Sextus Empiricus

Aus: Grundriß der Pyrrhonischen Skepsis

Ü: Malte Hossenfelder

 

Erstes Buch

1. Der oberste Unterschied der Philosophien

[1] Wenn jemand eine Sache sucht, dann ist der zu erwartende Erfolg entweder ihre Entdeckung oder die Verneinung ihrer Entdeckung und das Eingeständnis ihrer Unerkennbarkeit oder die Fortdauer der Suche. [2] Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb hinsichtlich der philosophischen Forschungsgegenstände die einen behauptet haben, sie hätten das Wahre gefunden, während die anderen erklärten, es ließe sich nicht erkennen, und die dritten noch suchen. [3] Und zwar gefunden zu haben glauben die Dogmatiker im engeren Sinne, z. B. Aristoteles, Epikur, die Stoiker und einige andere. Für unerkennbar erklärten die Dinge Kleitomachos, Karneades und andere Akademiker. Die Skeptiker aber suchen noch. [4] Daher scheint es vernünftig, daß die obersten Philosophien drei sind: die dogmatische, die akademische und die skeptische.

Über die anderen nun zu reden, mag anderen zukommen. Ich will hier über die skeptische Schule sprechen, und zwar für diesmal im Grundriß. Vorher aber möchte ich bemerken, daß ich von keinem der Dinge, die ich sagen werde, mit Sicherheit behaupte, daß es sich in jedem Fall so verhalte, wie ich sage, sondern daß ich über jedes einzelne nur nach dem, was mir jetzt erscheint, erzählend berichte. [...]

 

3. Die Benennungen der Skepsis

[7] Die skeptische Schule wird auch die »suchende« genannt nach ihrer Tätigkeit im Suchen und Spähen. Sie heißt auch die »zurückhaltende« nach dem Erlebnis, das der Spähende nach der Suche an sich erfährt. Ferner wird sie die »aporetische« genannt, und zwar entweder, weil sie in allem Aporien und Fragwürdigkeiten findet, wie einige sagen, oder, weil sie kein Mittel sieht zur Zustimmung oder Verneinung. Schließlich heißt sie die »pyrrhonische«, weil uns scheint, daß Pyrrhon die Skepsis greifbarer und deutlicher angegangen ist als seine Vorläufer.

 

4. Was Skepsis ist

[8] Die Skepsis ist die Kunst, auf alle mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, von der aus wir wegen der Gleichwertigkeit der entgegengesetzten Sachen und Argumente zuerst zur Zurückhaltung, danach zur Seelenruhe gelangen. [g] »Kunst« nennen wir die Skepsis nicht in irgendeinem ausgeklügelten Sinne, sondern schlicht im Sinne von »können«. Unter »erscheinenden Dingen« verstehen wir hier die Sinnesgegenstände, weshalb wir ihnen die geistigen gegenüberstellen. [...] [10] Mit »entgegengesetzten« Argumenten meinen wir nicht unbechngt Verneinung und Bejahung, sondern schlicht »unverträgliche« Argumente. »Gleichwertigkeit« nennen wir die Gleichheit in Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit, so daß keines der unverträglichen Argumente das andere als glaubwürdiger überragt. »Zurückhaltung« ist ein Stillstehen des Verstandes, durch das wir weder etwas aufheben noch setzen. »Seelenruhe« schließlich ist die Ungestörtheit und Meeresstille der Seele. Wie aber die Seelenruhe zusammen mit der Zurückhaltung eintritt, werde ich im Kapitel über das »Ziel« darlegen. [...]

 

6. Die Prinzipien der Skepsis

[12] Das motivierende Prinzip der Skepsis nennen wir die Hoffnung auf Seelenruhe. Denn die geistig Höherstehenden unter den Menschen, beunruhigt durch die Ungleichförmigkeit in den Dingen und ratlos, welchen von ihnen man eher zustimmen solle, gelangten dahin zu untersuchen, was wahr ist in den Dingen und was falsch, um durch die Entscheidung dieser Frage Ruhe zu finden. Das Hauptbeweisprinzip der Skepsis dagegen ist, daß jedem Argument ein gleichwertiges entgegensieht. Von hier aus nämlich glauben wir schließlich dabei zu enden, daß wir nicht dogmatisieren.

