Aus den "Aufzeichnungen über mich selbst" von Marcus Aurelius Antoninus, römischer Kaiser von 161-181 n.Chr.

Ü: Rainer Nickel

(nach: Marc Aurel, Wege zu sich selbst, gr./dt., Artemis und Winkler, Düsseldorf/Zürich 1998)

II,17 Die Dauer des menschlichen Lebens ist nur ein Augenblick, seine Existenz in dauerndem Fluß; die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen ist schwach, das Gebilde seines Körpers ganz der Fäulnis ausgesetzt, seine Seele unbeständig und orientierungslos, sein Schicksal unberechenbar, sein Reden unbestimmt und verworren. Kurz: Alles Körperliche - ein Fluß, alles Seelische - Schall und Rauch, das Leben - Krieg und kurzer Aufenthalt eines Fremden, der Nachruhm - Vergessen. Was kann uns da noch stützen und helfen? Einzig und allein die Philosophie. Ihre Hilfe besteht darin, den göttlichen Geist in unserem Innern vor Schaden und Verletzung zu bewahren, auf daß er Lüsten und Schmerzen überlegen sei, nichts planlos tue, ohne Lug und Trug und unabhängig sei vom Tun oder Lassen eines anderen, außerdem das, was geschieht und zugeteilt wird, hinnehme, als ob es irgendwie von dort komme, woher er selbst gekommen ist, schließlich den Tod mit heiterer Gelassenheit erwarte, als ob er nichts anderes sei als die Trennung der Grundbestandteile, aus denen jedes Lebewesen besteht. Wenn es aber für die Grundbestandteile selbst nicht schlimm ist, daß sich jedes einzelne ununterbrochen in ein anderes verwandelt - warum fürchtet man dann die Verwandlung und Trennung aller Grundbestandteile? Das ist doch natürlich. Nichts aber ist schlecht, was natürlich ist. Dieses 2. Buch habe ich in Carnuntum geschrieben.

III,2 Man muß auch folgendes beachten: Auch die Ereignisse, die die natürlichen Vorgänge begleiten, haben etwas Reizvolles und Anziehendes an sich. Wenn zum Beispiel ein Brot gebacken wird, platzen einige Stellen auf, und diese Risse, die gewissermaßen im Widerspruch zum Zweck des Brotbackens stehen, fallen irgendwie ins Auge und regen auf besondere Weise den Appetit an. Auch die Feigen platzen auf, wenn sie überreif sind. Und bei den vollreifen Oliven erhält die Frucht eine eigentümliche Schönheit, wenn die Fäulnis unmittelbar bevorsteht. Die sich nach unten neigenden Ähren, die runzlige Stirn des Löwen, der Schaum, der aus dem Maul des Ebers fließt, und vieles andere, das für sich allein betrachtet alles andere als schön ist, trägt dennoch zur Schönheit bei und hat seinen eigenen Reiz, weil es die natürlichen Erscheinungen begleitet; wenn also jemand ein Gefühl und ein tieferes Verständnis für das Geschehen im Weltganzen hat, dann wird ihm deutlich werden, daß fast alles auch durch derartige Begleitumstände eine auf seine Weise angenehme und erfreuliche Wirkung hat. Ein solcher Mensch wird sogar die wirklichen Mäuler wilder Tiere ebenso gern anschauen wie ihre von Malern und Bildhauern gefertigten Abbildungen. Er wird auch in der Lage sein, die Reife und Blüte einer alten Frau und eines alten Mannes und die Anmut von Kindern mit seinen unverbildeten Augen zu sehen. Vieles dieser Art wird nicht jedem zugänglich sein, sondern allein demjenigen, der mit der Natur und ihrem Wirken vollkommen eins ist.

IV,3 Die Menschen suchen sich Orte, an die sie sich zurückziehen können, auf dem Lande, an der See und im Gebirge. Und auch du hast es dir zur Gewohnheit gemacht, dich danach mit ganzem Herzen zu sehnen. Doch das ist wirklich in jeder Hinsicht albern, da es dir doch möglich ist, dich in dich selbst zurückzuziehen, wann immer du es willst. Denn es gibt keinen ruhigeren und sorgenfreieren Ort, an den sich ein Mensch zurückziehen kann, als die eigene Seele, besonders wenn er etwas in sich hat, in das er eintauchen kann, um sich auf diese Weise sofort in vollkommener Ausgeglichenheit zu befinden. Unter"Ausgeglichenheit" verstehe ich nichts anderes als "innere Ordnung".

