"Putting things into perspective..." -

Boethius' "Trost der Philosophie" im Schnelldurchlauf

 

1. Einleitung

Ungefähr im Jahre 525 wird der in der römischen Selbstverwaltung und am germanischen Hof politisch aktive Anicius Manlius Severinus Boethius von Theoderich, dem König der Ostgoten, unter einem Vorwand ins Gefängnis geworfen. Boethius, bei seiner Verhaftung ca. 45 Jahre alt, ist nicht nur Politiker, sondern auch Philosoph und Philosophiehistoriker, der das Erbe der klassischen Antike (z.B. die Schriften von Platon und Aristoteles) durch Übersetzung ins Lateinische und Kommentierung zu bewahren versucht. Er ist Christ, bezieht sich aber in seinen philosophischen Schriften kaum aufs Christentum. Kurz vor seiner Hinrichtung schreibt er die "Consolatio philosophiae", eines der letzten philosophischen Bücher der Antike und eines der beliebtesten philosophischen Bücher des Mittelalters. Die logische Struktur der Überlegungen zur Vereinbarkeit von Willensfreiheit und göttlicher Allwissenheit im fünften (Teil-)buch der Consolatio ist äußerst komplex und ergibt Stoff für ein ganzes Semester. In unserem Zusammenhang interessieren aber weniger diese Einzelüberlegungen als vielmehr die "große Form" der Consolatio: Das Buch ist konsequent als (Psycho-)therapie aufgebaut. Der Schwerpunkt für unsere Zwecke liegt - wie bei den "Confessiones" - auf den ersten Büchern.

Die "consolatio" besteht aus einem langen Dialog, der von Gedichten der Dialogpartner unterbrochen wird. Man zitiert sie mit Angabe des Buches und der Nummer des Prosastückes oder des Gedichtes, auf das man sich bezieht, also z.B. II,3.P. für "Zweites Buch, 3. Prosa" oder I,c.6 für "Erstes Buch, Gedicht (carmen) 6. Die Gedichte sind, finde ich, teils schön (z.B. I,c.7), teils wirken sie recht hölzern. Sie sind in sehr unterschiedlichen und schwer zu beherrschenden antiken Versmaßen geschrieben. Auch das hat seinen tieferen Sinn, denn durch lyrische Kunststücke kann Boethius seine innere Freiheit beweisen; etwas trotz seiner Lage gestalten; zeigen, daß er auch in dieser Lage noch etwas beherrscht, was seine Bewacher nicht beherrschen. Und er kann die kulturelle Bilanz einer Zeit ziehen, die mit ihm zu Ende geht.

An den strukturellen Besonderheiten der consolatio und dem - in ihrem Trost manchmal fast charmanten - Ton der Dame Philosophie muß jede sachliche Zusammenfassung scheitern. Die folgende Zusammenfassung ist ein Experiment mit dem Ziel, davon etwas zu wahren. Sie ist ein gewisses Wagnis: Der tiefe Ernst der consolatio bleibt in ihr nicht erhalten. Ich hoffe, daß sie dennoch einen Eindruck nicht nur vom Aufbau, sondern auch von der Power dieses Buches vermitteln kann. Wie das Original klingt, zeigen die Textausschnitte.

Die Gedichtanfänge in der Zusammenfassung sind nicht Anfänge der Originalgedichte, sondern versuchen lediglich, als Stichworte einen Eindruck vom Inhalt des jeweiligen Gedichtes zu vermitteln. Es gibt Teile der consolatio, in denen die Gedichte m.E. wirklich nicht wichtig sind. In anderen Abschnitten spielen sie inhaltlich, v.a. für den Ablauf der Therapie eine große Rolle. An diesen Stellen habe ich sie, anders als üblich, berücksichtigt. Philosophisch gewichtig ist V,c.4, ein Gedicht, das viel von Kants Ansatz in der "Kritik der reinen Vernunft" vorwegnimmt und auf Gedanken des neuplatonischen Philosophen Iamblichos zurückgeht.

Regieanweisungen (außer der letzten), Beispiele und "Tonfälle" i.f. sind keine Zusätze, sondern lassen sich ausnahmslos durch Entsprechungen im Originaltext belegen.

 

2. Zusammenfassung

Buch I - Die Diagnose

(Ein finsterer Kerker (1). Bei seinem ersten Lied ist Boethius von drei Musen umgeben, die ihn zu einem Klagegedicht inspirieren.)

B.: I,c.1 "Ach, ich Ärmster!"

(Es erscheint eine rätselhafte Frau:

Textausschnitt 1

Ph.: I,c.2 "Boethius, wie ist dein Geist verdüstert!"

He, Boethius. Erkennst du mich denn gar nicht? (I,2.P.)

B.: I,c.3 "Wie seltsam gut ist mir in ihrer Nähe..."

B.: Du bist ja... die Philosophie!

Ph.: Genau. Du brauchst medizinische Betreuung. Tut mir leid, ich bin ein bißchen ramponiert. Diese Stoiker und Epikureer haben mir Stücke aus dem Kleid gerissen, um sich damit als Philosophen verkleiden zu können. (I,3.P.)

  Ph.: I,c.4 "Kopf hoch! Du kannst es schaffen..."