 

7. Ob der Skeptiker dogmatisiert

[13] Wenn wir sagen, daß der Skeptiker nicht dogmatisiere, dann meinen wir nicht jene Bedeutung von »Dogma«, in der einige »Dogma« ganz allgemein die Billigung irgendeiner Sache nennen. Denn den vorstellungsmäßig aufgezwungenen Erlebnissen stimmt der Skeptiker zu. Wenn ihm z. B. warm oder kalt ist, so würde er nicht sagen: »Ich glaube, mir ist nicht warm bzw. kalt.« Vielmehr behaupten wir, nicht zu dogmatisieren in dem Sinne, in dem einige »Dogma« die Zustimmung zu irgendeiner der in den Wissenschaften erforschten verborgenen Sachen nennen. Denn keinem der verborgenen Dinge stimmt der Pyrrhoneer zu. [14] Er dogmatisiert jedoch auch nicht, wenn er hinsichtlich der verborgenen Dinge die skeptischen Schlagworte vorbringt, z. B. »Um nichts eher« oder »Ich bestimme nichts« oder eines der übrigen, über die ich später noch reden werde. [...]

 

8. Ob der Skeptiker eine Lehrmeinung hat

[16] Ebenso verhalten wir uns auch, wenn wir gefragt werden, ob der Skeptiker eine Lehrmeinung habe. Wenn man nämlich »Lehrmeinung« das Hängen an vielen Dogmen nennt, die untereinander und mit den Erscheinungen in logischem Zusammenhang stehen, und wenn man unter »Dogma« die Zustimmung zu einer verborgenen Sache versteht, dann behaupten wir, keine Lehrmeinung zu haben. [17] Nennt man »Lehrmeinung« aber eine Lebensform, die gemäß dem Erscheinenden einer bestimmten Lehre folgt, wobei diese Lehre verzeichnet, wie es möglich ist, daß man recht zu leben scheine (das "recht" hier nicht nur in bezug auf Tugend genommen, sondern schlichter), und wenn sich die Lehre auf die Möglichkeit zur Zurückhaltung erstreckt, dann behaupten wir, eine Lehrmeinung zu haben. Denn wir folgen einer bestimmten Lehre, die uns gemäß dem Erscheinenden ein Leben nach den väterlichen Sitten, den Gesetzen, den Lebensformen und den eigenen Erlebnissen vorzeichnet.

 

9. Ob der Skeptiker Naturlehre betreibt

[18] Ahnlich beantworten wir auch die Frage, ob der Skeptiker Naturlehre betreibe. Um nämlich mit fester Überzeugung über eines der Dogmen der Naturlehre auszusagen, betreiben wir sie nicht. Um aber jedem Argument ein gleichwertiges entgegensetzen zu können, und um der Seelenruhe willen befassen wir uns mit der Naturlehre. Im selben Sinne gehen wir auch den logischen und den ethischen Teil der sogenannten Philosophie an.

 

10. Ob die Skeptiker die Erscheinungen aufheben

[10] Diejenigen, die behaupten, die Skeptiker höben die Erscheinungen auf, scheinen mir nie gehört zu haben, was bei uns gesagt wird. Denn an den Dingen, die uns in einer erlebnismäßigen Vorstellung unwillkürlich zur Zustimmung führen, rütteln wir nicht, wie ich schon oben gesagt habe. Das aber sind die Erscheinungen. Vielmehr, wenn wir fragen, ob der zugrundeliegende Gegenstand so ist, wie er erscheint, dann geben wir zu, daß er erscheint. Wir fragen aber nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was über das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich von der Frage nach dem Erscheinenden selbst. [20] Daß uns z. B. der Honig süß zu schmecken scheint, das räumen wir ein; denn wir erhalten ja eine süße Sinnesempfindung. Ob er aber auch süß ist, im Sinne der Aussage, fragen wir, und das ist nicht das Erscheinende, sondern das über das Erscheinende Ausgesagte. Falls wir jedoch auch direkt gegen die Erscheinungen argumentieren, dann wollen wir mit der Aufstellung dieser Argumente nicht die Erscheinungen aufheben, sondern nur die Voreiligkeit der Dogmatiker aufzeigen. Denn wenn die Vernunft eine solche Betrügerin ist, daß sie uns beinahe sogar die Erscheinungen unter den Augen entreißt, wie sollen wir ihr da nicht bei den verborgenen Dingen mißtrauen, um nicht in ihrem Gefolge voreilig zu sein?