IV, 14 Du kamst auf die Welt als ein Teil. Du wirst wieder in dem verschwinden, dem du dein Dasein verdankst, oder besser: du wirst verwandelt in seine zeugende Vernunft aufgenommen werden.

IV, 15 Viele Weihrauchkörnchen liegen auf demselben Altar. Das eine fiel früher, das andere später dorthin. Das macht doch keinen Unterschied.

IV, 24 Beschäftige dich nur mit wenigem, wenn du heiter sein willst, sagt der Philosoph. Ist es nicht besser, daß man sich nur mit dem Notwendigen beschäftigt und mit allem, was die Vernunft eines seiner Natur nach auf die Gemeinschaft ausgerichteten Wesens bestimmt? Denn das erzeugt die Heiterkeit des Herzens, die nicht nur vom richtigen Handeln, sondern auch von einer Beschäftigung mit wenigem abhängt. Wenn wir nämlich das meiste von dem, was wir sagen und tun, unterlassen, weil es sowieso nicht notwendig ist, wird mehr Zeit und innere Ruhe sein. Deshalb muß man sich in jeder Lage die Frage ins Bewußtsein rufen: Ist dies wirklich notwendig? Man muß aber nicht nur die nicht notwendigen Handlungen unterlassen, sondern auch entsprechende Vorstellungen und Gedanken unterdrücken. Denn auf diese Weise folgen darauf auch keine ablenkenden Taten.

IV,40 Sich den Kosmos ununterbrochen als ein Lebewesen denken, das nur ein Sein und eine Seele besitzt, und wie alles in das eine Bewußtsein des Kosmos aufgenommen wird und wie er alles durch einen einzigen Anstoß in Bewegung setzt und wie alles die mitbestimmende Ursache ist von allem, was geschieht, und wie das Verwobensein und die Verflochtenheit aussieht - (das bedenke bei dir).

IV,48 [...] Wieviele Städte aber sind, um es einmal so auszudrücken, ganz und gar gestorben: Helike, Pompeji, Herculanum und zahllose andere. Führe dir aber auch einen nach dem anderen deiner eigenen Bekannten vor Augen. Der eine hat den anderen beerdigt und war dann selbst an der Reihe, und so weiter. Das geschah alles in kurzer Zeit. Kurz und gut: Stets das Menschliche betrachten als eine Erscheinung, die nur einen Tag dauert und belanglos ist, gestern noch ein Tropfen Schleim, morgen Mumie oder Asche.

Diese winzige Zeitspanne also in Übereinstimmung mit der Natur durchlaufen und dann heiter ausspannen, wie eine Olive, die reif vom Baum fiele, die Erde priese, die sie hervorbrachte, und dem Baum dankte, der sie wachsen ließ.

IV, 49 Gleich sein der Klippe, an der sich pausenlos die Wellen brechen. Sie aber steht fest, und um sie herum beruhigt sich die Brandung. [...] Denk in Zukunft bei allem, was dir Leid bereitet, daran, diesen Grundsatz zur Geltung zu bringen: "Dies ist nicht nur kein Unglück, sondern es mit Anstand zu ertragen, ist ein Glück."

