N. Strobach, PS Philosophie als Psychotherapie, WS 98 / 99

Rückblick auf philosophische Strömungen der nachklassischen Antike

 

1. Suche nach Seelenruhe - psychotherapeutische Philosophien

1.1. Epikur (342-270 v.Chr.)

Die sehr kleine überlieferte Textmenge (drei ziemlich kurze Lehrbriefe (1) und ein paar Fragmente) hatte große Wirkung - vor allem als Pappkamerad zum Draufhauen. Weniger für seine atomistische Naturphilosophie (2) ist Epikur berühmt, als für seinen Hedonismus, ausgeführt im Lehrbrief an Menoikeus: Alles Gute (agathon) und Schlechte (kakon) ist nur in der Empfindung (aisthesis) - Platon hätte sich die Haare gerauft -; deshalb ist der Tod nichts für uns (meden pros hemas einai ton thanaton) (124) (3): wenn wir noch etwas merken, ist er ja noch nicht da, und wenn er da ist, merken wir nichts mehr davon (125). Man will deshalb auch nicht um jeden Preis möglichst lang leben, sondern möglichst zufrieden/angenehm (hediston) (126). Das Ziel (telos) des Gelungen-Lebens (makarios zen) ist Gesundheit des Körpers und Unzerissenheit (ataraxia) der Seele (128). Ursprung (arche) und Ziel des Gelungen-Lebens ist die Lust (hedone) (128). Sie ist als erstes und angeborenes Gut (agathon), Richtschnur (kanon) des Wählens (hairesis) und Meidens (fuge) (129). Es ist abzuwägen: Wahl- und hemmungsloser Genuß rächt sich erfahrungsgemäß in umso größerer Unlust. Das zufriedene Leben beschert daher ein nüchterner Verstand (logismos), der der Einsicht rechnung trägt, daß kleine Bedürfnisse leichter erfüllen sind als große, und deshalb die Bedürfnisse nicht zu groß macht. Dafür ist [praktische] Einsicht (phronesis) letztlich wichtiger als [theoretische] Philosophie (philosophia) (132).

Epikurs Thesen wirken schwieriger, aber auch weniger provokativ, als sie zumeist gewirkt haben, wenn man beachtet, daß er "hedone" als Zufriedenheit bzw. Seelenruhe im Sinne von Abwesenheit von Unlust definiert (128f).

1Die drei Lehrbriefe sind als Komplett-Zitate überliefert im 10. Buch des "Störig" der Antike, dem Werk "Leben und Lehren berühmter Philosophen" eines gewissen Dioegenes Laertios. Leseausgabe: Epikur, Briefe, Sprüche, Werkfragmente, Griechisch/Deutsch, übersetzt und hrsg. von Hans-Wolfgang Krautz, Stuttgart 1980 (Reclam 9984). Sekundärliteratur:Nachwort von Krautz und Malte Hossenfelder, Epikur, Reihe Klassiker der Philosophie (Beck) hrsg. von O.Höffe, München 1988.

2Vor allem im Lehrbrief an Herodot; wichtigster Text des antiken Atomismus: De rerum natura von Lukrez (1.Jh.v.Chr.), in denen z.B. die Ansichten von Demokrit und Leukipp (5./4.Jh. v.Chr.) fragmentarisch überliefert sind.

3Epikur wird nach "klassischen" Seiten bzw. Abschnitten zitiert (deren Herkunft mir unbekannt ist), die sich aber in jeder guten Ausgabe finden.

 

1.2. Skepsis

(von skopein = spähen, [unter-]suchen). Klassischer Text ist der "Grundriß der pyrrhonischen Skepsis", in der ein gewisser Sextus Empiricus (ca. 200 - 250 nach Chr.) die Ansichten des Philosophen Pyrrhon (ca. 360-270 v.Chr.) zusammengefaßt hat. (4) Da Skeptiker per def. noch dabei sind, sich umzuschauen, handelt es sich bei ihren Äußerungen nicht um eine Theorie, sondern um die Beschreibung des gegenwärtigen Standes der Suche (§1; G I,4) (5).