 B.: Ich bin zu Unrecht hier. Man hat mich zum Tode verurteilt. Und alles bloß weil ich - lang lebe die römische Republik! - den Senat unterstützt habe. Dabei steht doch bei Platon, daß Philosophen sich ruhig in die Politik einmischen sollen! (verliert die Fassung) Warum? Warum? Ok, die Bösen sind böse - aber wieso kommen sie damit auch noch durch!? Wenn es Gott gibt, - und den gibt's doch - wieso gibt es dann so etwas? (I,4.P.)

  B.: I,c.5 "Wenn der Naturlauf gut geordnet ist / warum nicht auch der Menschen Taten?"

 Ph.: Du bist ja völlig durcheinander und außer dir. Du kannst erst nur ganz leichte Mittel bekommen, und dann, wenn du wieder etwas vernünftig bist, stärkere. (I,5.P.)

  Ph.: I,c.6 "Zarte Pflänzchen muß man sachte gießen..."

Textausschnitt 2

Buch II - Vom Schmerzmittel zu den ersten Argumenten

Ph.: Natürlich bringt dich der plötzliche Absturz aus dem inneren Gleichgewicht (tranquilitas). Du mußt erst wieder lernen, zu sehen, daß äußere Güter nicht entscheidend sind. Schau, das äußere Glück ist unstet. Vergängliches Glück, das nicht in unserer Macht liegt, sollte man nicht zu hoch schätzen (II,1.P.)

Ph.: II,c.1 "Fortuna, die Zynische..."

Ph.: (schlüpft in die Rolle der Fortuna)(2) "Was hab ich dir denn wegenommen, was dir wirklich gehört hat? Ich hab das Recht, mein Rad zu drehen. Mal bist du oben, mal unten, it's a game...

Ph: (als Fortuna) II,c.2 'Ach wie sind die Menschen doch / unersättlich, unverschämt!' "

Ph.: (wieder als sie selbst) Na, was sagst du?

B.: Solange du gesungen hast, hat's geholfen. Jetzt hilft's nicht mehr.

Ph.: Das war ja auch erstmal nur was gegen die Symptome. Geheilt werden kannst du erst später. Übrigens: Vergiß nicht das Gute in deinem Leben. Denk an dein reiches und gebildetes Elternhaus, deine netten Verwandten, deine gute Frau, deine reizenden und so begabten Kinder, deinen Erfolg. Willst du mit Fortuna eine Bilanz aufmachen und ihr dann noch etwas vorwerfen? Du hast zum ersten Mal wirklich Pech! Sterben müssen wir alle, dann sind die irdischen Güter sowieso weg - so what? (II,3.P.)

Ph.: II,c.3 "Alles ist vergänglich"

B.: Glücklich gewesen zu sein, und das zu merken, ist doch gerade das schlimmste Unglück!

Ph.: Es liegt nicht alles in der Vergangenheit. Deine Verwandten leben doch, deine Söhne auch, deine Frau vergeht in Sehsucht nach dir - ich gebe zu, das ist nicht toll, aber sie lebt! Eigentlich fehlt dir überhaupt nichts zum Glück. Jeder hat immer irgendwas zum Sich-Beklagen: wer reich ist, aber nicht adlig, daß er nicht adlig ist. Wer adlig, aber nicht reich, daß er nicht reich ist; wer glücklich verheiratet ist, aber keine Kinder hat, darüber, daß er keine Kinder hat. Wer kriminelle Kinder hat, daß er Kinder hat. Über jede Kleinigkeit wird gejammert. Mensch, viele würden dich beneiden um deine Familie! Unglück ist nur, was man dafür hält. Sein Schicksal ausgeglichen ertragen, ist Glück. Das wahre Glück ist sowieso in dir drinnen. Oder ist dir etwas wertvoller als du selbst? (Boethius schüttelt den Kopf) Gut. Ich glaube, wir können es mal mit einem Argument wagen:

Das wahre Glück (beatitudo) ist das höchste Gut.
Was höchstes Gut ist, kann einem nicht genommen werden.
Also kann, was einem genommen werden kann, auch nichts mit dem wahren Glück zu tun haben.

Logisch? Falls dir die zweite Prämisse etwas schwach vorkommt, mach dir klar:

Wenn einem etwas, was höchstes Gut ist, genommen werden könnte, dann müßte man ständig in Sorge sein, daß es einem genommen wird. In diesem Fall wäre man also durch den Besitz des höchsten Gutes unglücklich (indem man sich Sorgen macht). Das ist absurd. Deshalb gilt: Was höchstes Gut ist, kann einem nicht genommen werden.

Noch eins? Ja? (Boethius nickt)

1. Die Seele überlebt den Tod des Körpers, nicht wahr? (Boethius nickt)
2. Es sind Menschen bereit gewesen, als Märtyrer zu sterben.
Angenommen nun, die irdischen Güter machten allein glücklich.
So würde jede Seele bei ihrer Trennung vom Körper für den Rest ihres Daseins ins Unglück stürzen.
Das kann aber nicht sein, denn dann wäre - was im Widerspruch zu 2. steht - niemals jemand bereit gewesen, als Märtyrer zu sterben. Also ist die Annahme falsch.

Du kannst es dir auch so klarmachen:

Nur das, dessen Abwesenheit unglücklich macht, trägt zum wahren Glück bei.
Die Abweseneit der irdischen Güter macht im Jenseits nicht unglücklich.
Also tragen die irdischen Güter auch nicht zum wahren Glück bei. (II,4.P.)

Ph.: II,c.4 "Wenn du bauen willst, bau nicht auf Sand!"

