Boethius (ca.480 - ca.525n.Chr.) "Trost der Philosophie"

Übersetzung: Ernst Neitzke

 

Textausschnitt 1 - Der Auftritt der Philosophie (1. Buch, 1.Prosa)

Während ich dies schweigend bei mir selbst überdachte und die tränenreiche Klage mit dem Griffel niederschrieb, dünkte es mich, daß mir zu Häupten eine Frau erschien: von sehr verehrungswürdigem Aussehen mit funkelnden und über die gewöhnliche Fähigkeit des Menschen hinaus durchdringenden Augen, von frischer Farbe und unverbrauchten Kräften, obwohl sie doch in so vorgerücktem Alter stand, daß man keinesfalls eine Angehörige unseres Zeitalters in ihr sehen konnte, und von nicht klar erkennbarem Wuchs. Denn bald begnügte sie sich mit dem gewöhnlichen menschlichen Maß, bald aber schien sie oben mit ihrem Scheitel den Himmel zu berühren. Und wenn sie ihr Haupt noch höher erhoben hätte, so wäre sie bis in den Himmel selber vorgestoßen und hätte sich den Blicken der ihr nachschauenden Menschen völlig entzogen. Ihr Gewand war aus den zartesten Fäden und mit sauberster Kunstfertigkeit aus unzerstörbarem Material gefertigt und, wie ich später durch ihr Geständnis erfuhr, von ihren eigenen Händen gewebt; sein Äußeres war, was bei verräucherten Ahnenbildern gewöhnlich ist, wie infolge von Alter und Unachtsamkeit nachgedunkelt. In seinem unteren Rande war ein griechisches Pi, im oberen aber ein Theta eingewebt zu sehen; und zwischen beiden schien eine Art von treppenförmig angelegten Stufen angedeutet zu sein, auf denen ein Aufsteigen vom unteren zum oberen Buchstaben erfolgen könnte. Dasselbe Gewand hatten jedoch die Hände gewisser gewalttätiger Menschen zerrissen und die Teile, soviel jeder nur konnte, davongeschleppt. Auch trug sie in der rechten Hand Bücherrollen, in der linken ein Zepter.

Als sie nun die Musen der Dichtkunst neben meinem Lager stehen und mir den Text für meine Klageweisen vorschreiben sah, da ergrimmte sie und sprach mit finster blickenden Augen: "Wer hat diesen Huren vom Theater den Zutritt zu diesem Kranken gestattet, die seine Schmerzen nicht nur mit keinerlei Heilmitteln lindern, sondern durch ihr süßes Gift obendrein vermehren wollen? Sie sind es nämlich, die durch das unfruchtbare Gestrüpp der Leidenschaften die Saat der fruchtverheißenden Vernunft vernichten und den Geist der Menschen an die Krankheit gewöhnen und nicht ihn von ihr befreien. Ja, wenn eure Schmeichelreden einen Unwissenden, wie bei euch üblich, verführten, so würde ich das für weniger bedenklich halten. Denn bei einem solchen würde meinen Bemühungen nicht zu nahe getreten werden. Nun aber diesen Mann, der mit dem Studium der Eleaten und der Akademie groß geworden ist? Verschwindet also, ihr Sirenen, deren Süße nur Verderben bringt, und überlaßt ihn meinen Musen zur Pflege und zur Heilung."

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Textausschnitt 2 - Philosophische Diagnostik (1. Buch, 7. Prosa und Schlußgedicht)

Erlaubst du zunächst einmal, daß ich mit einigen Fragen auf den Zustand deines Geistes zu sprechen komme und ihn untersuche, um festzustellen, in welcher Weise deine Kur verlaufen müsse?

Du kannst, sagte ich, nach deinem Belieben fragen, was du magst; ich werde antworten.

Darauf sagte jene: Bist du der Meinung, daß diese Welt durch Planlosigkeit geführt werde, oder glaubst du, daß in ihr irgendeine vernunftmäßige Leitung obwalte?