Dem Skeptiker scheint (6) also folgendes (und daß einem etwas so-und-so zu sein scheint, kann man nicht anzweifeln; nur, daß es so ist (§10; G I,19/20)): Für jede beliebige Aussage ergibt sich bei genauem Hinsehen ein Gleichstand (Isosthenie) an Glaubwürdigkeit der Argumente pro und contra (§4; G I,10) - oder er könnte sich zumindest einmal ergeben (§13; G I,34) (7).

Letzbegründung ist ein schwieriges Geschäft: Entweder man gelangt in einen Regreß oder einen Zirkel oder man macht eine unbegründete Setzung (vgl. z.B. in §15; G I, 166, 168, 169). Sog. "Tropen" legen zudem nahe, daß jede Auffassung bloß relativ ist: relativ z.B. auf die biologische Art, auf das Individuum oder auf [physikalische oder psychische] Umstände (vgl. z.B. §14; G I, 36-40).

Skepsis ist Lehre nur im Sinne eines way of life (§8; G I,16/17) mit dem Ziel der Seelenruhe (ataraxia) bzw. Meeresstille der Seele (§4; G I,10). Diese ist jedoch nicht durch Erkenntnis zu erhoffen, sondern als Zufall: Es ist wie mit dem Maler, der, frustriert über seine Unfähigkeit, ein Pferd mit Schaum vorm Mund zu malen, schließlich den Schwamm mit Lösungsmittel auf das Bild warf - et voilà! ... (§12; G I, 28/29). Solange keine letztbegründeten Werte zur Hand sind, bietet es sich an, nach der Sitte der Väter weiterzuleben, da man ja nicht einfach nichts tun kann (§11; G I,23). Wo nichts sicher scheint, ist gegenüber jedem Urteil Zurückhaltung (Epoché) angebracht (vgl. z.B. §13; G I,31).

Eine weitere Form der Skepsis neben dem Pyrrhonismus ist die Skepsis der Akademie. Die Akademie in Athen war ursprünglich Platons Privat-College, das er auf dem Grundstück eines gewissen Akademos gegründet hatte. Platon war natürlich alles andere als ein Skeptiker. Aber nach seinem Tod änderte sich die Ausrichtung der Akademie in Richtung Skepsis und bestand für lange Zeit weiter. Die akademische Skepsis ist wahrscheinlich mit dem Problem des möglichen Selbstwiderspruchs der Skepsis ("Ich weiß, daß ich nichts weiß") schlechter fertig geworden als Pyrrhon (vgl. S. 12ff. in Hossenfelders Einleitung zu seiner Übersetzung von G).

Von der Akademie (und in vielleicht etwas geringerem Maße von der Stoa) beeinflußt war Cicero (106-43 v.Chr.). Dies zeigt z. B. sein Buch über Schicksal und Willensfreiheit "De fato".

4Die von Sextus überlieferte Textmenge ist groß. Die wichtigsten Ausagen der Skepsis kennt man in originalen Formulierungen aber schon, wenn man §§1-16 des "Grundriß" liest. Neben dem "Grundriß" findet man besonders das mehrbändige Werk "Adversus Mathematicos" manchmal zitiert, das oft ausführlicher dieselben Themen behandelt wie der "Grundriß".

5G ist kurz für "Grundriß". Paragraphenangaben stammen aus: Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, Übersetzung und Einleitung von Malte Hossenfelder, Frankfurt/M. 1985 (stw 499). Die Einleitung ist sehr gute Sekundärliteratur, die Übersetzung ist einfach grandios. Der griechische Text ist zugänglich in der griechisch-englischen Loeb-Ausgabe "Outlines of Pyrrhonism".

6So begegnet die Skepsis dem folgenden "Peritropé" genannten Argument: "Wenn du sagst, daß nichts intersubjektiv wahr ist, behauptest du ja doch, daß gerade dies intersubjektiv wahr ist". Platon versucht, im Theätet (170d-171d) dieses Argument gegen den Proto-Skeptiker Protagoras anzuwenden.

