Aristoteles (384-323v.Chr.)

 

Aus der Nikomachischen Ethik

 

Aus dem zweiten Buch:

(2. Kap.) Der Teil der Philosophie, mit dem wir es hier zu tun haben, ist nicht wie die anderen rein theoretisch - wir philosophieren nämlich nicht um zu erfahren, was ethische Werthaftigkeit (areté) sei, sondern um wertvolle (agathoi) Menschen zu werden. Sonst wäre dieses Philosophieren ja nutzlos. Daher müssen wir unser Augenmerk auf das Gebiet des Handelns richten, auf die Frage, wie wir die einzelnen Handlungen gestalten sollen, denn diese beeinflussen [...] in entscheidender Weise das Wie der sich herausbildenden ethischen Grundhaltungen.

[...] Als erste Erkenntnis nun ist festzuhalten die, daß alles was irgendwie einen Wert darstellt, seiner Natur nach durch ein Zuviel oder ein Zuwenig zerstört werden kann. Wir sehen es - um weniger Augenfälliges durch greifbare Tatsachen zu klären - an der Kraft und der Gesundheit: die Körperstärke wird durch ein Zuviel an Sport genau so geschädigt wie durch ein Zuwenig. Übermaß in Speise und Trank richtet die Gesundheit ebenso zugrunde wie Unterernährung, während ein richtiges Maß sie erzeugt, steigert und erhält. Dasselbe ist nun der Fall bei der Besonnenheit, der Tapferkeit und den übrigen Wesensvorzügen. Wer vor allem davonläuft und sich fürchtet und nirgends ausharrt, wird ein Feigling. Wer überhaupt vor nichts Angst hat und auf alles losgeht, der wird ein sinnloser Draufgänger. Wer sich in jeden Genuß stürzt und sich nichts versagt, wird haltlos [...]

Als Anzeichen, ob man bereits eine feste Grundhaltung (hexis) erlangt hat, muß man das Gefühl von Lust (hedoné) oder Unlust (lupé) nehmen, daß sich bei einzelnen Akten einstellt. Wer Sinnengenuß von sich fernhält und eben darüber Freude empfindet, der ist besonnen. Wer sich nur widerwillig überwindet, ist haltlos. [...] In den Bereichen von Lust und Unlust nämlich entfalten sich die Vorzüge des Charakters; denn (1) die Lust ist Anlaß, daß wir das Schlechte tun, der Unlust folgend unterlassen wir das Gute. [...] Daher muß schon von früher Jugend an, wie Platon sagt, eine bestimmte Führung da sein, die Lust und Unlust da empfinden lehrt, wo es am Platze ist (hois dei); denn dies ist die richtige Erziehung. [...]

(3.Kap.) [...] Nun werden aber die Menschen minderwertig durch Lust und Unlust, indem sie diese gierig erstreben oder meiden, und zwar jeweils die Arten, die man nicht soll, oder wann man es nicht soll oder wie man es nicht soll - oder wie immer die Kategorien des Verkehrten hier lauten mögen. Daher sind bei Wesensbestimmungen der sittlichen Tüchtigkeit (areté) auch schon Begriffe aufgetaucht wie "Unabhängigkeit von Lust- und Schmerzempfindung" (apatheia) oder "Stille der Seele" (éremia). Diese Definitionen sind aber nicht gut, weil sie das so einfachhin aussprechen, ohne beizufügen: "so wie man soll" oder "wie man nicht soll" oder "..dann wann man soll" und was dergleichen Zusätze mehr sind. Als Grundlage gilt uns also nunmehr der Satz: die Trefflichkeit des Charakters (areté) ist grundsätzlich abgestellt auf hochwertiges Handeln in der Auseinandersetzung mit Lust und Unlust, die Verderbtheit auf das Gegenteil.

 

Aus dem zehnten Buch:

(3. Kap.) Wenn jemand die ekelhaften Formen der Lust als Argument vorbringt, so ließe sich erwidern, (a) daß diese in Wirklichkeit gar nicht lustvoll sind. Wenn sie nämlich für verderbte Menschen eine Lust bedeuten, so muß man deswegen noch nicht annehmen, daß sie von diesen abgesehen auch sonst noch jemandem lustvoll sind, wie ja auch die Dinge, die für kranke Menschen gesund oder bitter oder süß sind, (dies nicht auch für andere sind) und wie auch kein anderer das als weiß ansieht, was einem Augenleidenden so vorkommt. (b) Oder man könnte erwidern: die Lust ist zwar wählenswert, nur darf sie keine derartiges Herkunft haben - wie auch der Reichtum wählenswert ist, aber nicht als Lohn für Verrat, und die Gesundheit, aber nicht als Folge eines wahllosen Verschlingens von Nahrung. [...]