Aber in keiner Weise, sagte ich, möchte ich annehmen, daß so fest Gefügtes durch Zufall und Planlosigkeit bewegt werde; ich weiß vielmehr, daß Gott, der Schöpfer, über sein Werk wacht, und nimmermehr dürfte der Tag kommen, der mich von der Richtigkeit dieser Meinung abbringt.

So ist es, sprach sie, denn eben das hast du ja kurz vorher besungen und hast beklagt, daß lediglich die Menschen von der göttlichen Fürsorge ausgeschlossen seien; denn davon, daß das übrige vernunftgemäß gelenkt werde, bist du keineswegs abgewichen. Doch ach - wie gar sehr wundere ich mich, daß du bei so gesunder Auffassung krank bist! Doch untersuchen wir genauer; ich vermute, daß noch irgend etwas fehlt. Da du ja nicht im Zweifel bist, daß die Welt von Gott regiert wird, so sage mir doch: Erkennst du auch, nach welchen Leitgedanken sie gelenkt wird?

Ich begreife kaum, sagte ich, den Sinn deiner Frage, geschweige denn, daß ich das beantworten könnte, was du wissen willst.

Sie sprach: Ich habe mich somit nicht darin geirrt, daß noch etwas fehle, wodurch sich, gleichsam wie durch eine Lücke im Schanzwerk, die Krankheit der Verwirrung in deinen Geist eingeschlichen hat. Aber sage mir, erinnerst du dich, welches der Endzweck der Dinge sei und worauf das ganze Vorhaben der Natur ziele?

Ich habe es gehört, sagte ich, doch hat die Betrübnis mein Erinnerungsvermögen abgestumpft.

Aber das weißt du doch, von wo alles seinen Ursprung herschreibt?

Ich weiß es, sagte ich, und antwortete schon darauf: von Gott.

Und wie kann es geschehen, daß dir der Ursprung bekannt ist und daß du den Endzweck der Dinge nicht weißt? Allerdings ist das die Art solcher Verwirrungen, und ihre Kraft vermag wohl die Menschen von ihrem Platz abzudrängen, nicht aber, sie aus ihrer Bahn zu reißen oder ganz zu vernichten. Doch ich bitte, mir auch dies zu beantworten: Bist du dir bewußt, ein Mensch zu sein?

Wie sollte ich es nicht wissen? sagte ich.

Also wirst du erklären können, was ein Mensch sei?

Willst du damit fragen, ob ich wisse, daß ich ein vernunftbegabtes und ein sterbliches Geschöpf bin? Ich weiß es und bekenne mich als solches.

Und jene: Daß du noch etwas anderes bist, das weißt du gar nicht?

Nein.

So kenne ich nun auch, sprach sie, die andere und auch wesentlichste Ursache deiner Krankheit: Du weißt nicht mehr, was du selber bist. Damit habe ich sowohl die Art deiner Gemütskrankheit als auch den Weg zu deiner Wiederherstellung ausfindig gemacht. Denn weil du, deiner selbst vergessend, verstört bist, beklagtest du dich als verbannt und deines Eigentums beraubt; weil du nicht weißt, welches der Endzweck der Dinge sei, hältst du nichtsnutzige und ruchlose Menschen für mächtig und glücklich. Weil du aber vergessen hast, nach welchen Leitgedanken die Welt regiert wird, so meinst du, die wechselnden Geschicke taumelten ohne einen Lenker dahin: ausreichende Ursachen nicht nur für eine Krankheit, sondern auch für den Tod. Dank aber sei ihm, dem Urheber der Gesundheit, daß dich deine natürliche Kraft noch nicht im Stich gelassen hat! In deiner richtigen Auffassung vom Weltregiment, daß es nämlich nicht vom planlosen Zufall, sondern vom göttlichen Ratschluß abhänge, erkennen wir einen Funken zu deiner Wiederherstellung. Fürchte also nichts; aus diesem unbedeutenden Fünkchen wird bald warme Lebenskraft für dich aufleuchten. Da aber die Zeit für kräftigere Heilmittel noch nicht gekommen ist, und da, wie bekannt, die Natur des Geistes von der Art ist, daß er nach Verwerfung richtiger Ansichten die falschen annimmt, aus denen der Dunst der Verwirrungen aufsteigt und richtige Einsicht trübt: So werden ich den einstweilen durch gelinde und mäßige Besänftigungsmittel zu zerteilen suchen, damit du nach Auflösung der Nebel trügerischer Gemütsbewegungen den Glanz des wahren Lichtes wahrzunehmen vermagst.