 

11. Das Kriterium der Skepsis

[21] Daß wir uns an die Erscheinungen halten, ist klar aus unseren Aussagen über das Kriterium der skeptischen Schule. »Kriterium« heißt zweierlei: einmal dasjenige, welches zur Bestätigung der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit herangezogen wird, worüber ich im polemischen Teil reden werde; sodann das Kriterium des Handelns, an das wir uns im Leben halten, wenn wir das eine tun und das andere lassen. Von diesem spreche ich hier. [22]Wir sagen nun, das Kriterium der skeptischen Schule sei das Erscheinende, wobei wir dem Sinne nach die Vorstellung so nennen; denn da sie in einem Erleiden und einem unwillkürlichen Erlebnis liegt, ist sie fraglos. Deshalb wird niemand vielleicht zweifeln, ob der zugrundeliegende Gegenstand so oder so erscheint. Ob er dagegen so ist, wie er erscheint, wird infrage gestellt. [23] Wir halten uns also an die Erscheinungen und leben undogmatisch nach der alltäglichen Lebenserfahrung, da wir gänzlich untätig nicht sein können. Diese alltägliche Lebenserfahrung scheint vierteilig zu sein und teils aus Vorzeichnung der Natur, teils aus Erlebniszwang, teils aus Überlieferung von Gesetzen und Sitten, teils aus Unterweisung in Techniken dazu bestehen. [24] Und zwar aus natürlicher Vorzeichnung, sofern wir von Natur aus die Fähigkeit besitzen, sinnlich wahrzunehmen und zu denken; aus Erlebniszwang, sofern uns Hunger zur Nahrung, Durst zum Getränk führt; aus Überlieferung von Sitten und Gesetzen, sofern wir es für das alltägliche Leben so übernehmen, daß wir die Gottesfurcht als ein Gut, die Gottlosigkeit als ein Übel betrachten; aus Unterweisung in Techniken schließlich, sofern wir nicht untätig sind in den Techniken, die wir übernehmen. Dieses alles meinen wir jedoch undogmatisch.

 

12. Was das Ziel der Skepsis ist

[25] Im Anschluß hieran wäre auch das Ziel der skeptischen Schule zu behandeln. Das »Ziel« ist dasjenige, um dessentwillen alles andere getan oder gedacht wird, es selbst dagegen um keines anderen willen, oder: das Außerste alles Erstrebten. Wir sagen nun, bis jetzt sei das Ziel des Skeptikers die Seelenruhe in den auf dogmatischem Glauben beruhenden Dingen und das maßvolle Leiden in den aufgezwungenen [26] Denn der Skeptiker begann zu philosophieren, um die Vorstellungen zu beurteilen und zu erkennen, welche wahr sind und welche falsch, damit er Ruhe finde. Dabei geriet er in den gleichwertigen Widerstreit, und weil er diesen nicht entscheiden konnte, hielt er inne. Als er aber innehielt, folgte ihm zufällig die Seelenruhe in den auf dogmatischem Glauben beruhenden Dingen. [27] Wer nämlich dogmatisch etwas für gut oder übel von Natur hält, wird fortwährend beunruhigt: Besitzt er die vermeintlichen Güter nicht, glaubt er sich von den natürlichen übeln heimgesucht und jagt nach den Gütern, wie er meint. Hat er diese erworben, gerät er in noch größere Sorgen, weil er sich wider alle Vernunft und über alles Maß aufregt und aus Furcht vor dem Umschwung alles unternimmt, um die vermeintlichen Güter nicht zu verlieren. [28] Wer jedoch hinsichtlich der natürlichen Güter oder Übel keine bestimmten Überzeugungen hegt, der ineidet oder verfolgt nichts mit Eifer, weshalb er Ruhe hat. Dem Skeptiker geschah dasselbe, was von dem Maler Apelles erzählt wird. Dieser wollte, so heißt es, beim Malen eines Pferdes dessen Schaum auf dem Gemälde nachahmen. Das sei ihm so mißlungen, daß er aufgab und den Schwamm, in dem er die Farben vom Pinsel abzuwischen pflegte, gegen das Bild schleuderte. Als dieser auftraf, habe er eine Nachahmung des Pferdeschaumes hervorgebracht. [29] Auch die Skeptiker hofften, die Seelenruhe dadurch zu erlangen, daß sie über die Ungleichförmigkeit der erscheinenden und gedachten Dinge entschieden. Da sie das nicht zu tun vermochten, hielten sie inne. Als sie aber innehielten, folgte ihnen wie zufällig die Seelenruhe wie der Schatten dem Körper. Freilich glauben wir nicht, daß der Skeptiker vollkommen unbelästigt bleibe, sondern wir sagen, daß er von den aufgezwungenen Dingen belästigt werde. Denn wir räumen ein, daß er manchmal friere und Durst habe und ähnliche Dinge erleide. [3o] Aber selbst in diesen Dingen werden die Laien von doppeltem Ungemach bedrängt: sowohl von den Empfindungserlebnissen selbst als auch nicht minder von dem Glauben, daß dieses Ungemach von Natur übel sei. Der Skeptiker dagegen räumt den beigemengten Glauben, daß jedes dieser Dinge von Natur übel sei, beiseite und kommt daher selbst in diesen Dingen mäßiger davon. Deswegen also nennen wir das Ziel des Skeptikers Seelenruhe in den auf dogmatischem Glauben beruhenden Dingen, in den aufgezwungenen dagegen maßvolles Leiden. Einige namhafte Skeptiker haben außerdem noch die Zurückhaltung in den Untersuchungen hinzugefügt.

