Aus dem ersten Teil der summa theologiae des Thomas von Aquin (1224 - 1274): I 2.3

Ü: Horst Seidl 

Erster Teil, Frage 2: Über Gott, ob Gott ist [...]

 

Artikel 3

[Utrum...]

Ob Gott ist

Zum dritten wird so vorgegangen.

 

[Videtur quod non]

Es scheint, daß Gott nicht ist:

1.weil von konträr Entgegengesetztem, wenn das eine unendlich ist, das andere völlig vernichtet werdenwird.Man versteht aber dies unter dem Namen Gott, nämlich daß Er etwas unendlich Gutes ist. Wenn also Gott wäre, würde sich kein Übel finden. Es findet sich aber Übel in der Welt. Also ist Gott nicht.

2. Außerdem: Was durch weniger Prinzipien erfüllt werden kann, geschieht nicht durch mehr Prinzipien. Es zeigt sich aber, daß alles was in der Welt erscheint, auch durch andere Prinzipien erfüht werden kann, unter Annahme, daß Gott nicht sei, weil die Dinge, die natürliche sind, auf ein Prinzip zurückgeführt werden, das die Natur ist. Die Dinge jedoch, die aus (menschlicher) Zielsetzung sind, werden auf ein Prinzip zurückgeführt, das menschliche Vernunft oder Wille ist. Es besteht also keine Notwendigkeit anzunehmen, daß Gott ist.

 

[Sed contra]

Aber dagegen steht was in Exodus 3,14 von der Person Gottes her gesagt wird: "Ich bin der Ich bin".

 

[Corpus articuli: Respondeo dicendum]

Ich antworte: Daß Gott ist, kann, so läßt sich sagen, auf fünf Wegen bewiesen werden.

[Die prima via] Der erste und augenfälligere Weg aber ist der, welcher von der Bewegung her genommen wird. (a) Es ist nämlich gewiß und steht für die Sinneswahrnehmung fest, daß einige (Dinge) in dieser Welt bewegt werden. Alles aber, was bewegt wird, wird von etwas anderem bewegt. Nichts nämlich wird bewegt, außer sofern es sich zu dem in Möglichkeit verhält, wozu es bewegt wird. Etwas bewegt aber, sofern es in Wirklichkeit ist; denn bewegen heißt nichts anderes, als etwas aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit überführen. Aus der Möglichkeit kann aber etwas nicht überführt werden außer durch etwas Seiendes in Wirklichkeit: z. B. etwas Warmes in Wirklichkeit, wie das Feuer, bewirkt, daß das Holz, das warm der Möglichkeit nach ist, in Wirklichkeit warm wird, und dadurch bewegt es dieses und verändert es. Es ist aber nicht möglich, daß dasselbe (Ding) zugleich in derselben Hinsicht in Wirklichkeit und in Möglichkeit sei, sondern nur in verschiedenen Hinsichten: Was nämlich in Wirklichkeit warm ist, kann nicht zugleich in Möglichkeit warm sein, sondern es ist zugleich kalt in Möglichkeit. Es ist also unmöglich, daß etwas in derselben Hinsicht und auf dieselbe Weise bewegend und bewegt ist oder sich selbst bewegt. Alles also, was bewegt wird, muß von etwas anderem bewegt werden. (b) Wenn also das, wovon es bewegt wird, (seinerseits) bewegt wird, dann muß es auch selbst von einem anderen bewegt werden, und jenes (wiederum) von einem anderen. Hier aber kann es nicht ins Unendliche gehen, weil so nicht etwas erstes Bewegendes wäre, und infolgedessen auch kein anderes Bewegendes, weil die zweiten bewegenden (Ursachen) nur dadurch bewegen, daß sie von einem ersten Bewegenden bewegt sind, wie z. B. der Stab nur dadurch (etwas) bewegt, daß er von der Hand bewegt ist. (c) Also ist es notwendig zu etwas erstem Bewegenden zu kommen, das von nichts bewegt wird. Und dies verstehen alle als Gott.

