Aus: Heinz Wagner, Opernhandbuch, Reinbeck (rowohlt), 1996

»Parsifal«

UA: Bayreuth 1882; T.: Richard Wagner

Amfortas - Bariton; Titurel - Baß; Gurnemanz - Baß; Parsifal - Tenor; Klingsor - Baß; Kundry - Sopran; Zwei Gralsritter - Tenor, Baß; Vier Knappen - Sopran, Tenor; Gralsritter - Tenor, Baß; Jünglinge und Knaben - Tenor, Alt, Sopran; Klingsors Blumenmädchen - Sopran, Alt; Gralsritter-Chor.

In und um die Burg Montsalvat, Klingsors Zaubergarten. Frühes Mittelalter, Sagenwelt.

VORGESCHICHTE: Dem frommen Heldenkönig Titurel ist durch Gottes Boten befohlen worden, den Gral und den Speer zu behüten. Er hat auf dem Berg Montsalvat die Gralsburg errichten lassen und bewacht seitdem mit einer auserlesenen Schar von Rittern die Heiligtümer. Der Gral ist die Schale, die Jesus beim letzten Abendmahl benutzt hat und in der sein Blut aufgefangen wurde, der heilige Speer die Waffe, mit der Christus am Kreuz durch Longinus verletzt wurde. Beide Reliquien bewahrte Joseph von Arimathäa auf, nach dessen Tod übernahmen sie Engel, weil kein Mensch mehr würdig genug erschien. Erst Titurel erhielt diese Aufgabe wieder. Als er alterte, wurde sein Sohn Amfortas von den Rittern zum neuen König gewählt, der nun den Gral, dessen Wunderkräfte jährlich durch eine vom Himmel kommende Taube erneuert werden, betreut. Dieser himmlische Zauber verjüngt und kräftigt die Ritter, solange sie den Anblick des Grals genießen. Eines Tages bewarb sich auch Klingsor um die Aufnahme in die Ritterschaft, wurde aber wegen des Fehlens sittlicher Reife und Reinheit zweimal abgewiesen. Darauf schwor er, sich zu rächen und schuf im Bund mit dem Bösen ein herrliches Schloß mit feenhaften Gärten, in denen die wunderschöne Kundry und bezaubernde Blumenmädchen die Gralsritter zu verfuhren versuchten. Kundry ist zur Ruhelosigkeit verurteilt, weil sie Christus auf dem Weg nach Golgatha verspottet hat. Nun ist sie in Klingsors Hände gegeben und muß, obwohl sie bereut, immer das Böse tun. Sie wird nur erlöst, wenn einer ihren Reizen widersteht. Nachdem schon viele Gralsritter Klingsors Verlockungen erlegen sind, beauftragt Titurel Amfortas, den Zauber zu brechen. Aber auch er erlag Kundrys Verführungskünsten, Klingsor entwand ihm den heiligen Speer und verletzte den König, die Wunde will sich seither nicht mehr schließen. Immer wenn Amfortas den Gral enthüllen soll, steigern sich seine Schmerzen, so daß ihn die Qualen von der Erfüllung seiner Pflichten abgehalten haben. Heilung findet der sieche König nur dann, wenn der heilige Speer, durch einen »reinen Toren« geführt, die Wunde zum zweiten Mal berührt.

1. AUFZUG: Gurnemanz, der Hüter des Tempelbezirks, erhebt sich, als der Tag anbricht und befiehlt den Knappen, das Bad für den kranken König zu bereiten. Zwei Ritter berichten, daß Amfortas auch die neuesten Heilkräuter nicht geholfen und er starke Schmerzen habe. Kundry stürmt herbei, sie hat einen Balsam für den Kranken gefunden, doch auch dieser hilft dem König, der in einer Sänfte zum Bad getragen wird, nichts. Als die Knappen Kundry schelten, weist Gurnemanz sie zurecht, er weiß, daß immer nur ein Unglück über den Gral hereinbricht, wenn Kundry abwesend ist. Lärm ertönt, ein Schwan ist durch einen Pfeil tödlich verletzt worden. Der Übeltäter, ein Jüngling, wird herbeigebracht, er weiß nichts von der Heiligkeit des Ortes, kennt keine Heimat und noch nicht einmal seinen Namen, nur den seiner Mutter, Herzeleide. Gurnemanz weist den Jüngling auf das Unrecht seiner Tat hin, der Reuige zerbricht Bogen und Pfeil. Kundry weiß, daß sein Vater Gamuret hieß, er fiel vor der Geburt des Sohnes im Kampf. Um ihn vor dem gleichen Schicksal zu bewahren, hat Herzeleide ihren Sohn in völliger Unwissenheit und waffenlos erzogen. Eines Tages ist er vorbereitenden Rittern nachgelaufen, hat sie zwar nicht erreicht, aber seitdem »gegen Wild und große Männer« gekämpft. Als er hört, daß seine Mutter gestorben ist, will er der Unglücksbotin Kundry an die Kehle, wird aber von Gurnemanz beschwichtigt. Kundry erquickt ihren zitternden Angreifer, dann hört sie Klingsors Ruf und muß ihm folgen. Gurnemanz hofft, daß der unwissende Jüngling der ersehnte Reiter ist und nimmt ihn in die Gralsburg mit, wo die Ritter gerade zum Liebesmahl schreiten. Amfortas wird hereingetragen und vom greisen Titurel aufgefordert, den Gral zu enthüllen. Widerwillig folgt Amfortas unter starken Schmerzen. Die Ritter setzen sich zum Mahl mit Brot und Wein, Gurnemanz fordert auch Parsifal auf teilzunehmen, dieser bleibt entrückt stehen. Er wird wissend und empfindet tiefstes Mitleid mit dem König. Er ist entschlossen, Amfortas zu helfen. Gumemanz schickt ihn ärgerlich fort, doch hinter ihm hört man die Erlösungsprophezeiung erklingen.