V,1 Wenn du am Morgen widerwillig aufwachst, dann halte dir vor Augen: Ich wache auf, um die Arbeit eines Menschen zu tun. Da soll ich noch schlechte Laune haben, wenn ich im Begriff bin, das zu tun, wozu ich da bin und weshalb ich auf die Welt gebracht wurde? Oder bin ich dazu bestimmt, daß ich im Bett liegen bleibe und mich wärme? "Aber das ist doch angenehmer." - Bist du zum Genießen da? Und Oberhaupt: Bist du zum Empfinden oder zum Tätigsein geschaffen? Siehst du nicht die Pflanzen, die Vögel, die Ameisen, die Spinnen, die Bienen die ihnen gemäße Tätigkeit verrichten und zu ihrem Teil einen Kosmos gestalten? Dann willst du nicht dein Menschenwerk verrichten? Da beeilst du dich nicht, das zu tun. was deiner Natur entspricht? - "Aber man muß sich doch auch ausruhen. " -ja. Das meine ich auch. Doch hat die Natur auch dafür Grenzen gesetzt, wie für Essen und Trinken, und dennoch - überschreitest du nicht die Grenzen, gehst du nicht über das Ausreichende hinaus? Nur nicht in deinen Taten da bleibst du lieber im Bereich des Möglichen. Denn du liebst dich selbst nicht. Sonst würdest du auch deine Natur und ihren Willen lieben. Andere lieben ihre Künste und sind ganz versessen darauf, entsprechende Leistungen zu vollbringen, waschen sich nicht mehr und essen nicht mehr. Du aber achtest deine Natur weniger als der Metallhandwerker die Metallbearbeitung, der Tärizer die Tanzkunst, der Geldgierige das Geld, der Ruhmsüchtige den lächerlichen Ruhm? Und wenn diese Leute von ihrer Leidenschaft gepackt sind, verzichten sie lieber auf Essen und Schlafen als auf die Vollendung dessen, woftir sie sich begeistern. Dir aber scheinen die Taten für die Gemeinschaft weniger wertvoll zu sein und weniger Einsatz zu verchenen?

V,2 Wie leicht ist es, jede Vorstellung fortzustoßen und abzuwischen, wenn sie stört oder unangebracht ist, und sofort in völliger Seelenruhe zu sein.

V,9 [...K]ehre nicht so zur Philosophie zurück, als ob du zu einem Schulmeister gingest, sondern tu es so, wie die Augenkranken zum Schwämmchen und zum Eiweiß greifen oder ein anderer zum Pflaster oder zum Umschlag. So wirst du nämlich nicht laut verkünden, daß du der Vernunft gehorchst, sondern du wirst dich bei ihr erholen. Denk aber daran, daß die Philosophie nur das will, was deine Natur will; du aber wolltest etwas anderes, das nicht der Natur entspricht.

V,13 Ich bestehe aus einer verursachenden Form und aus Materie. Weder Form noch Materie werden in das Nichts vergehen, wie sieja auch nicht aus dem Nichts entstanden sind. Also wird jeder Teil von mir im Sinne einer Verwandlung in einen Teil des Kosmos übergehen, und dieser wird sich wieder in einen anderen Teil des Kosmos verwandeln und so weiter bis ins Unendliche. Durch eine derartige Verwandlung bin auch ich entstanden, und ebenso meine Eltern und alle davor in unendlicher Vergangenheit. [...]

V, 33 Nur noch nicht ganz Asche oder Skelett und bald nur noch Name oder nicht einmal Name. Der Name aber ist Geräusch und Widerhall. Was im Leben hoch geschätzt wird, ist leer, faul und bedeutungslos, gleicht jungen Hunden, die sich gegenseitig beißen, und zankenden Kindern, die lachen und gleich darauf weinen. Aber Treue, Achtung, Recht und Wahrheit erhoben sich "zum Olymp von der Erde mit ihren weiten und breiten Wegen". Was hält uns also hier noch fest, wenn die wahrnehmbaren Dinge dem schnellen Wandel unterworfen sind und keinen Bestand haben, unsere Wahrnehmungsorgane stumpf und leicht zu täuschen sind, das erbärmliche Seelchen selbst nur ein Dampf aus dem Blut ist und der Ruhm bei solchen Geschöpfen sich als völlig wertlos erweist? Wie soll es weitergehen? Du wartest mit heiterer Resignation auf das Verlöschen oder den Übergang. Bis die Zeit dafür kommt was kann da helfen? Was sonst, als die Götter zu ehren und zu preisen, den Menschen Gutes zu tun und sie zu ertragen und sich von ihnen fernzuhalten. [...]

