihnen 'Ein Prophet gilt nirged weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause.' Und er konnte allda nicht eine einzige Tat tun; nur wenigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er verwunderte sich ihres Unglaubens."

 

Weitere umstrittene Punkte aus "Sic et Non"

1: Daß der Glaube des Menschen durch Gründe (rationibus) zu festigen (astruenda) sei - und auch, daß nicht

4: Daß allein an Gott zu glauben ist - und auch, daß nicht

5: Daß Gott nicht ein einzelner (singularis) ist - und wiederum, daß doch

6: Daß Gott dreigeteilt (tripartitus) ist - und wiederum, daß nicht

9: Daß Gott keine Substanz ist - und, daß doch

28: Daß nichts zufällig geschieht - und, daß doch

38: Daß Gott alles weiß - und auch, daß nicht

39: Daß die Werke der Menschen nichts sind - und, daß doch

40: Daß Gott im Raum ist und sich im Raum bewegt - und auch, daß nicht

47: Daß vor der Schöpfung ein Engel gefallen ist - und auch, daß nicht

54: Daß der Mensch zur ersten Sünde nicht vom Teufel überredet wurde - und, daß doch

55: Daß nur Eva dazu verführt wurde, nicht Adam - und daß doch auch Adam

56: Daß der Mensch, wenn er sündigt, seinen freien Willen aufgibt

61: Daß Joseph Maria des Ehebruchs verdächtigt hat - und auch, daß nicht

64: Daß Gott nicht die "Person" eines Menschen angenommen habe, sondern lediglich dessen Natur - und wiederum, daß doch

107: Daß die Taufe alle Sünden aufhebt (deleat), die Erbsünde wie die eigenen - und auch, daß nicht

108: Daß die zu taufenden Kinder keine Sünde haben - und daß doch

112: Daß für die Taufe einmal Untertauchen (immersio) reicht - und auch, daß nicht

121: Daß man vor der dritten Stunde keine Messe feiern sollte, außer an Weihnachten - und daß doch

122: Daß allen die Heirat erlaubt sei - und daß nicht

123: Daß Maria und Joseph verheiratet waren - und auch, daß nicht

124: Daß man eine Freundin fürs Bett (concubina) haben dürfe - und daß nicht

133: Daß Sex (concubitus) nie ohne Sünde sein könne - und, daß doch

140: Daß die überlieferten Gesetze nicht vollkommen sind, wie es die des Evangeliums sind - und daß doch

151: Daß ohne Beichte Sünden nicht vergeben werden - und, daß doch

154: Daß es erlaubt ist zu lügen - und auch, daß nicht

155: Daß ein Mensch aus irgend welchen Gründen Hand an sich legen dürfe - und daß nicht

156: Daß aus keinem Grund ein Christ jemanden töten dürfe - und daß doch

157: Daß man überhaupt Menschen töten dürfe - und daß nicht.

 

[Frage: Bei welchen der Fragen geht es um theologische und bei welchen um philosophische Themen?]

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