Ph.: Die Mittel können gesteigert werden. Gehen wir doch mal ein paar irdische Güter durch! Wie ist es z.B. mit Geldbesitz und Reichtum?

- Geld ist nur was wert, wenn man es ausgibt.

- Es gibt sowieso nie genug Geld, um es gerecht zu verteilen. Einem Wohlhabenden stehen immer viele Arme gegenüber.

- Seinen Reichtum Verwalten streßt; wer Geld hat, lebt gefährlich, der mittellose Tramp aber ist noch unter Räubern sicher.

- Man kann sich schöne Dinge damit kaufen? Was schmückst du dich mit Dingen, zu denen du nichts getan hast?

Mensch, du bist durch deine Vernunft Gott ähnlich und läßt dich zu so etwas herab?! Toll, das Geld: sowie du's hast, beginnt der Ärger! (II, 5.P.)

Ph.: II,c.5 "Sei bescheiden wie die Alten / Wenn wir so geblieben wären / Hätt' es niemals Krieg gegeben."

 Ph.: Und wie ist es mit der Macht?

- Macht wird nicht an sich geschätzt. Der Mächtige wird respektiert, wenn er gut damit umgeht.

- Nimm einmal eine andere Perspektive ein: Wenn sich eine Maus zum König der Mäuse aufschwingen würde - würdest du diese Maus für mächtig halten?

- Ein Tyrann hat Macht nur über deinen Körper. Damit hat er nicht mehr Macht als eine Malariamücke.

- Was ein Tyrann wegnehmen kann - auch das Leben - kann ihm selbst genommen werden. Ist das Macht?

- Wenn Macht etwas Gutes wäre, könnten die Bösen nie an die Macht kommen. Denn das wäre eine absurde Mischung von Gegensätzlichem (das Argument geht auch für alle anderen "Güter").

- Durch Besitz des Guten wird der Gute gut. Wenn also ein Böser etwas Gutes zu besitzen scheint, kann es sich dabei nicht um ein wirkliches Gut handeln, sondern nur um ein Pseudo-Gut. (II,6.P.)

  Ph.: II,c.6 "O wie ekelhaft war Nero..."

 B.: Wirf mir nicht meinen Ehrgeiz vor. Ich wollte nur meine gut römische Tatkraft (virtus) kultivieren!

Ph.: Pah! virtus! Rom! Nimm einmal eine andere Perspektive ein: Die Erde ist ein Staubkörnchen im Universum - wie groß ist da Rom?(3) Und dein Ruhm kann so lange dauern, wie er will - wenn er bloß endlich lange dauert, steht er in keinem Verhältnis zur unendlichen zeitlichen Ausdehnung des Universums.

Überhaupt: Was geht einen Philosophen der Ruhm an? Es hat mal einer bewußt Unrecht ertragen, um als Philosoph zu gelten. Dann hat er gesagt: "Siehst du. Ich dulde. Ich bin Philosoph." Und was war die verdiente Antwort?: "Wenn du das wärst, dann hättest du jetzt die Klappe gehalten."

Der Ruhm! Wenn mit dem Tod alles aus ist, ist der Ruhm auch egal. Und wenn nicht, deine Seele verläßt diesen Kerker von Körper und du kommst ins Paradies, dann ist er erst recht egal. (II, 7.P.)

  Ph.: II,c.7 "Irgendwann ist jede Tat vergessen..."

Ph.: Versteh' mich nicht falsch... Weißt du, eigentlich nützt Pech dem Menschen doch mehr als Glück. Wer Pech hat, hat keine Illusionen mehr. Er weiß, wie zerbrechlich das Glück ist. Wer glücklich ist, meint, das geht immer so weiter. Außerdem: Im Unglück lernst du deine wahren Freunde kennen! (II, 8.P.)

Ph.: II,c.7 "Wahre Freundschaft, wahre Liebe..." (II,c.8)

 

Buch III - Grundkurs Neuplatonismus

B.: Ich glaube, ich kann jetzt stärkere Mittel vertragen. (III, 1.P.)

Ph.: Gut. Reden wir über das, was wirklich gut ist. Du magst es auch "höchstes Gut" nennen.

Alle Menschen wollen das wirklich Gute. Aber viele sind verwirrt und halten etwas für das Gute, das nicht wirklich das Gute ist.(4) (III, 1.-8.P.; die Gedichte in diesem Abschnitt sind wenig interessant)

Mit körperlichen Fähigkeiten kann das höchste Gut nichts zu tun haben. Denn da schneiden wir gar nicht so gut ab: Der Elefant ist immer größer, der Stier stärker, der Tiger schneller (III, 8.P.).

Mit körperlicher Schönheit auch nicht: Versuch dir einmal den schönen Alkibiades aus der Perspektive des sagenhaften Lynkeus vorzustellen, der Röntgenaugen hatte! (ebd.)

Auch Geld und Macht sind keine höchsten Güter. Denn Geld und Macht sind nicht in sich vollständig (sufficiens): Wer sie hat, verlangt immer noch mehr, und wer sie hat muß sie verteidigen, weil sie vermindert werden können.

Das höchste Gut dagegen ist vollständig. Weil es ihm an nichts fehlt und es unverminderbar ist, hat es wirklichen Glanz und wirkliche Macht; es ist genau deshalb auch einfach, ehrwürdig und wirklich erfreulich, wie es Platon beschreibt.