VI, 13 Wie man sich bei Leckerbissen und anderen Speisen dieser Art vorstellen kann, daß es sich hier um den Kadaver eines Fisches handelt, um die Leiche eines Vogels oder Schweines, und weiter, daß der Falerner nur der Saft einer Traube und das Purpurgewand nur die Wolle eines Schafes ist, die mit dem Blut einer Schnecke getränkt wurde und daß bei der geschlechtlichen Vereinigung nur ein Reiben des Gliedes und eine Absonderung von Schleim verbunden mit gewissen Zuckungen stattfindet - wie man diese Vorstellungen gewinnt, die den Kern der Sache treffen und ihren eigentlichen Gehalt bewußt machen, so daß man sehen kann, um was es sich in Wirklichkeit handelt, so muß man es das ganze Leben lang tun, und wo einem die Dinge allzu seriös vorkommen, muß man sie entblößen, ihre Wertlosigkeit erkennen und ihr hohes Ansehen zerstören, auf dem ihre Wertschätzung beruht. Denn der Hochmut ist ein gewaltiger Betrüger, und besonders wenn du glaubst, daß du mit ernsthaften Dingen zu tun hast, gerade dann wirst du betrogen. [...]

VI,15 Ständig beeilt sich das eine zu entstehen, das andere beeilt sich, seine Vollendung zu erreichen. Aber auch von dem, was gerade entsteht, ist immer schon etwas verloschen. Strömungen und Veränderungen erneuern den Kosmos ununterbrochen, wie der nie versiegende Strom der Zeit die grenzenlose Ewigkeit ständig erneuert. Was könnte man von den Dingen, die in diesem Fluß vorübertreiben, hoch schätzen, da man doch darauf nicht sicher stehen kann? Als ob jemand beginnen wollte, einen der vorüberfliegenden Sperlinge zu lieben, der im selben Augenblick den Augen schon wieder entschwunden ist. So ist nun auch das Leben eines jeden mit dem aus Blut aufsteigenden Dampf und mit dem Einatmen von Luft zu vergleichen. Denn wie sich das einmalige Ein- und Ausatmen von Luft abspielt, das wir in jedem Augenblick vollziehen, So wird auch deine Fähigkeit zu atmen insgesamt, die du gestern und vorgestern bei deiner Geburt erworben hast, dorthin, wo du sie ursprütiglich hergeholt hast, zurückgegeben.

VI, 22 Ich tue meine Pflicht [das mir Zukommende, N.St.]; alles andere bringt mich nicht davon ab. Denn es ist entweder seelenlos oder ohne Vernunft oder geht in die Irre und kennt seinen Weg nicht.

VI, 44 Die staatliche Gemeinschaft und das Vaterland ist für mich als Antoninus Rom, für mich als Menschen der Kosmos. Was diesen Gemeinschaften nützlich ist, das allein ist für mich gut.

VI, 49 Du ärgest dich doch wohl nicht, daß du so und soviel Pfund wiegst und nicht dreihundert? So darfst du dich also auch nicht darüber ärgern, daß du nur so und soviele Jahre zu leben hast und nicht mehr. Denn wie du mit dem dir bestimmten Umfang deines (leiblichen) Seins zufrieden bist, so sei es auch mit dem Umfang an Zeit.

VI, 54 Was dem Schwarm nicht nützt, nützt auch der Biene nicht.

VII,9 Alles ist miteinander verflochten, und die Verbindung ist etwas Heiliges, und das eine ist dem anderen kaum fremd. Denn es ist zusammengefügt und bildet gemeinsam denselben Kosmos. Es gibt nämlich nur einen Kosmos, der aus allem, was existiert, besteht, nur einen Gott, der in allem ist, nur eine allen denkenden Wesen gemeinsame Vernunft, nur eine Wahrheit unter der Voraussetzung, daß es auch nur eine Vollkommenheit der Wesen gibt, die alle diese Herkunft haben und an derselben Vernunft teilhaben.

VIII, 28 Der Schmerz ist entweder für den Körper ein Übel dann soll er es zeigen - oder für die Seele. Doch sie hat die Möglichkeit, sich die ihr eigentümliche Heiterkeit und Ruhe zu bewahren und nicht anzunehmen, daß er ein Übel ist. Jedes Urteil, jeder Wunsch, jedes Verlangen und jede Ablehnung entsteht in uns, und nichts kommt von außen herein.

VIII 43 Der eine hat an diesem, der andere an jenem seine Freude. Ich aber freue mich, wenn das leitende Prinzip in meiner Seele gesund bleibt und sich weder von einem Menschen noch von einem Ereignis, das Menschen widerfahren kann, abwendet, sondern alles mit freundlichen Augen sieht und annimmt und jedes einzelne so gebraucht, wie es ihm entspricht.

