Marcus Tullius Cicero (106-43v.Chr.)

Aus: Über die Ziele menschlichen Handelns (De Finibus Bonorum et Malorum)

Ü: Olof Gigon / Laila Straume-Zimmermann

(aus der Ausgabe in der Sammlung Tusculum im Artemis-Verlag, Zürich und München 1988)

Absätze, Hervorhebungen, Zusätze in eckigen Klammern: N.St.

Aus dem 1. Buch

[Cicero fordert den Epikur-Anhänger Torquatus zur Diskussion von Epikurs Lehre heraus:]

[...] Ganz besonders aber will er [Epikur] das behaupten, was nach seinen Worten die Natur selbst festlegt und bestätigt, nämlich Lust und Schmerz. Hierauf führt er alles zurück, was wir erstreben und meiden sollen. [...A]ber in jedem Falle bin ich überzeugt, daß nichts mit der Würde des Menschen weniger vereinbar ist als dies [ut nihil homine videatur indignius]. Die Natur hat, wie mir jedenfalls scheint, uns zu etwas Höherem geboren und gestaltet. Es mag sein, daß ich mich irre; aber ich nehme an, daß jener Torquatus, der als erster diesen Ehrennamen erwarb, weder seinem Gegner jenen Halsschmuck entriß, um dadurch irgendeine körperliche Lust zu genießen, noch hat er in seinein dritten Konsulat der Lust wegen am Veseris gegen die Latiner gekämpft. Als er aber seinen eigenen Sohn mit dem Beil hinrichten ließ, hat er sich zweifellos vieler Freuden beraubt, da er der Majestät des Staates und dem Anspruch seines Kommandos gegen die Natur selbst und seine Vaterliebe den Vorzug gab. Wie steht es mit Titus Torquatus, dem Mitkonsul des Gnacus Octavius, der seinen Sohn dem Decimus Silanus zur Adoption aus der väterlichen Gewalt entlassen hatte? Als die makedonischen Gesandten den Sohn anklagten, er habe als Praetor in der Provinz Bestechungsgelder angenommen, ging er mit der größten Strenge gegen ihn vor und befahl ihm, sich vor ihm zu verantworten. Nach Anhörung beider Parteien lautete sein Urteil: Der Sohn habe sich in seinem Amt offenbar nicht so verhalten, wie es seine Vorfahren getan hätten, und er verbot ihm, ihm je wieder vor die Augen zu treten. Glaubst du etwa, der Vater hätte dabei an seine eigene Lust gedacht? [...]. Dies ist es, was ich bei ihm nicht billige. Im übrigen wünschte ich nur, er wäre wissenschaftlich gebildeter gewesen. [...]

[Torquatus erwidert:]

[...] Um mit Kleinigkeiten zu beginnen: Wer von uns würde sich wohl einem beschwerlichen Training unterziehen, wenn er nicht dadurch einen Gewinn erreichen wollte? Wer hätte umgekehrt das Recht, denjentgen zu tadeln, der eine Lust genießen möchte, auf die keine Unannehmlichkeit folgt, oder denjenigen, der einem Schmerz ausweicht, durch den keine Lust erzeugt wird? Dagegen klagen wir diejenigen an und glauben, daß sie unseren gerechten Zorn verdienen, die sich durch Verlockungen augenblicklicher Lust erweichen und verführen lassen und, von ihrem Begehren geblendet, nicht vorauszusehen vermögen, welchen Schmerzen und Unannehmlichkeiten sie entgegengehen. In einen ähnlichen Fehler verfallen auch diejenigen, die aus Weichlichkeit, also aus Angst vor Anstrengungen und Schmerzen, ihre Pflichten vernachlässigen, und nicht begreifen, daß sie nur durch Erfüllung ihrer Pflicht künftige größere Lust erlangen können. In diesen Fällen ist die Unterscheidung leicht und schnell durchzuführen. Wenn in einem günstigen Augenblick uns die Wahl völlig freisteht und nichts uns daran hindert, das zu tun, was uns am besten gefällt, dann haben wir das Recht, jede Lust zu genießen und jeden Schmerz abzuweisen. Unter gewissen Umständen wird es indessen öfters geschehen, daß wir im Blick auf Verpflichtungen und Notwendigkeiten auf die gegenwärtige Lust verzichten und gegenwärtige Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen müssen. In solchen Fällen wird der Weise folgendermaßen entscheiden: Er wird auf bestimmte Lust verzichten, um andere, größere Lust zu erwerben; er wird auch Schmerzen auf sich nehmen, um andere, schlimmere Schmerzen zu vermeiden.