 

13. Die Tropen der Zurückhaltung im allgemeinen

[31] Da ich sagte, die Seelenruhe folge der Zurückhaltung gegenüber allen Dingen, so ist es wohl folgerichtig, jetzt zu erörtern, wie sich die Zurückhaltung für uns ergibt. Diese entsteht also - so könnte man allgemeiner sagen - durch die Entgegensetzung der Dinge. Wir setzen dabei entweder Erscheinungen Erscheinungen oder Gedanken Gedanken oder diese einander wechselweise entgegen. [32] Z. B. Erscheinungen Erscheinungen, wenn wir sagen: »Derselbe Turm erscheint aus der Ferne rund, aus der Nähe viereckig.« Gedanken Gedanken, wenn wir demjenigen, der die Existenz einer Vorsehung aus der Ordnung der Himmelskörper beweist, entgegenhalten, daß es den Guten häufig schlecht, den Schlechten dagegen gut geht, und daraus auf die Nichtexistenz einer Vorsehung schließen. [33] Schließlich setzen wir Gedanken Erscheinungen entgegen, so wie Anaxagoras dem Weißsein des Schnees entgegensetzt, daß der Schnee gefrorenes Wasser, Wasser aber dunkel, also auch der Schnee dunkel sei. Nach einem anderen Begriff setzen wir bald Gegenwärtiges Gegenwärtigem entgegen, wie in den genannten Fällen, bald Gegenwärtiges Vergangenem oder Zukünftigem. Z. B. wenn uns jemand ein Argument vorlegt, das wir nicht entkräften können, dann entgegnen wir ihm: [34] »So, wie sich vor der Geburt des Stifters der Lehrmeinung, der du anhängst, das ihr entsprechende Argument noch nicht als richtig offenbart hatte, jedoch der Natur nach schon existierte, so ist es ebenso möglich, daß auch das Argument, das dem von dir jetzt vorgelegten entgegensteht, der Natur nach zwar schon existiert, sich uns aber noch nicht offenbart, so daß wir deinem Argument, das jetzt stichhaltig zu sein scheint, doch noch nicht zustimmen müssen.«

[35] Um nun diese Entgegensetzungen genauer hervortreten zu lassen, will ich auch die Tropen unterbreiten, aus denen die Zurückhaltung gefolgert wird, ohne allerdings über ihre Anzahl und Beweiskraft irgend etwas zu versichern; denn es ist sowohl möglich, daß sie unzulänglich, als auch, daß es mehr sind, als ich anführen werde.

 

14. Die zehn Tropen

[36] Gewöhnlich werden bei den älteren Skeptikern Tropen überliefert, aus denen die Zurückhaltung zu folgen scheint, zehn an der Zahl, die synonym auch »Argumente« und »Figuren« genannt werden. Es sind die folgenden: der erste argumentiert aus der Unterschiedlichkeit der Lebewesen, der zweite aus der Verschiedenheit der Menschen, der dritte aus der verschiedenen Beschaffenheit der Sinnesorgane, der vierte aus den Umständen, der fünfte aus den Stellungen, den Entfernungen und den Orten, der sechste aus den Beimischungen, [37] der siebente aus der Quantität und Zurichtung der Gegenstände, der achte aus der Relativität, der neunte aus dem ständigen oder seltenen Auftreten, der zehnte aus den Lebensformen, den Sitten, den Gesetzen, dem mythischen Glauben und den dogmatischen Annahmen. [...]