VIII, 50 Eine bittere Gurke. Wirf sie weg. Dornen auf dem Weg. Weiche ihnen aus. Genügt das? Füge nicht hinzu: "Wieso gibt es auch so etwas in der Welt?" Denn du wirst von einem Kenner der Natur ausgelacht werden, wie du auch von einem Zimmermann und von einem Schuhmacher ausgelacht würdest, wenn du daran Anstoß nehmen würdest, daß du in der Werkstatt Späne und Abfälle von den hergestellten Gegenständen siehst. Allerdings wissen jene Leute, wo sie ihren Abfall hinwerfen können. Aber die Natur des Weltganzen hat nichts außerhalb ihrer Grenzen, doch das Wunderbare an ihrer Kunst besteht darin, daß sie innerhalb ihrer selbstgesetzten Grenzen alles, was in ihr zu verderben, zu altern und unbrauchbar zu sein scheint, in sich selbst zurückverwandelt und wieder anderes Neues daraus herstellt, damit sie weder Materie von außen heranziehen muß, noch einen Platz braucht, wohin sie das Verrottete werfen würde. Ihr genügt also ihr eigener Raum, ihr Stoff und ihre eigene Kunst.

VIII, 52 Wer nicht weiß, was der Kosmos [Ordnung, N.St.] ist, weiß nicht, wo er ist. Wer nicht weiß, wozu er geschaffen worden ist, weiß nicht, wer er ist und auch nicht, was der Kosmos ist. Wer aber eins davon nicht erfaßt, könnte auch nicht sagen, wozu er da ist. Wie also kommt dir derjenige vor, der auf den Beifall oder das Mißfallen von Theaterbesuchern achtet, die weder erkennen, wo sie sind, noch wer sie sind?

VIII 57 Die Sonne scheint von oben herabgegossen zu sein und ist überall verbreitet, aber sie ist nicht vergossen. Denn dies Herabgießen ist eine Ausdehnung. Daher werden ihre Strahlen nach dem Wort "sich ausdehnen" als "die sich Ausdehnenden" bezeichnet. Was aber ein sich ausdehnender Sonnenstrahl ist, kannst du sehen, wenn du einmal zuschaust, wie das Sonnenlicht durch eine enge Öffnung in einen dunklen Raum fällt. Es dringt nämlich in gerader Richtung ein und stößt sozusagen gegen die feste Fläche, die sich ihm entgegenstellt, und trennt die Luft auf der anderen Seite ab. Dort aber blieb das Licht stehen, glitt nicht ab und fiel nicht nach unten. So muß auch das Ausgießen und Verbreiten des Geistes erfolgen, das niemals als ein Vergießen, sondern als eine Ausdehnung zu verstehen ist; und er darf auch gegen die entgegentretenden Hindernisse nicht gewaltsam oder heftig anstoßen und auch nicht nach unten fallen, sondern muß stehen bleiben und das, was ihn aufnimmt, erleuchten. Denn was ihn nicht weiterleitet, wird sich selbst des Lichtstrahles berauben.

IX 3 Verachte nicht den Tod, sondern habe deine Freude an ihm, da auch er etwas von dem ist, was die Natur will. Denn wie das Jungsein, das Älterwerden, das Wachsen und Blühen, das Zähnebekommen, das Wachsen des Bartes, das Grauwerden, das Zeugen, Schwangersein, Gebären und die übrigen natürlichen Vorgänge geschehen, die die Jahreszeiten deines Lebens mit sich bringen, so geschieht eben auch die Auflösung. Also entspricht es dem Wesen eines vernunftbestimmten Menschen, daß er weder ganz versessen auf den Tod ist, noch ungestüm nach ihm verlangt, noch hochmütig mit ihm umgeht, sondern ihn erwartet als einen natürlichen Vorgang. Und wie du jetzt darauf wartest, wann endlich das Kind aus dem Leib deiner Frau herauskommt, so mußt du auch auf die Stunde warten, in der deine Seele aus dieser Hülle hinausfallen wird. Wenn du aber eine gewöhnliche, herzergreifende Regel wünscht: Am ehesten wirst du dich mit dem Tod befreunden, wenn du die Dinge betrachtest, von denen du dich trennen mußt, und dir die Charaktere vor Augen fuhrst, mit denen deine Seele nicht mehr in Berührung kommen wird. Denn du darfst dich keinesfalls an ihnen stoßen, sondern mußt dich um sie kümmern und sie mit Nachsicht ertragen, aber auch daran denken, daß du dich von Menschen trennen wirst, die nicht dieselben Überzeugungen haben wie du. Denn nur dies allein, wenn überhaupt etwas, würde dich zurückhalten und im Leben festhalten, wenn es möglich wäre, mit Menschen zusammenzuleben, die dieselben Überzeugungen hätten. Jetzt aber siehst du, wie sehr du dich im Mißklang des Zusammenlebens zermürbst. Deshalb sage dir: "Komm schneller, Tod, damit ich mich nicht auch noch selbst veresse. "