Wenn ich an dieser Regel festhalte, warum sollte ich dann Bedenken haben, sie auch auf unsere beiden Torquati anzuwenden? Du hast soeben in freundschaftlicher und liebenswürdiger Gesinnung dich recht genau an sie erinnert. Doch durch das Lob meiner Vorfahren hast du mich nicht etwa verführt und in meiner Entgegnung unsicher gemacht. Wie erklärst du denn, ich bitte dich, ihre Taten? Glaubst du wirklich, daß sie den Angriff auf einen bewaffneten Gegner unternommen haben und gegen ihre eigenen Kinder und ihr eigenes Blut so grausam gewesen sind, ohne dabei irgendwie an Nutzen und Gewinn für sich selbst zu denken? So handeln ja nicht einmal die wilden Tiere, daß sie einfach losstürmen und eine derartige Verwirrung anrichten, daß wir den Sinn ihrer Bewegungen und Angriffe gar nicht zu erkennen vermögen. Glaubst du wirklich, diese ausgezeichneten Männer hätten solche Taten ohne jeden Grund vollbracht? Welches dieser Grund war, wird sich bald zeigen. Eines will ich zunächst festhalten: Wenn sie die zweifellos großartigen Taten Oberhaupt aus irgendeinem Grunde vollbracht haben, so war dieser Grund nicht die Tugend an sich selbst. - Der eine hat dem Gegner seine Halskette entrissen. - Er hat sich immerhin geschätzt, um nicht selber getötet zu werden. - Aber er begab sich in große Gefahr. - Gewiß, aber vor den Augen des ganzen Heeres. - Was hat er damit gewonnen? - Ruhm und Freundschaft, den sichersten Schutz eines Lebens ohne Furcht. - Er bestrafte seinen Sohn mit dem Tode. - Wenn er das ohne Grund getan hat, dann möchte ich nicht der Nachkomme eines so rücksichtslosen und hartherzigen Mannes sein. Tat er es aber, um den Respekt vor dem militärischen Kommando um den Preis seines Schmerzes aufrecht zu erhalten und das Heer in einem gefahrvollen Kriege durch Furcht vor Maßregelungen zu disziplinieren, so sorgte er für die Erhaltung des Staates, in der, wie er wußte, sein eigenes Wohl inbegriffen war.

Dieses Prinzip gilt weithin. Alles, worauf ihr in euren Reden so stolz seid, vor allem du in den deinigen, der du dich so sehr für die Geschichte interessierst, indem ihr berühmte Helden aufzählt und deren Taten preist, weil sie nicht im Hinblick auf einen Vorteil vollbracht worden seien, sondern nur um des Glanzes der Tugend willen, all das wird über den Haufen geworfen, wenn wir die Regel festhalten, die ich soeben nannte: daß man nämlich entweder auf bestimmte Genüsse verzichten wird, um größere zu erlangen, oder Schmerzen auf sich nimmt, um schlimmeren zu entgehen. [...]

[Es folgt eine ausführlichere Darstellung von Epikurs Lehre durch Torquatus und eine weit ausführlichere und differenziertere Kritik Ciceros]

[Als weiterer Kontrasttext zu Epikur empfehlen sich die ersten Seiten von Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"]

 

Fragen:

1) Wie argumentiert Cicero gegen Epikur? Ist Epikurs Theorie dadurch gefährdet?

2) Wie verteidigt Torquatus Epikur? Ist seine Verteidigung nur Auslegung oder aber eine Erweiterung von Epikurs Lehre? Ist seine Verteidigung überzeugend?

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