7"Wenn wir jetzt überzeugt sind, kann das daran liegen, daß wir das Gegenargument noch nicht kennen" - nicht zuletzt daraus hat Karl Popper seine Wissenschaftstheorie des "Kritischen Rationalismus" gestrickt (zuerst dargelegt in: Logik der Forschung, Wien 1934). Popper hat allerdings antike Wurzeln seiner Ideen nie verleugnet!

 

1.3. Stoa

Nicht sehr präzise Sammelbezeichnung für Philosophen, die man in der Nachfolge eines gewissen Zenon von Kition einordnete, der um 300 v. Chr. in einer Säulenhalle (Stoa) in Athen lehrte. Berühmt und assoziationsprägend ("stoische Haltung") ist die ganz auf Ethik konzentrierte und nicht immer von Banalitäten freie "jüngere" Stoa der römischen Kaiserzeit. (8)Sie findet ihren Ausdruck in Senecas (4 v.Chr.- 65n.Chr.) Werken,(9) in den "Selbstbetrachtungen" des Marc Aurel (röm. Kaiser 161-181), sowie sehr konzise im kurzen "Handbüchlein" (Encheiridion) des Freigelassenen Epiktet (ca. 50 - 138): (10) Mach dir klar, was an uns ist (ta estin eph' hemin) und was nicht (ta ouk eph' hemin); an uns sind unsere Auffassungen (upolepseis) und unser Begehren (orexis), nicht aber unser Körper, unser Besitz und unsere soziale Stellung (§1). Sich über Gewinn oder Verlust von etwas emotional aufzuregen, was nicht an uns ist, ist unangebracht, weil zwecklos (vgl. §1,2); (11) glücklich - im Sinne der Seelenruhe, versteht sich - ist, wer sich dem Geschehen fügt (§8) und sich nur von dem berühren läßt, was an ihm ist. Um dahin zu kommen, empfiehlt sich Rationalisierung: Bedenke genau die Folgen dessen, was du willst (§4, §29), und vor allem: abstrahiere von dir und vom dich berührenden Einzelfall, bei der Beurteilung dessen, was dir geschieht.(12)

8Das heißt nicht, daß zur älteren Stoa gerechnete Philosophen nichts Interessantes geschrieben hätten. Vgl. das Arbeitspapier zur älteren Stoa. Die Stoiker gelten als Erfinder der Aussagenlogik, also der Logik der Satzverbindungen mit "und", "oder" "wenn...dann" etc.

9Seit Cicero (106-43 v.Chr.) wird vereinzelt in der Volks- und Verwaltungssprache Latein philosophiert. Marc Aurel und Epiktet ebenso wie die Neuplatoniker und Aristoteles-Kommentatoren benutzen aber weiter die Bildungssprache Griechisch.

10Epiktet, Handbüchlein der Moral, Gr/dt. übersetzt und hrsg. v. Kurt Steinmann, Stuttgart 1992 (Reclam 8788). Dort auch gute Einführung.

11Epiktet zieht die Konsequenz: Laß dir jeden Diebstahl (§11) und jede Herabsetzung (z.B. §25, 42) gefallen (weil das, was man dir nehmen kann, ja nichts ist, was an dir ist).

12Beispiele: "Es ist ein - naturgemäß sterblicher - Mensch, den ich küsse" (§3); "Ein Vater - dem ich als Sohn naturgemäß verpflichtet bin - behandelt mich schlecht" (§30). Betrachte eine Sache immer aus dem Blickwinkel des andern: nicht nur wenn der Sklave Geschirr zerbricht, sondern auch in einem Trauerfall, sieh dich selbst als Gast, der sagt: "Sowas passiert halt!" ("ton ginomenon estin !") (§26). Objektiviere: "Er wäscht sich eilig" statt "Er wäscht sich schlecht" (§45); Betrachtete dich (von außen) als Schauspieler mit zugeteilter Rolle (§17) und als höflicher und bescheidener Gast an einer Tafel (§15)!