Ein solches höchstes Gut existiert. Denn das Unvollkommene kann als Unvollkomenes nur entstehen, wenn es "zersplittertes" (dilabitur) Vollkommenes ist (III, 10.P.). In allem Unvollkommenen (imperfectum) ist auch immr ein klein wenig Vollkommenes (perfectum). Es ist dessen Verkleinerung (imminutio).(5) Ihren Anfang muß die Welt vom Vollkommenen nehmen. Und dafür muß es dieses erst einmal geben.

B.: Stimmt.

Ph.: Wo wohnt (habitet) nun das höchste Gut? Bei Gott. Denn: Daß Gott gut ist, ist sowohl common sense (communis humanorum conceptio), weil ja nichts Besseres als Gott gedacht werden kann (nihil deo melius excogitari), als auch vernünftig.(6) (ebd.). Nun besitzt Gott das höchste Gut, die Glückseligkeit, nicht wie eine Eigenschaft - er ist es.(7) Denn wenn er von ihm verschieden wäre, ergäben sich folgende Probleme:

1.Es fragt sich, wer beides zusamengefügt hat
2. Was vom höchsten Gut verschieden ist, kann nicht selbst das höchste Gut sein. Besser als das höchste Gut geht es nicht. Wäre Gott also etwas anderes als das höchste Gut, so müßte er schlechter sein. Das geht erst recht nicht.

B.: Stimmt. Gott ist die Glückseligkeit (beatitudo).

Ph.: Übrigens ist damit auch klar:
1. Es gibt nur ein höchstes Gut. Denn wenn es zwei verschiedene gäbe, müßte ja immer einem gerade das fehlen, worin es sich von dem anderen unterscheidet. Dann wären beide aber nicht höchstes Gut, weil sie nicht vollständig wären.

2. Jeder, der die Glückseligkeit erreicht, ist selbst in gewisser Weise Gott (omnis beatus deus). Zwar nicht seiner Natur nach, wohl aber durch Teilhabe (participatione) an ihm.

3. Glanz, Macht, Freude, Ehrwürdigkeit fallen im höchsten Gut zusammen und sind damit letztlich ein- und dasselbe. Damit werden sie zu wahrem Glanz, wahrer Macht etc. (III, 11.P.), denn dadurch, daß sie nicht mehr voneinander verschieden sind, werden sie vollständig. Nicht wahr? (Boethius nickt beeindruckt)

Ph.: So ist das höchste Gut ganz und gar eins. Daran sieht man auch, das alles in der Natur nach ihm strebt. Denn jedes Naturding strebt danach, seine Form zu bewahren und somit eins zu sein. (ebd.)

III,c.11 "Schau in dich selbst / erinn're dich / du weißt es schon / - wie Platon sagt."

B.: Recht hat er!

Ph.: Vielleicht haben wir gleich einen ersten Teilerfolg zu verbuchen. Vielleicht weißt du ja jetzt schon wieder, was die Leitgedanken der Welt sind.

B. Meinst Du?

Ph.: Du sagtest ja, Gott lenkt die Welt...

B.: (heraussprudelnd) Ja, und wenn du wissen willst, warum, dann würde ich sagen: Die Welt hat eine einheitliche Form, obwohl sie aus soviel Verschiedenem besteht. Das muß doch einer zusammengefügt haben und zusamenhalten, diesen unendlich komplizierten Lauf der Natur. Was auch immer es sein mag, wodurch alles besteht und sich bewegt: Ich nenne es Gott (III, 12.P.)(8)

 Ph.: Na also. Und zwar lenkt er alles ohne Hilfsmittel (sonst wäre er nicht vollständig), sondern nur durch sich selbst (per se). Alles, was seiner eigenen Natur folgt, wird sich auch von ihm lenken lassen. Übrigens, was hältst du zur Abrundung des Ganzen von diesem Argument?:

1. Es gibt nichts, was Gott nicht könnte.
2. Gott kann nichts Böses tun
">Angenommen nun, das Böse sei etwas.
So müßte, laut 1., Gott auch das Böse tun können; das widerspricht aber 2.
Also ist das Böse eigentlich: Nichts. (Boethius nickt beeindruckt)

B.: Was für ein schönes System! (III, 12.P.)

Ph.: III, c.12 "Laß dich jetzt nicht beirren wie einst Orpheus
der sich dann doch umsah, und so
Eurydicen wieder verlor."

  

Buch IV - Die Guten und die Bösen

B.: (seufzt) Ist ja schön, daß ich mich daran jetzt erinnere, daß Gott alles gut lenkt. Aber das ist es ja gerade, was ich nicht verstehen kann: Wie kann es denn, obwohl Gott alles gut lenkt, das Böse geben. Und wieso sind die Bösen so mächtig, daß sie damit ungestraft durchkommen? Die Bösen kommen gut weg und die Guten leiden!

Ph.: Das wäre wirklich schlimm, wenn es so wäre. Aber weißt du, es ist gar nicht so:

Erstens: Es sind die Guten, die wirklich mächtig sind. Die Bösen haben keine Macht.
Zweitens: Es sind die Bösen, die wirklich gestraft sind - die Guten werden belohnt; Die Bösen sind es in Wahrheit, die immer unglücklich sind, die Guten glücklich. (IV, 1.P.)

B.: Laß hören!