Und weiterhin: niemand würde zu leben wünschen, wenn er mit seinem Verstand zeitlebens auf der Stufe eines Kindes verharren müßte, selbst wenn er dabei kindliche Freuden in höchstem Maße genießen könnte, noch würde er sich Vergnügen wünschen um den Preis einer höchst verabscheuenswerten Tat, selbst wenn er niemals darüber Unlust zu empfinden brauchte. Und schließlich bedeuten uns doch viele Dinge ein ernstes Anliegen, auch wenn sie uns gar keine Lust brächten, z. B. Sehen, Erinnern, Erkenntnis, der Besitz ethischer Vorzüge. Wenn aber mit diesen Werten notwendig Lustempfindungen verbunden sind, so macht das keinen Unterschied, denn wir würden sie für uns erwählen, auch wenn uns von ihnen keine Lust käme. [...]

(5. Kap) Nun ist aber das Sehen dem Tasten, Gehör und Geruch dem Geschmack an Reinheit der Funktion überlegen. Folglich sind dabei auch die Lustempfindungen überlegen und diesen wiederum ist die Lust überlegen, welche mit der Denktätigkeit (dianoia) verbunden ist, und innerhalb der beiden Arten ist die eine Form der anderen (an Reinheit) überlegen.

Für jedes Lebewesen gibt es, so darf man annehmen, eine ihm wesenseigene Lust (édoné oikeia) wie auch eine ihm eigene Leistung - jene Lust nämlich, die der ihm eigentümlichen Tätigkeit entspricht. Und wenn man die Lebewesen im einzelnen beobachtet, so tritt dies auch klar in Erscheinung: für das Pferd, den Hund, den Menschen ist die Lust je etwas anderes, wie Heraklit sagt: "Esel mögen lieber Tennenkehricht als Gold", denn Futter macht dem Esel mehr Freude als Gold. Bei Wesen, die artverschieden sind, weist also auch die Lust Artunterschiede auf, während dies, wie wir mit gutem Grund annehmen, bei artgleichen Wesen nicht der Fall ist. Die Mannigfaltigkeit aber, die hier beim Menschen zu beobachten ist, ist natürlich nicht gering: ein und dasselbe ist dem einen Freude, dem anderen Leid, ist dem einen unangenehm und hassenswert, dem anderen angenehm und liebenswert. - Auch beim Süßen ist es so: nicht ein und dasselbe wird von dem Fieberkranken und dem Gesunden als süß empfunden und nicht dasselbe als heiß von dem Zartgebauten und dem, der eine gute Konstitution hat. Und ähnliches begegnet auch sonst. - Es ist aber bekanntlich in all diesen Fällen die Auffassung des hochwertigen Menschen maßgebend.

Trifft aber dieser Satz zu, wie es den Anschein hat, und bildet in jedem Fall der ethische Wert und der ethisch hervorragende Mensch (spoudaios) als solcher den Maßstab, so ist es auch bei der Lust so: was der hervorragende Mensch (agathos) als solche empfindet, das ist Lust, und angenehm ist das, woran er seine Freude hat. Wenn aber, was ihm widerwärtig ist, von einem anderen als lustvoll empfunden wird, so ist das nicht verwunderlich, denn vielfache Zerstörung und Verderbnis geschieht an der Menschennatur. Aber wirklich lustvoll sind die(se) Objekte nicht: sie sind es nur für diese und für Menschen dieses Schlages. Nun ist klar, daß jene Lust, über deren Verwerflichkeit volle Übereinstimmüng herrscht, nicht als Lust angesprochen werden darf

(7. Kap.) Wie wir ferner annehmen, muß Glück mit Lust vermischt sein; am lustvollsten aber unter den Formen hochwertiger Tätigkeit (tón kat' aretén energeión) ist zugestandenermaßen das lebendige Wirken des philosophischen Geistes (hé kata tén sophian homologoumenós [energeia]). Jedenfalls gilt von der Philosophie, daß sie eine durch ihre Reinheit und Dauer großartige (thaumastas) Lust gewährt. [...]

Ferner gilt, daß die Tätigkeit des Geistes (theoretiké) die einzige ist, die um ihrer selbst willen geliebt wird, denn außer dem Vollzug der geistigen Schau (to theoresai) erwartet man von ihr nichts weiter, während wir vom praktischen Wirken mehr oder minder großen Gewinn noch neben bloßen Handeln haben. [...]

(8. Kap.) Es wird aber auch die Gunst der äußeren Umstände vonnöten sein, da wir Menschen sind. Denn unsere Natur ist für sich allein nicht ausreichend die geistige Schau (theorein) zu verwirklichen. Es ist auch Gesundheit des Leibes vonnöten sowie Nahrung und sonstige Pflege. Indes braucht man sich nicht vorzustellen, daß ein beträchtlicher Aufwand erforderlich ist, um glücklich zu werden, wenn es schon nicht möglich ist, ohne äußere Güter das Glück zu erreichen.

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