2. AUFZUG: Klingsor sieht im Innern seines Schlosses durch einen Zauberspiegel, wie sich der "reine Tor", von dem ihm große Gefahr droht, nähert. Kundry wird beauftragt, Parsifal wie Amfortas zu verführen. Trotzt er ihren Künsten, winkt Erlösung von ihrem Fluch. Als der junge Held die Burg erklimmt und eine Schar Klingsor verfallener Ritter in die Flucht schlägt, läßt der Zauberer seinen Wonnegarten entstehen. Parsifal gelangt zwischen die Blumenmädchen, die ihn schmeichlerisch umarmen. Der reine Tor scheucht sie fort, Klingsor ruft Kundry um Hilfe. Diese schönste aller Frauen berichtet dem jungen von Mutter und Vater, nennt auch seinen wirklichen Namen, Parsifal. Weder ihr Kosen und Küssen noch die Erinnerung an die Mutter können den Jüngling von dem Gedanken an Amfortas und seine Wunde ablenken, er weist die Verführerin zurück. Kundry, die von ihrem Geschick berichtet hat, gerät in wildes Rasen und weicht mit dem Fluch, daß Parsifal nie den Weg zurück finden möge. Ihr Schreien ruft Klingsor, der die Lanze gegen Parsifal schleudert, doch der heilige Speer bleibt über seinem Haupt schweben. Der Jüngling ergreift die Waffe, vor dem Kreuzzeichen versinkt die Zauberburg. Parsifal wendet sich zum Gehen und ruft Kundry zu, sie wisse, wo sie ihn finden könne.

3. AUFZUG: Jahre sind vergangen, wieder ist es Frühling geworden, der Erlöser ist immer noch nicht gekommen. Alle Gralsritter sind stark gealtert, weil sich Amfortas weigert, den Gral zu enthüllen. Gurnemanz entdeckt in einem Gebüsch die scheinbar leblose Kundry und ruft sie ins Leben zurück. Sie erwacht mit einem Schrei und will nur noch dienen. Ein Ritter in schwarzer Rüstung, geschlossenem Helm und gesenktem Speer tritt aus dem Wald. Als Gurnemanz ihn erinnert, daß Karfreitag ist, legt er wortlos die Rüstung ab, stößt den Speer in den Boden und sinkt betend auf die Knie. Staunend erkennt Gurnemanz in dem Ritter den Jüngling, den er einst aus der Gralsburg gewiesen hat, staunend sieht er den heiligen Speer. Parsifal erzählt von seinen Irrwegen und Kämpfen, er fragt, ob er endlich am Ziel sei. Gurnemanz bejaht freudig, er und Kundry waschen und salben den künftigen König. Parsifal entsühnt Kundry, durch die glänzenden Wiesen schreiten alle zum Heiligtum. Titurel ist gestorben, Amfortas will noch einmal den Gral enthüllen, die Ritterschaft naht in tiefer Trauer. Alle drängen den König, endlich den Schrein zu öffnen, doch Amfortas weigert sich und fordert die Ritter auf, ihn zu töten, um seine Leiden zu beenden. Parsifal tritt mit Gurnemanz und Kundry in den Saal und berührt mit dem heiligen Speer die Wunde des Königs: »Nur eine Waffe taugt, die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug!« Die Wunde heilt, Amfortas ist wie verzückt. Parsifal erklärt ihn für entsühnt, er selbst will den Gral verwalten und König sein. Er enthüllt den Gral, eine Taube kommt vom Himmel, purpurnes Licht erglänzt. Während der tote Titurel noch einmal aufwacht und die Ritterschaft segnet, sinkt Kundry beim Anblick des Grals entseelt zu Boden, alle huldigen dem neuen König.

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