Ph.: Zunächst zum ersten Punkt! Ein paar Argumente? (Boethius nickt)
1. Die Bösen haben keine Macht. Denn wer das nicht erreicht, was er haben will, hat offenbar nicht die Macht, es zu erreichen. Die Bösen wie die Guten wollen das Gute. Nur wissen die Bösen nicht, was das wirklich Gute ist. Und so erreichen sie nicht, was sie wollen. Also haben sie keine Macht.

2. Wer das erreicht, worüber hinaus es nichts mehr zu erreichen gibt, ist der Mächtigste. Das ist aber das höchste Gut, das die Guten erreichen, die Bösen nicht.

3. Es gibt drei Möglichkeiten, warum die Bösen, das Gute nicht tun. Alle drei zeugen von Schwäche:

Textausschnitt 3

 

Übrigens siehst du auch schon, warum die Guten glücklich sind:

Wenn sie wirklich gut sind, heißt das, daß sie am Guten teilhaben.
Höchstes Gut und Glückseligkeit sind, wie gezeigt, identisch.
Also haben sie an der Glückseligkeit teil.
Die Bösen dagegen sind böse, indem ihnen etwas vom Bösen zuteil wird. Na, und das ist doch typisch für eine Strafe, daß dem Bestraften etwas Böses passiert! (IV, 2. / 3.P.)

Sie sind wie Tiere, ja wirklich (redet sich in Fahrt): Die Räuber - wie die Wölfe! Die Heuchler - wie die Hunde! Die Diebe -wie die Füchse! Die Jähzornigen - wie die Löwen! Die Feiglinge - wie das Wild! Die Störrisch-Dummen - wie die Esel! Die Haltlosen - wie die Vögel! Die mit schmutzigen Begierden - wie die Schweine!... (IV,3.P.)

B.: Ok, ok, sie sehen nur noch aus wie Menschen. Innen sind sie Tiere. Aber wieso dürfen sie denn so werden - und sich dann noch an den Guten austoben?! (IV,4.P.)

Ph.: Dürfen sie gar nicht wirklich. Aber dazu später. Sieh's doch erst einmal so: Wenn die Bösen nicht daran gehindert sind, das zu tun, was sie tun, so sind sie unglücklicher, als wenn man sie davon abhält. Etwas Böses nicht nur wollen, sondern auch zustande bringen können und dann tatsächlich zustande bringen, ist doch noch viel schlimmer als es bloß zu wollen.

B.: Ja, ja. Und, weißt du, genau deshalb wäre es mir am liebsten, sie wären etwas weniger unglücklich, indem sie gar nicht erst die Möglichkeit hätten, ihre Verbrechen zu verüben!

Ph.: ... sie sollten am besten früher sterben als später, nicht? Am allerunglücklichsten wäre jemand, der in alle Ewigkeit weiter Verbrechen verüben könnte, oder?

B.: Klingt etwas paradox, ist aber logisch.

Ph.: Übrigens macht man - ganz abgesehen davon, daß Strafe andere abschreckt, was trivial ist - einen Verbrecher glücklicher, wenn man ihn bestraft, als wenn ihn laufen läßt. Denn man tut ihm ja etwas Gutes. Und wenn man jemanden etwas Gutes zufügt, dann wird er insgesamt besser.

B.: Aber damit ist doch nicht alles abgebüßt, oder? Du hebst doch auch ein paar Strafen fürs Jenseits auf, nicht?

Ph.: Klar, aber das spielt hier keine Rolle.(9)

B.: Die Leute sehen das oft anders mit dem Glück und Unglück...

Ph.: Die Leute sind verwirrt. Es kommt überhaupt nicht auf äußere Belohnung und Bestrafung an. Wer böse wird, bestraft sich selbst am schlimmsten. Es ist für einen besser, ein Unrecht zu erleiden, als es zu tun. Ein Richter ist eigentlich wie ein Arzt. Deshalb fühlt ein weiser Richter auch keinen Haß. Es ist doch völlig irrational, die Bösen zu hassen - diese Schwachen, krank an der Seele, Mitleid sollte man mit ihnen haben - und sie kurieren! (IV, 4.P.)

B.: Aber selbst wenn das, was die Leute "Glück" und "Unglück" nennen, nicht das wahre Glück und das wahre Unglück ist - es ist doch etwas an dem dran, was sie sagen: Kein vernünftiger Mensch will lieber verbannt und verachtet sein als reich und beliebt! Und warum werden oft gerade die Guten bestraft, die es nicht verdient haben? Gibt es da überhaupt einen Grund, oder... oder ist das alles bloß absurder Zufall?! Gott lenkt! Wenn das sein Lenken ist, daß er mal den Guten etwas Gutes zukommen läßt und mal den Bösen, und dann wieder mal den Guten etwas Böses und mal den Bösen... was unterscheidet sein Lenken dann überhaupt noch vom blinden Zufall?

Ph.: Daß alles manchmal etwas chaotisch aussieht, heißt noch lange nicht, daß es auch so ist. Es gibt überhaupt keinen Grund, bloß weil es so aussieht, daran zu zweifeln, daß letztlich alles so richtig ist. (IV, 5.P.)

Ph.: IV,c.5 "Sonnenfinsternis - 'Das Chaos!'
Tag und Nacht - 'Alles in Ordnung'
Das Naturgesetz: dasselbe! "

B.: Na dann erklär mal.