 

15. Die fünf Tropen

[164] Die jüngeren Skeptiker überliefern fünf Tropen der Zurückhaltung, und zwar folgende: als ersten den aus dem Widerstreit, als zweiten den des unendlichen Regresses, als dritten den aus der Relativität, als vierten den der Voraussetzung, als fünften den der Diallele. [165] Der Tropus aus dem Widerstreit besagt, daß wir über den vorgelegten Gegenstand einen unentscheidbaren Zwiespalt sowohl im Leben als auch unter den Philosophen vorfinden, dessentwegen wir unfähig sind, etwas zu wählen oder abzulehnen, und daher in die Zurückhaltung münden. [166] Mit dem Tropus des unendlichen Regresses sagen wir, daß das zur Bestätigung des fraglichen Gegenstandes Angeführte wieder einer anderen Bestätigung bedürfe und diese wiederum einer anderen und so ins Unendliche, so daß die Zurückhaltung folge, da wir nicht wissen, wo wir mit der Begründung beginnen sollen. [167] Beim Tropus aus der Relativität erscheint zwar der Gegenstand, wie oben schon gesagt, so oder so, bezogen auf die urteilende Instanz und das Mitangeschaute, wie er aber seiner Natur nach beschaffen ist, darüber halten wir uns zurück. [168] Um den Tropus aus der Voraussetzung handelt es sich, wenn die Dogmatiker, in den unendlichen Regreß geraten, mit irgend etwas beginnen, das sie nicht begründen, sondern einfach und unbewiesen durch Zugeständnis anzunehmen fordern. [169] Der Tropus der Diallele schließlich entsteht, wenn dasjenige, das den fraglichen Gegenstand stützen soll, selbst der Bestätigung durch den fraglichen Gegenstand bedarf. Da wir hier keines zur Begründung des anderen verwenden können, halten wir uns über beide zurück. [...]

 

20. Die Behauptungsunfähigkeit

[192] [...] Die Behauptungsunfähigkeit nun ist der Verzicht auf die Behauptung in der [...] Bedeutung, [...] daß die Behauptungsunfähigkeit ein Erlebnis von uns ist, dessentwegen wir erklären, daß wir weder etwas setzen noch aufheben. [193] Damit ist klar, daß wir auch die Behauptungsunfähigkeit nicht so verstehen, als ob die Dinge ihrer Natur nach so beschaffen seien, daß sie in jedem Falle Behauptungsunfähigkeit auslösten, sondern wir zeigen nur an, daß wir jetzt, da wir sie aussprechen, bei diesen fraglichen Gegenständen hier dieses erlebt haben. Auch muß man im Sinne behalten, daß wir nur von denjenigen Dingen nichts zu setzen oder aufzuheben erklären, die dogmatisch vom Verborgenen ausgesagt werden; denn den Dingen, die uns erlebnismäßig affizieren und zwangsweise zur Zustimmung führen, geben wir nach.

 

21. Das "Vielleicht", das »Es ist möglich« und das »Es kann sein«

[194] Das »Vielleicht« und »Vielleicht nicht« und »Es ist möglich« und »Es ist nicht möglich« und »Es kann sein« und »Es kann nicht sein« verwenden wir anstelle von »Vielleicht ist es so, vielleicht ist es auch nicht so« und »Es ist möglich, daß es so ist; es ist auch möglich, daß es nicht so ist« und »Es kann sein, daß es so ist; es kann auch sein, daß es nicht so ist« [...][195] Auch hier wiederum streiten wir nicht um Worte und untersuchen nicht, ob die Schlagworte nun von Natur diese Bedeutungen haben. Vielmehr verhalten wir uns, wie gesagt, in ihrem Gebrauch gleichgültig. Daß diese Schlagworte jedoch Behauptungsunfähigkeit anzeigen, ist offenbar, glaube ich. Denn wer sagt: »Vielleicht ist es so«, setzt dem Sinne nach auch das, was dem zu widerstreiten scheint, also das »Vielleicht ist es auch nicht so«, weil er darüber, daß es so ist, ja nicht bestimmt aussagt. Ebenso verhält es sich auch in den anderen Fällen.