IX, 40 [...V]ielleicht wirst du sagen: "Das haben die Götter mir überlassen." Wäre es dann nicht besser, alles, was in deiner Macht steht, in freier Selbstbestimmung zu gebrauchen, als dich in Abhängigkeit und Selbsterniedrigung für das zu verzehren, was nicht in deiner Macht steht? Wer aber hat dir gesagt, daß die Götter nicht auch bei dem helfen, was in unserer Macht steht? Fang also an, darum zu bitten, und du wirst schon sehen. Dieser Mensch betet: "Könnte ich doch mit ihr schlafen." Du: "Ach hätte ich doch nicht das Verlangen, mit ihr zu schlafen." Ein dritter: "Würde ich doch von ihm befreit." Du: "Ach hätte ich doch nicht den Wunsch, von ihm befreit zu werden." Ein anderer: "Laß mich nur nicht das Kind verlieren." Du: "Nimm mir die Angst, das Kind verlieren zu müssen." Formuliere deine Gebete ganz einfach so und achte darauf, was geschieht.

X, 28 Stell dir vor, daß jeder, der sich über etwas ärgert oder unzufrieden ist, dem Ferkel gleicht, das geopfert wird, mit den Beinen strampelt und quiekt. So geht es auch dem Menschen, der allein auf seinem Bett im Stillen unser Gebundensein beklagt. Und daß es allein dem vernunftbegabten Lebewesen vergönnt ist, dem Geschehenden freiwillig zu folgen, es für alle Wesen aber unausweichlich ist, einfach nur zu folgen.

X, 34 Wer von den richtigen Grundüberzeugungen gebissen worden ist, dem genügt auch das kürzeste, beiläufig ausgelesene Wort zur Erinnerung an die Freiheit von Schmerz und Furcht, wie z. B.: "Blätter, die der Wind auf der Erde verstreut, so ist das Menschengeschlecht."

Blättchen aber sind auch deine Kinder, Blättchen sind auch diejenigen, die dir voller Überzeugung ihre Zustimmung zeigen und dich loben oder umgekehrt: dich verwünschen oder ohne Worte tadeln und spotten. Blättchen sind ebenso diejenigen, die unseren Nachruhm weitertragen werden. Denn alle diese Blättchen "entstehen in der Frühlingszeit". Dann hat sie der Wind abgeschüttelt. Dann läßt der Wald andere an ihrer Stelle wachsen. Die Kurzlebigkeit ist allen gemeinsam. Doch du fliehst und verfolgst alles so, als ob es ewig existieren würde. Nur noch kurze Zeit, und du wirst die Augen schließen. Aber um den Menschen, der dich hinausgetragen hat, wird bald ein anderer trauern.

X, 38 Denk daran, daß es jene in uns verborgene Macht ist, die uns wie Marionetten bewegt. Jene Macht ist unser Sprechen, unser Leben und - wenn man so will - der Mensch. Niemals führe dir dabei zugleich das dich umgebende Gefäß und diese ringsum angebrachten Organe und Glieder vor Augen. Denn sie sind kleinen Gerätschaften vergleichbar und nur insofern andersartig, als sie angewachsen sind. Denn keines dieser Teilchen ist ohne die sie bewegende und anhaltende Ursache mehr wert als das Weberschiffchen für die Weber, das Rohr für den Schreiber und die Peitsche für den Kutscher.