Ph.: (lächelnd) Hörmal, das ist kaum zu schaffen. Da kommen dann Sachen ins Spiel wie Vorsehung, Schicksal, der richtige Begriff von "Zufall", Willensfreiheit, göttliches Wissen... Wie die Hydra - hast du ein Problem gelöst, hast du zwei neue. (räuspert sich) Wir haben nicht mehr viel Zeit. - Na gut. Irgendwie ist es Teil deiner Medizin. Aber das wird ein schönes Stück Arbeit!

Also: Schicksal (fatum) und göttliche Vorsehung (providentia) haben etwas zu tun mit einer Unterscheidung von überzeitlicher und zeitlicher Perspektive. Schicksal ist sozusagen in die Zeit zersplitterte Vorsehung, damit aber auch nur ihre Verwirklichung, von ihr abhängig. Oder, anders ausgedrückt: Vorsehung ist wie die Idee des Malers zu einem Bild - das Schicksal entspricht dem zeitraubenden Auftragen der Farben auf die Leinwand.

Jedenfalls wird Gott als großer Seelenarzt (medicator mentium deus) schon wissen, was für seine verschiedenen Patienten gut ist. Vielleicht ist alles nicht so sinnlos, wie es aussieht. Überleg mal:

- Vielleicht wird der Instabile, der leicht zum Bösen abdriften kann, lieber nicht zu sehr auf die Probe gestellt.

- Vielleicht der Vollkommene auch nicht, weil das für andere eine demoralisierende Wirkung hätte.

- Vielleicht müssen manche Guten leiden, damit sie nicht übermütig werden, oder damit sie (etwa, wenn sie unter Folter standhaft bleiben) als gutes Beispiel dienen können.

- Vielleicht wird Geldgier manchmal von legalem Erfolg gekrönt, damit der Gierige nicht zum Verbrecher wird.

- Vielleicht muß mancher zunächst etwas Böses tun, um dann vom schlechten Gewissen wieder auf den rechten Weg geführt zu werden.

- Daß die Bösen sich immer gegenseitig hereinlegen, hat vielleicht einen tieferen Sinn darin, daß manche von ihnen, vom ständigen Streit müde, gute Menschen werden.

Das alles könnten Weisen sein, wie das Böse leztlich ein Instrument zum Guten sein kann

(IV, 6.P.) (Boethius unterdrückt ein Gähnen und bekommt zur Erholung das lange Gedicht IV, c.6 "Alles paßt so wunderbar zusammen" vorgetragen). Kopf hoch! Sieh dich als eine Art Soldat des Guten, der nicht zurückweicht! (IV, 7.P.)

Ph.: IV,c.7 "Avantgarde der Tugend..."

 

Buch V - Zeit und Ewigkeit

Ph.: Außerdem solltest du dir klarmachen, daß... (Boethius schaut etwas ungeduldig) ...ja?

B.: Sag mal, gibt es sowas überhaupt: Zufall?

Ph.: Das führt etwas vom Thema ab. Ich weiß nicht, ob wir dann noch fertig werden. Kannst du noch?

B.: Ja, ja.

Ph.: Na gut. Was soll "Zufall" eigentlich heißen? Was ist ein "zufälliges" Ereignis? Ein Ereignis ohne jede Ursache, ohne jede Kausalverbindung zu dem, was ihm vorhergegangen ist? Dann ist klar: In diesem Sinne zufällige Ereignisse gibt es nicht. Von nichts kommt nichts.

B.: Und in einem andern Sinn?

Ph.: In dem Sinn, in dem Aristoteles in seiner Physikvorlesung (II,4) das Wort gebraucht, gibt es Zufall. Da ist es z.B. Zufall, wenn jemand sein Feld umpflügt und dabei einen Schatz findet. Du kannst eine lange Geschichte erzählen, warum er Pflügen geht; und eine mindestens so lange Geschichte, warum dort der Schatz liegt; daß die beiden Geschichten mit dem Schatzfund zusammentreffen, kann man Zufall nennen. Aber natürlich konnte, die beiden Geschichten vorausgesetzt, der Schatzfund nicht ausbleiben, und damit hat auch er seine Ursache. (V, 1.P.)

B.: Aber... wenn das so ist - gibt es denn dann noch Freiheit? Oder sind auch unsere Gedanken bloß Glieder von alternativlosen Kausalketten?

Ph.: Es muß Freiheit geben.

Wir haben Vernunft, um unterscheiden zu können, was zu erstreben und was zu meiden ist. Daß wir Vernunft haben, muß einen Sinn haben. Sonst wäre sie ja ein überflüssiges Vermögen. Allein unsere Vernunft ermöglicht es uns, zu unterscheiden, was zu erstreben und was zu vermeiden ist. Nur wenn sich diese Fähigkeit praktisch auswirken kann, hat sie einen Sinn. Nur, wenn wir frei sind, kann sich diese Fähigkeit praktisch auswirken. Also müssen wir frei sein. (Übrigens ist man umso freier, desto vernünftiger man ist, d.h. sich nach dem göttlichen Geist richtet, anstatt sich zum Körperlichen herabzulassen oder gar zum Sklaven, zum Gefangenen der eigenen Freiheit zu werden, indem man sich seinen Begierden überläßt)(10). Trotzdem gibt es natürlich Vorsehung!

Ph.: (V, c.2) "Gott sieht alles..."

B.: Sicher. Bloß, nur, aber... Es ist doch ein Widerspruch dazwischen, daß Gott alles vorherweiß und daß es Freiheit gibt! Jetzt argumentiere ich mal, ok?