[Die secunda via] Der zweite Weg ist aus dem Begriff der bewirkenden Ursache (genommen). (a) Wir finden nämlich, daß in den sinnlich wahrnehmbaren (Dingen) hier eine Ordnung der wirkenden Ursachen besteht. Es findet sich jedoch nicht und ist auch nicht möglich, daß etwas Wirkursache seiner selbst sei, da es so früher wäre als es selbst, was unmöglich ist. (b) Es ist aber nicht möglich, daß die Wirkursachen ins Unendliche gehen, weil bei allen geordneten Wirkursachen (insgesamt) das Erste Ursache des Mittleren, und das Mittlere Ursache des Letzten ist, sei es daß das Mittlere mehreres oder nur eines ist. Ist aber die Ursache entfernt worden, dann wird auch die Wirkung entfernt. Wenn es also kein Erstes in den Wirkursachen gibt, wird es kein Letztes und auch kein Mittleres geben. Wenn aber die Wirkursachen ins Unendliche gehen, wird es keine erste Wirkursache geben, und so wird es weder eine letzte Wirkung, noch mittlere Wirkursachen geben: was offenbar falsch ist. (c) Also ist es notwendig, eine erste Wirkursache anzunehmen. Diese nennen alle Gott.

[Die tertia via] Der dritte Weg ist von dem Möglichen und Notwendigen her genommen und verläuft so: (a) Wir finden nämlich unter den Dingen solche, welche die Möglichkeit haben zu sein und nicht zu sein, da sich einiges findet, das entsteht und vergeht und infolgedessen die Möglichkeit hat zu sein und nicht zu sein. Es ist aber unmöglich, daß alles von dieser Art [ewig] sei, weil das, was möglicherweise nicht sein kann, auch einmal nicht ist. Wenn also alles die Möglichkeit hat nicht zu sein, dann war hinsichtlich der Dinge auch einmal nichts. Wenn dies aber wahr ist, dann wäre auch jetzt nichts, weil das, was nicht ist, nur anfängt zu sein durch etwas, was ist. Wenn also (einmal) nichts Seiendes war, dann war es auch unmöglich, daß etwas zu sein anfing, und so wäre nun nichts: was offenbar falsch ist. Also ist nicht alles Seiende nur Mögliches, sondern es muß auch etwas Notwendiges unter den Dingen geben. (b) jedes Notwendige aber hat die Ursache seiner Notwendigkeit entweder von anderswoher oder nicht. Es ist aber nicht möglich, daß es ins Unendliche bei den notwendigen (Dingen) gehe, die eine Ursache ihrer Notwendigkeit haben, wie dies auch bei den Wirkursachen nicht möglich ist, wie (oben) bewiesen. (c) Also ist es notwendig etwas anzunehmen, das an sich notwendig ist und die Ursache seiner Notwendigkeit nicht von anderswoher hat, sondern das (vielmehr) Ursache der Notwendigkeit für die anderen (Dinge) ist. Dies nennen alle Gott.

[Die quarta via] Der vierte Weg wird von den Graden her genommen, die sich bei den Dingen finden. (a) Es findet sich nämlich bei den Dingen etwas mehr und weniger Gutes, Wahres und Edles, und so von anderem der Art. Mehr und weniger wird aber von verschiedenen (Dingen) ausgesagt, sofern sie sich in verschiedener Weise einem (Prinzip) annähem, das am meisten (d. h. in höchstem Grad) ist, wie z. B. das mehr wann ist, was dem am meisten Warmen näher kommt. Also gibt es etwas, was am wahrsten, besten und edelsten ist und infolgedessen am meisten seiend; denn was am meisten (d.h. in höchstem Grad) wahr ist, ist am meisten seiend, wie es in Metaphys.II heißt. (b) Was aber so beschaffen genannt wird, daß ihm am meisten eine Eigenschaft in einer Gattung zukommt, ist die Ursache von allen (Dingen mit dieser Eigenschaft), die zu dieser Gattung gehören, wie z. B. das Feuer, das am meisten wann ist, die Ursache von allen warmen (Dingen) ist, wie in demselben (Metaphys.-) Buch gesagt wird. (c) Also gibt es etwas, was von allem Seienden die Ursache des Seins, der Gutheit und jeder anderen Vollkommenheit ist. Und dies nennen wir Gott.