XI, 1 Was der vernunftbegabten Seele eigentümlich ist: Sie sieht sich selbst, sie artikuliert sich selbst, sie gestaltet sich selbst nach ihren eigenen Wünschen, sie pflückt die Frucht, die sie trägt, selbst (denn die Früchte der Pflanzen und das Entsprechende bei den Tieren ernten andere), sie erreicht ihr spezifisches Ziel, wo auch immer die Grenze des Lebens gezogen wird. Es ist bei ihr nicht wie beim Tanz, beim Schauspiel oder entsprechenden Vorführungen, daß die Handlung unvollendet bleibt, wenn etwas dazwischen kommt. Sie erfüllt vielmehr in jedem Abschnitt ihrer Existenz und überall, wo man sie packt, vollständig und ohne Mangel alles, was ihr aufgegeben wurde, so daß sie sagen kann: "Ich habe meine Aufgabe erfüllt." Darüber hinaus umkreist sie den ganzen Kosmos, den leeren Raum um ihn herum und seinen äußeren Rand, dehnt sich aus in die Unendlichkeit der Ewigkeit, umfaßt und reflektiert die periodische Wiederentstehung des Weltganzen und sieht, daß diejenigen, die nach uns kommen, nichts Neues erblicken werden, und diejenigen, die vor uns waren, nichts Außerordentliches erblickt haben, sondern daß der Vierzigjährige, wenn er nur ein bißchen Verstand hat, gewissermaßen schon alles, was gewesen ist und was sein wird, aufgrund seiner Gleichartigkeit, gesehen hat.

Eine besondere Eigenschaft der vernunftbegabten Seele ist aber auch die Liebe zu den Mitmenschen, was gleichbedeutend ist mit Wahrhaftigkeit und Achtung, und nichts höher zu schätzen als sich selbst,was ja auch eine Eigentümlichkeit des Gesetzes ist. So gibt es also keinen Unterschied zwischen der richtigen Vernunft und der Vernunft der Gerechtigkeit.

XI, 3 Was für ein Gebilde ist die Seele, die bereit ist, sich vom Körper loszulösen und entweder zu verlöschen oder sich zu zerstreuen oder weiter zu existieren, wenn es sein muß. Doch ist es notwendig, daß diese Bereitschaft aus einer eigenen Entscheidung hervorgeht und nicht aus reinem Widerspruchsgeist erfolgt, wie es bei den Christen der Fall ist, sondern wohlüberlegt, würdevoll und nicht theatralisch, so daß man auch einem anderen gegenüber überzeugend wirkt.

XI, 8 Ein Zweig, der von dem Zweig, an dem er wuchs, abgeschnitten wurde, ist unwiderruflich auch von dem gan, zcm Baum abgetrennt. So ist also auch ein Mensch, der sich von einem einzigen Menschen getrennt hat, aus der ganzen Gemeinschaft herausgefallen. Einen Zweig schneidet ein anderer ab. Ein Mensch aber trennt sich selbst von seinem Mitmenschen, weil er ihn haßt und sich von ihm abwendet. Er weiß aber nicht, daß er sich zugleich auch von der Gemeinschaft als ganzer abgeschnitten hat. Abgesehen davon ist jene Gemeinschaft ein Geschenk des Zeus. der sie zusammengeftigt hat. Es ist uns nämlich möglich, wieder zusammenzuwachsen mit dem Nachbarn und wieder dazu beizutragen, daß das Ganze ergänzt wird. Wenn freilich eine Abtrennung dieser Art häufiger erfolgt, dann fährt dies dazu, daß der Teil, der sich absondert, nur unter Schwierigkeiten wieder mit dem übrigen zu vereinigen und kaum mehr zu integrieren ist. Überhaupt ist der Zweig, der von Anfang an mit den übrigen zusammengewachsen und in einer Lebensgemeinschaft mit ihnen geblieben ist, dem nicht mehr gleich, der nach der Abtrennung wieder eingepfropft wird, mögen die Gärtner sagen, was sie wollen.

Gemeinsam wachsen, aber nicht dieselben Grundüberzeugungen haben.