1. Gott weiß sicher vorher, ob es so kommt oder ob es anders kommt
2. Es gibt Freiheit
Freiheit setzt voraus, daß es so oder auch anders kommen kann
Wenn es so oder auch anders kommen kann, dann kann niemand sicher vorher wissen, ob es so kommt oder ob es anders kommt
Das ist ein Widerspruch zu 1!

Ich weiß, es gibt Leute, die sagen, Freiheit und Vorherwissen seien prima vereinbar, wobei sie argumentieren:
Etwas passiert doch nicht, weil Gott weiß, daß es so kommt und nicht anders.
Sondern es ist gerade umgekehrt:
Gott weiß, daß es so kommt und nicht anders, weil es passiert (aber es hätte trotzdem anders kommen können - dann hätte Gott eben etwas anderes vorausgesehen).

Diese Argumentation stimmt aber vorn und hinten nicht:
Es kommt für das Argument, so wie ich es gerade vorgebracht habe, gar nicht darauf an, was Ursache wovon ist. Hier geht es nicht um Kausalität. Etwas trifft weder ein, weil es von Gott vorhergesehen wird; noch sieht Gott es vorher, weil es eintrifft: Gottes Wissen kann doch unmöglich von zeitlichen Ereignissen abhängig sein.

Nur - die Folgen des zuvor vorgetragenen Argumentes sind katastrophal:
Wenn es Vorsehung gibt, gibt es keine Freiheit.
Wenn es keine Freiheit gibt, kann niemandem mehr etwas vorwerfen; ohne Freiheit ist Strafe sinnlos.
Und außerdem werden Gebete, die einzige Kommunikation zwischen Menschen und Göttern, sinnlos, wenn sowieso schon alles feststeht. (V, 3.P.)

B.: V, c.3 "Wie löst man dieses Rätsel?"

Ph.: Ich weiß, ich weiß. Schon Cicero hat ein Buch über dieses Problem geschrieben.(11) Du hast dich lange damit beschäftigt. Aber es ist noch niemand auf eine gute Lösung gekommen. Es haben nämlich bisher praktisch alle die aktive Rolle des Erkennenden beim Zustandekommen einer Erkenntnis vernachlässigt. Das Erkennende wirkt aber daran mit, in welcher Form es das Erkannte erkennt! (V, 4.P.)

Ph.: V, c.4 "Stoiker meinen, der Geist sei wie eine tabula rasa / doch übersahen sie so - seine Spontaneität!"

Die Vernunft etwa betrachtet das Sinnlich-Wahrnehmbare und Einzelne ganz anders als die Vorstellungskraft es tut. Die Vernunft betrachtet es nämlich im Hinblick auf das Allgemeine, was die im Einzelnen verhaftete Vorstellungskraft gar nicht könnte. Vielleicht verhält sich ja unsere menschliche, in der Zeit verhaftete Perspektive auf Zukünftiges zu der Perspektive Gottes ähnlich wie die begrenzte Perspektive der Vorstellungkraft in uns auf die Dinge zur ganz anderen Perspektive der Vernunft in uns darauf. (V, 5.P.)

Was meinen wir damit, wenn wir sagen, Gott sei ewig? Ewigkeit ist nicht unendlich lange Zeit. Ewigkeit ist der vollständige Besitz eines unbegrenzten komplett zugleich gegebenen Lebens.(12)

Gott ist die ganze Weltgeschichte auf einmal gegenwärtig. Unser Gegenwärtig-Leben in der Zeit ist nur eine schwache Art Nachahmung dieser Art zu existieren. Es ist ganz richtig, daß man "Vorsehung" (providentia) sagt und nicht "Vorhersehen" (praevidentia). Das "Vor-" in Vorsehung ist nicht zeitlich zu verstehen.

Stell dir vor, du siehst zu einem Zeitpunkt zugleich einen Menschen spazierengehen und die Sonne aufgehen. Dir ist klar, obwohl du beides zugleich siehst, daß der Spaziergang hätte ausbleiben können, der Sonnenaufgang aber nicht. So ähnlich - soweit hier Vergleiche etwas taugen! - ist es mit Gottes Perspektive. Er sieht alles (alle Ereignisse aller Zeitpunkte) auf einmal.(13) Aber von dem, was er sieht, sieht er manches als frei und manches als notwendig.

[Nur wie, wirst du sagen, kann er das wissen, was er als frei sieht? Kann man nicht nur das wissen, was in irgendeiner Weise notwendig ist? Ich kann nur sagen: Genau das ist der Punkt!: ]

Es gibt nämlich zwei Arten von Notwendigkeit:(14) Etwas kann bedingt-notwendig sein oder absolut-notwendig. Zu der Zeit, zu der A spazieren geht, ist nichts mehr daran zu ändern, daß er spazieren geht: Sein Spaziergang ist zu diesem Zeitpunkt bedingt-notwendig. [Das reicht dafür aus, daß wir zu diesem Zeitpunkt wissen, daß A spazierengeht. Unsicherheit besteht dagegen nur über A's zukünftiges Verhalten, das zum Zeitpunkt seines Spaziergangs noch nicht einmal bedingt-notwendig ist]. Aber der Spaziergang ist nicht absolut-notwendig, denn er stand eine Stunde vorher noch nicht fest. Der Sonnenaufgang dagegen ist (wenn wir völlig unwahrscheinliche Ereignisse einmal ausklammern) absolut-notwendig. Er stand auch schon eine Stunde vorher fest.