[Die quinta via] Der fünfte Weg wird von der (zweckvollen) Leitung der Dinge genommen. (a) Wir sehen nämlich, daß einige (Dinge), die des Denkens entbehren, nämlich die natürlichen Körper(dinge), wegen eines Zieles (Zweckes) tätig sind: was daraus deutlich wird, daß sie immer oder meistens auf dieselbe Weise tätig sind, um das zu erreichen, was jeweils) das Beste ist. Daraus ist offenbar, daß sie nicht aus Zufall, sondern aus (zweckvoller) Absicht zu ihrem Ziel gelangen. (b) Diejenigen (Dinge) aber, die kein Denken haben, streben nicht zu ihrem Ziel, außer weil sie geleitet sind von einem Denkenden und vernünftig Erkennenden, wie der Pfeil vom Bogenschützen geleitet wird. (c) Also gibt es etwas vemünftig Erkennendes, von dem alle Naturdinge auf ein Ziel hin geordnet werden. Und dies nennen wir Gott.

 

[Zu den Einwänden]

Zum ersten also muß man so sagen, wie Augustinus im Enchiridium sagt: "Da Gott im höchsten Maße gut ist, würde Er auf keine Weise zulassen, daß ein Übel in seinen Werken sei, wenn Er nicht so allmächtig und gut wäre, daß Er auch aus dem Übel Gutes tun könnte. Das betrifft also die unendliche Gutheit Gottes, daß Er Übel zuläßt, und aus ihnen Gutes wirkt."

Zum zweiten muß man sagen: Da die Natur wegen eines bestimmten Zieles tätig ist, das sie aus der Leitung eines höheren tätigen Prinzips hat, muß man notwendig das, was von Natur geschieht, auch auf Gott zurückführen, wie auf eine erste Ursache. In gleicher Weise muß man auch das, was aus (menschlicher) Absicht geschieht, auf eine höhere Ursache zurückführen, die nicht menschlicher Verstand und Wille ist, weil diese veränderlich und mangelhaft sind. Man muß aber alles Veränderliche und zum Mangelhaften hin Mögliche zurückführen auf ein erstes Prinzip, das unbewegt und an sich notwendig ist, wie oben gesagt (in der Antwort).

 

Essay-Fragen:

1) Einer der bedeutendensten Evolutionsbiologen unserer Zeit hat sinngemäß geschrieben: "Bis zum Erscheinen von Darwins 'Origin of Species' war es irrational, Atheist zu sein". Diskutieren Sie im Hinblick auf Thomas.

2) Schlagen Sie in einem philosophischen Wörterbuch unter "Ockhams Rasiermesser" nach. Ist Ockham der Erfinder des Ockhamschen Rasiermessers?

3) In welcher Form stellt sich Thomas den Theodizée-Einwand? Ist dies die stärkste denkbare Form? Ist seine Antwort befriedigend?

4) Im Artikel "quantifier shift fallacy" in der von Anthony Flew herausgegebenen Dictionary of Philosophy wird Thomas' prima via als Paradebeispiel für einen logischen Fehler zitiert, der in der Verwechslung von $ x" y (Fxy) mit " x$ y (Fxy) bestehe. Worin besteht dieser Vorwurf genau? Ist er gerechtfertigt?

5) In der prima via heißt es: "Hier kann es nicht ins Unendliche gehen".Warum eigentlich nicht?

 

zurück