 

2. Andere Strömungen

2.1. Neuplatonismus

Spätantike Richtung der Metaphysik, die, von Platons Trennung zwischen Ideenhimmel und Sinnendingen ausgehend, eine Hierarchie des Seienden aufspannt. Wichtigstes Werk: die "Enneaden" ("neun Teile") von Plotin (204-270), hrsg. von seinem Schüler Porphyrius.

Roter Faden: Das lichte und göttliche "Eine" (to hen) (13) fließt, ohne dabei weniger zu werden, über verschiedene Stufen (Ideenhimmel, Weltseele, Einzelseelen) aus in die finstere Materie - in ihrer Instabilität eigentlich ein Nichtseiendes (gängiger Fachbegriff für diesen Prozeß: emanatio). Im Text der vielbändigen Enneaden ist dieser rote Faden nicht leicht zu finden. Plotin ist sehr anstrengende Lektüre, gerade wegen der überraschenden Technizität seiner Texte (14).

Zweifellos waren neuplatonische Philosophen der Ansicht, daß ihre Philosophie der Seele gut tut (vgl. dazu etwa Enneade I,4) und die richtige, möglichst dem Zeitlichen und Materiellen enthobene, Lebenseinstellung vermittelt. Doch kann man kaum sagen, daß ihre Hauptmotivation psychotherapeutisch war. Einige ihrer Vertreter betrieben vielmehr...

 

2.2. "Universitäts"-philosophie

in der röm. Kaiserzeit. Philosophie gilt als Bildungsgut. Texte wie Aristoteles' "Kategorien" (15) aber auch manche Dialoge Platons haben den Status von klassischem Lehrstoff. Zu Aristoteles' Schriften entsteht umfangreiche Kommentarliteratur (Simplicius (6. Jh.), Alexander von Aphrodisias (ca. 200), Proklos (5. Jh.), Themistius (ca. 380), Porphyrius (232-309)).(16)

13Bekannt aus dem obskuren zweiten Teil von Platons Spätdialog "Parmenides", den die Neuplatoniker damit auf ihre Weise interpretierten.

14Einen guten Eindruck vermittelt der Meiner-Sammelband "Plotin, Seele - Geist - Eines", gr/dt., übersetzt v. Richard Harder, Hamburg 1990, v.a. dort Enneaden IV 8 und V 4.

15Der Plotin-Herausgeber Porphyrius schreibt z.B. ein einleitendes Vorwort (Isagogé) dazu, das seitdem allen Ausgaben dieser Schrift vorangestellt wird.

16Alles Spezialistenterrain, hilft aber manchmal bei der Aristoteles-Exegese. Einen Einblick gibt: Richard Sorabjis einleitender Artikel in Richard Sorabji (Hrsg.): Aristotle transformed - the ancient commentators and their influence, London 1990. Eine Forschungsgruppe um Sorabji arbeitet zur Zeit in London an der Übersetzung von 15.000 Seiten bisher nur auf Griechisch vorhandener antiker Kommentarliteratur.

 

3. Spätantike Esoterik

Die Polarität von Licht und Finsternis teilt der Neuplatonismus mit verschiedenen, nicht immer deutlich voneinander zu trennenden religiösen Strömungen im Osten des röm. Reiches, z.B. Mithraskult, Zoroasterkult, Gnosis (eigtl. nur "Erkenntnis"), Manichäismus (nach dem persischen "Propheten" Mani, 3.Jh., der offenbar Jesus als seinen Vorläufer ansah und als Unruhestifter im Gefängnis umkam).(17)

Oft wird hier die Weltgeschichte als Kampf zwischen Mächten des Lichts und der Finsternis interpretiert.(18) Ein entscheidender Unterschied zum Neuplatonismus (abgesehen davon, daß dieser eine Philosophie ist, jene religiöse Ströumngen sind) besteht darin, daß der "Finsternis" bzw. dem Bösen wirkliche Existenz und Macht zugesprochen wird.

Ein in seiner philosophischen Abstraktion beeindruckender Text, der versucht, einige solcher Vorstellungen in das Christentum zu integrieren, ist der "Prolog" des Johannes-Evangeliums. Auch mit dem Neuplatonismus wird dieser Text oft in Verbindung gebracht.

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