XI 38 "Der Kampf geht nicht um einen beliebigen Gegenstand", sagte er [Epiktet, N.St.], "sondem darum, ob wir wahnsinnig sind oder nicht."

XII 3 Drei Dinge sind es, aus denen du bestehst: Körper, Lebensatem und Geist. Die ersten beiden sind insofern dein Besitz, als du dich um sie kümmern mußt. Aber nur der dritte ist im eigentlichen Sinne dein Eigentum. Wenn du daher von dir selbst, d. h. von deinem Geist, alles fernhältst, was andere tun oder sagen oder was du selbst getan oder gesagt hast und was dich als Zukünftiges beunruhigt und was dir von dem Körper, der dich umgibt, oder von dem mit ihm verbundenen Lebensatem ohne deine Zustimmung anhaftet und was der von draußen dich umbrandende Wirbel heranspült, so daß deine geistige Kraft dem Verhängnis des Schicksals entrückt, rein und losgelöst nur für sich allein lebt, indem sie das Richtige tut und alles will, was geschieht, und die Wahrheit spricht - wenn du von diesem seelischen Leitvermögen, sage ich, alles trennst, was ihm aufgrund von Leidenschaft anhängt, und alles von deiner Zeit fernhältst, was in der Zukunft liegt oder in der Vergangenheit war, und wenn du dich selbst in eine Form bringst, wie der empedokleische "Sphairos, der kugelförmige, über die ringsum herrschende Einsamkeit von frohem Stolz erfüllt", und wenn du nur darauf aus bist zu leben, wo du jetzt lebst, d. h. in der Gegenwart, dann wirst du die Zeit, die dir bis zum Tode noch bleibt, in Ruhe, Heiterkeit und versöhnt mit der dir innewohnenden göttlichen Kraft verbringen.

XII, 26 Wenn du an etwas Anstoß nimmst, hast du erstens vergessen, daß alles im Sinne der Natur des Weltganzen geschieht, und zweitens, daß das Fehlverhalten nicht deine Sache ist, und außerdem noch drittens, daß alles, was geschieht, schon immer so geschah und geschehen wird und im Augenblick überall geschieht, und viertens, wie eng die Verwandtschaft des einzelnen Menschen mit der gesamten Menschheit ist - denn sie ist keine Gemeinschaft des Blutes oder des Samens, sondern des Geistes.

Du hast aber auch vergessen, daß der Geist jedes einzelnen ein göttliches Wesen ist und ihm von dort zugeflossen ist, daß niemandem etwas wirklich gehört, sondern daß das Kind, der Leib und selbst die Seele von dort hergekommen sind, daß alles nur passives Aufnehmen ist und daß jeder nur in der Gegenwart lebt und nur diese verliert.

XII, 3I Was willst du noch? Weiterleben? Oder vielmehr wahrnehmen? Bedürfnisse haben? Wachsen? Wieder aufhören, deine Stimme gebrauchen? Denken? Was scheint dir davon begehrenswert zu sein? Wenn aber alles bedeutungslos ist, dann entschließ dich endlich dazu, der Vernunft und Gott zu folgen. Aber dagegen steht, daß man dies alles hier schätzt und darüber betrübt ist, wenn man es durch seinen Tod verlieren wird.

XII, 36 Mensch, du hast dich in dieser großen Stadt politisch betätigt. Was macht es dir schon aus, ob es fünf oder drei Jahre waren? Denn jedes Jahr, das man in Übereinstimmung mit den Gesetzen verbringt, ist jedem anderen gleich. Was ist nun schlimm daran, wenn dich kein Tyrann oder ungerechter Richter aus der Stadt weist, sondern die Natur, die dich ja auch hineingeftihrt hat? Als ob der Beamte einen Schauspieler, den er ursprünglich eingestellt hatte, aus dem Theater entließe. "Aber ich habe noch keine fünf Akte gespielt, sondern erst drei." Du hast recht. Doch im Leben sind die drei Akte schon das ganze Drama. Denn das Ende bestimmt jener, der damals für die Verbindung (deiner Bestandteile) und jetzt für die Auflösung verantwortlich ist. Du aber bist für beides nicht verantwortlich. Geh jetzt mit heiterem Herzen. Denn auch er, der dich entläßt, ist heiter und freundlich.

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