In diesem Sinn kann man sagen: Gott sieht, weil er alles als gegenwärtig sieht, alle Ereignisse in irgendeinem Sinn als notwendig. [Und genau das genügt, um zu sagen, er weiß um sie]. Aber er kann dabei unterscheiden zwischen Ereignisse, die absolut-notwendig sind, und Ereignissen, die nur bedingt-notwendig sind. Die Ereignisse, die er als bedingt-notwendige Ereignisse sieht, können aber ohne weiteres auf der freien Entfaltung von Handelnden beruhen.(15)

Du willst vielleicht den Einwand machen, daß du dich ja umentscheiden und so die Vorsehung widerlegen kannst. Aber wenn du dir Vorsehung in der richtigen Weise als zeitlos denkst, dann wird dir klar: Auch dein Dich-Umentscheiden ist Gott zeitlos-gegenwärtig.

Es gibt also sowohl Vorsehung als auch Freiheit. Damit sind Lohn und Strafe gerechtfertigt. Damit haben Gebete ihren Sinn.(16) Allen soll klar sein: "Ihr lebt vor den Augen eines alles wahrnehmenden Richters."

 

[ (Die Sonne geht auf. Boethius blinzelt. Das Buch ist fertig. Die Dame Philosophie ist verschwunden. In der Tür stehen die Henkersknechte von Theoderich. Wir wissen nicht, in welche Hände das Manuskript gekommen ist. Jedenfalls muß sich jemand darum gekümmert haben. Es wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder abgeschrieben) ]

 

Anmerkungen:

(1) Es ist ganz klar, daß Boethius sich in seiner Lage in gewisser Weise mit Sokrates identifiziert. Auch die eingeschobenen Gedichte können etwas damit zu tun haben, daß Platon von Sokrates berichtet (Phaidon 60e), dieser habe kurz vor seiner Hinrichtung im Gefängnis, zum Erstaunen seiner Freunde, mit dem Schreiben von Gedichten begonnen.

(2) Das Spielen "gegnerischer" Rollen durch den führenden Dialogpartner ist von Boethius hier sehr effektvoll eingesetzt. Erfunden hat es wiederum Platon. Ein beeindruckedes Beispiel dafür ist, wie Sokrates im "Theätet" (166a-167c) den Philosophen Protagoras spielt und dessen (im weiteren Verlauf des Gesprächs verworfene) Lehre verteidigt.

(3) Oft bezeichnet man Boethius - aufgrund seiner etwas anachronistisch wirkenden Äußerungen in Cons.I,4.P. - als "letzten Römer". Die Bezeichnung ist sicher nicht ganz falsch, aber doch mit Vorsicht zu genießen. Denn die Antwort der Philosophie in II,7.P. mag man als Bankrotterklärung Roms und Ausrufung des Mittelalters lesen.

(4) Ein typisch platonischer Gedanke, wie er bereits vielfach in Platons Frühdialogen vorkommt.

(5) Vgl. Aug. Conf. VII 12,18.

(6) Diese Argumentation ist historisch interessant im Vergleich mit dem berühmten Argument von Anselm von Canterbury für die Existenz Gottes (gute Textausgabe: K.Flasch (Hg.): Kann Gottes Nichtsein gedacht werden?)

(7) Vgl. z.B. den Bericht, den Augustinus in den Confessiones über seine Lektüre von Aristoteles' "Kategorien" gibt.

(8) Die Philosophie hat bisher also - so hat es Boethius als Autor angelegt - nur Schritt für Schritt ausgefragt und durch diese (wie es Sokrates genannt hätte) "Hebammenleistung" Boethius als Gesprächspartner nun zu einer Erinnerungsleistung im Sinne der platonischen Lehre von der Wiedererinnerung (Anamnesis) gebracht.

(9) M.a.W.: Boethius erklärt die Hölle für philosophisch irrelevant.

(10) Dieser Gedanke spielt, metaphysisch leicht abgespeckt, in Kants Ethik eine große Rolle, wie man z.B. an seiner Behandlung des Begriffes "Autonomie" im 2. und 3. Abschnitt seiner "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" nachvollziehen kann.

(11) Ein großer Teil des Textes ist unter dem Titel "De fato" überliefert.

(12) Aeternitas est interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio.

(13) Ich muß bei Boethius' Beschreibung immer an einen großen Beobachtungsraum mit vielen Bildschirmen denken, wie er in jedem Science-fiction-Film oder jedem Fersehbeitrag über ein Atomkraftwerk zu sehen ist - nur daß es unendlich viele Bildschirme sind, die jeweils ein komplettes Standbild der Welt zu einem Zeitpunkt zeigen.

(14) Diese Unterscheidung ist vorgebildet im 9. Kapitel von Aristoteles' "De interpretatione". Die Anwendung auf das vorliegende Problem ist Boethius' Leistung. Ausführlicher zu dieser Verbindung: H.Weidemann, Der Unterschied zwischen einfacher und bedingter Notwendigkeit in Boethius' Consolatio Philosophiae, erscheint demnächst in: Philosophiegeschichte und logische Analyse 1.

(15) Es ist wie mit A's Spaziergang. Haben wir ihn einmal gegenwärtig vor uns, so ist er, auf diese Gegenwart bezogen, bedingt-notwendig und damit wißbar - trotzdem war A frei, den Spaziergang zu unterlassen.

(16) Wann?

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N.St. 1/99