 

Sind sie von düstern / Wolken verfinstert,
können die Sterne / fürder nicht leuchten.
Wirbelt der Südwind / tosend das Meer auf,
mischt er die Wasser, / dann muß die Welle,
erst so kristallen / gleich heitren Tagen,
bald von des Schlammes / lockerem Unrat
trübe erscheinen. / Und wenn herabfließt
hoch vom Gebirge / unstet der Bergbach,
staut er sich oftmals, / hemmt ihn ein Steinschlag
brüchiger Felsen. / Du selber, willst du
deutlichen Blickes / Wahrheit erkennen,
rechtlichen Laufes / ziehn deine Straße:
scheuche die Freuden, / Furchtsamkeit scheuche,
Hoffnung vertreibe, / Schmerz sei dir ferne!
Trüb ist die Seele / und liegt in Fesseln,
wo jene herrschen.

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Textausschnitt 3 - Warum die Bösen immer schwach sind (4.Buch, 2. Prosa)

Hieraus ergibt sich, was im Gegensatz dazu steht, daß diejenigen, die durch Freveltaten befleckt sind, zugleich von allen Kräften verlassen zu sein scheinen. Warum lassen sie denn die Tugend außer acht und laufen dem Laster nach?

Aus Unkenntnis des Guten? Aber was gäbe es Schwächlicheres als die Blindheit der Unerfahrenheit?

Oder wissen sie um das, nach dem man streben soll, und drängt nur die Begierde sie vom rechten Wege ab? Auch so sind sie, die dem Laster nicht Widerstand zu leisten vermögen, ohne Kraft, weil ohne Mäßigung.

Oder geben sie wissentlich und willig das Gute auf und wenden sich dem Laster zu? Auf diese Weise jedoch hören sie nicht nur auf, machtvoll zu sein, sondern überhaupt zu sein. Denn die, die das gemeinsame Ziel alles Bestehenden außer acht lassen, hören zu gleicher Zeit auch auf, zu sein. Nun könnte es manchem vielleicht erstaunlich vorkommen, daß wir gerade die Bösen, die die Mehrzahl der Menschen darstellen, als nicht-seiend bezeichnen. Es ist aber so. Denn ich bestreite nicht, daß die Bösen böse sind; aber ich verneine es unbedingt und gerade heraus, daß sie sind. Denn wie man einen Leichnam einen toten Menschen nennen würde, ihn aber nicht für einen Menschen schlechtweg erklären könnte, so möchte ich zwar zugeben, daß die Lasterhaften böse sind, könnte aber nicht anerkennen, daß sie ohne Vorbehalt sind. Was nämlich an der Ordnung festhält und seine Natur wahrt, das ist. Was hingegen von ihr abtrünnig wird, das gibt auch das Sein, das auf seine Natur gegründet ist, gänzlich au£

Aber, wirst du sagen, die Bösen haben doch Macht. Das möchte ich selbst nicht bestreiten; aber diese ihre Macht entstammt nicht der Kraft, sondern der Schwachheit. Sie richten nämlich das Böse aus; wozu sie durchaus nicht imstande wären, wenn sie hätten dabei bleiben können, das Gute zu wirken. Diese Fähigkeit zeigt noch einleuchtender, daß sie nichts vermögen; wenn nämlich, wie wir vorhin erst gefolgert haben, das Böse ein Nichts ist, so ist klar, daß die schlechten Menschen, da sie bloß das Böse vermögen, nichts vermögen.

Das leuchtet ein.

 

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