Arthur Schopenhauer

Aus der Preisschrift zur Grundlage der Moral

§. 16.

Aufstellung und Beweis der allein ächten moralischen Triebfeder.

[...]

In Folge der im vorhergehenden Paragraphen gegebenen Auseinandersetzung schließen EGOISMUS und MORALISCHER WERTH einer Handlung einander schlechthin aus. Hat eine Handlung einen egoistischen Zweck zum Motiv; so kann sie keinen moralischen Werth haben: soll eine Handlung moralischen Wert haben, so darf kein egoistischer Zweck, unmittelbar oder mittelbar, nahe oder fern, ihr Motiv sein. [...]

[M]an setze zum letzten Beweggrund einer Handlung, was man wolle; immer wird sich ergeben, daß, auf irgend einem Umwege, zuletzt DAS EIGENE WOHL UND WEHE DES HANDELNDEN die eigentliche Triebfeder mithin die Handlung EGOISTISCH, folglich OHNE MORALISCHEN WERTH ist. Nur einen einzigen Fall giebt es, in welchem dies nicht Statt hat: nämlich wenn der letzte Beweggrund zu einer Handlung, oder Unterlassung, geradezu und ausschließlich im WOHL UND WEHE irgend eines dabei passive beteiligten ANDERN liegt, also der aktive Teil bei seinem Handeln, oder Unterlassen, ganz allein das Wohl und Wehe eines ANDERN im Auge hat und durchaus nichts bezweckt, als daß jener Andere unverletzt bleibe, oder gar Hülfe, Beistand und Erleichterung erhalte. DIESER ZWECK ALLEIN drückt einer Handlung, oder Unterlassung, den Stämpel des MORALISCHEN WERTHES auf; welcher demnach ausschließlich darauf beruht, daß die Handlung bloß zu Nutz und Frommen EINES ANDERN geschehe, oder unterbleibe. [...]

Wenn nun aber meine Handlung ganz allein EINES ANDERN WEGEN geschehen soll; so muß SEIN WOHL UND WEHE UNMITTELBAR MEIN MOTIV seyn: so wie bei allen andem Handlungen das MEINIGE es ist. Dies bringt unser Problem auf einen engern Ausdruck, nämlich diesen: wie ist es irgend möglich, daß das Wohl und Wehe EINES ANDERN, unmittelbar, d. h. ganz so wie sonst nur mein eigenes, meinen Willen bewege, also direkt mein Motiv werde, und sogar es bisweilen in dem Grade werde, daß ich demselben mein eigenes Wohl und Wehe, diese sonst alleinige Quelle meiner Motive, mehr oder weniger nachsetzen - Offenbar nur dadurch, daß jener Andere DER LETZTE ZWECK meines Willens wird, ganz so wie sonst ich selbst es bin: also dadurch, daß, ich ganz unmittelbar SEIN Wohl will und SEIN Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur das MEINIGE. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei SEINEM Wehe als solchem geradezu mitleide, SEIN Wehe fühle, wie sonst nur meines, und deshalb sein Wohl unmittelbar will, wie sonst nur meines. Dies erfordert aber, daß ich aufirgend eine Weise MIT IHM IDENNFICIRT sei, d. h. daß jener gänzhche UNTERSCHIED zwischen mir und jedem Andem, auf welchem gerade mein Egoismus beruht, wenigstens in einem gewissen Grade aufgehoben sei. Da ich nun aber doch nicht IN DER HAUT des Andem stecke, so kann allein vermittelst der ERKENNTNISS, die ich von ihm habe, d.h. der Vorstellung von ihm in meinem Kopf, ich mich so weit mit ihm identificiren, daß meine That jenen Unterschied als aufgehoben ankündigt. Der hier analysirte Vorgang aber ist kein erträumter, oder aus der Luft gegriffener, sondem ein ganz wirklicher, ja, keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des MITLEIDS. d.h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen THEILNAHME zunächst am LEIDEN eines Andern und dadurch an der Verhindemng oder Aufhebung dieses Leidens, als worin zuletzt auch Befriedigung und alles Wohlseyn und Glück besteht. Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller FREIEN Gerechtigkeit und aller ACHTEN Menschenliebe. Nur sofern eine Handlung aus ihm entsprungen ist, hat sie moralischen Werth: und jede aus irgend welchen andern Motiven hervorgehende hat keinen. Sobald dieses Mitleid rege wird, liegt mir das Wohl und Wehe des Andern unmittelbar am Herzen, ganz in der selben Art, wenn auch nicht stets in demselben Grade, wie sonst allein das meinige: also ist jetzt der Unterschied zwischen ihm und mir kein absoluter mehr.

Allerdings ist dieser Vorgang erstaunenswürdig, ja, mysteriös. Er ist, in Wahrheit, das große Mysterium der Ethik, ihr Urphänomen und der Gränzstein, über welchen hinaus nur noch die metaphysische Spekulation einen Schritt wagen kann. [...]

Jetzt aber gehe ich an die Ableitung der Handlungen von ächtem moralischen Werth aus der nachgewiesenen Quelle derselben. Als die allgemeine Maxime solcher Handlungen und folglich als den obersten Grundsatz der Ethik habe ich schon im vorigen Abschnitte die Regel aufgestellt: Neminem laede; imo omnes, quantum potes, juva. [Schade niemandem, nütze allen; hilf, wo du kannst...]

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