 

22. Das »Ich halte mich zurück«

[196] Das »Ich halte mich zurück« verwenden wir anstelle von »Ich vermag nicht zu sagen, welche von den vorliegenden Gegenständen man glauben und welchem man nicht glauben soll«, und wir zeigen damit an, daß die Dinge uns hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit gleich erscheinen. Ob sie auch gleich sind, versichern wir nicht, sondern wir sagen nur, was uns über sie erscheint, wenn sie uns begegnen. Auch die »Zurückhaltung« ist benannt nach dem Zurückhalten des Verstandes, so daß er wegen der Gleichwertigkeit der fraglichen Gegenstände weder etwas setzt noch aufhebt.

 

24. Das »Alles ist unbestimmt«

[198] Auch die Unbestimmtheit ist ein Erlebnis des Verstandes, demgemäß wir von den dogmatisch erforschten, d. h. den verborgenen Dingen weder etwas aufheben noch setzen. Wenn also der Skeptiker sagt: »Alles ist unbestimmt«, so nimmt er das "ist" anstelle von »es erscheint mir«; [...]Wie ferner die Redewendung »Habe verstanden« dem Sinne nach meint: »Ich habe verstanden«, so deutet nach uns die Redewendung »Alles ist unbestimmt« zugleich ein »für mich« oder »wie mir erscheint« mit an, so daß die Wendung lautet: »Soweit ich die bei den Dogmatikern erforschten Dinge untersucht habe, erscheinen sie mir so beschaffen, daß mir keines von ihnen dem mit ihm unverträglichen in Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit überlegen zu sein scheint.«

 

25. Das "Alles ist unerkennbar"

[200] So verhalten wir uns auch, wenn wir sagen. »Alles ist unerkennbar.« Wir interpretieren das »alles« ebenso und hören das »mir« mit, so daß die Wendung lautet: »Alles, was ich von den dogmatisch erforschten verborgenen Dingen untersucht habe, erscheint mir unerkennbar«. So aber spricht, wer darüber, daß die bei den Dogmatikern erforschten Dinge ihrer Natur nach so beschaffen seien, daß sie unerkennbar sind, nichts versichert, sondern nur sein eigenes Erlebnis mitteilt, »nach dem«, so sagt er, »ich es so auffasse, daß ich persönlich bis jetzt nichts von jenen Dingen erkannt habe wegen der Gleichwertigkeit der Gegensätze«. Daher scheint mir auch alles, was zu unserer Selbstwiderlegung angeführt wird, gar nicht zu treffen, was wir mitteilen.

 

26. Das »Ich bin ohne Erkenntnis« und "Ich erkenne nicht"

[201] Auch das Schlagwort »Ich bin ohne Erkenntnis« und »Ich erkenne nicht« zeigt ein eigenes Erlebnis an, nach dem der Skeptiker für den gegenwärtigen Zeitpunkt darauf verzichtet, etwas von den erforschten verborgenen Gegenständen zu setzen oder aufzuheben, wie klar ist aus dem, was oben von mir über die anderen Schlagworte gesagt worden ist.

 

27. Das »jedem Argument steht ein gleichwertiges entgegen«

[202] Wenn wir sagen: »jedem Argument steht ein gleichwertiges entgegen«, dann meinen wir: »jedem von uns geprüften Argument« [...] »Gleichwertig« meinen wir in Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit, das »steht entgegen« nehmen wir allgemein anstelle von »ist mit ihm unverträglich« und das »wie mir erscheint" hören wir mit. 12031 Wenn ich also sage: »jedem Argument steht ein gleichwertiges entgegen«, dann sage ich dem Sinne nach: »jedem von mir untersuchten Argument, das dogmatisch etwas beweist, scheint mir ein anderes Argument entgegenzustehen, das ebenfalls dogmatisch etwas beweist und das dem ersten in Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit gleichwertig ist.« Damit ist der Ausspruch des Wortes nicht dogmatisch, sondern Mitteilung eines menschlichen Erlebnisses, und das ist etwas, was dem Erlebenden erscheint. [...]

 

28. Regeln für die skeptischen Schlagworte

[206] Für einen Grundriß wird es genügen, diese Anzahl von Schlagworten zu behandeln, zumal da es möglich ist, nach dem bisher von mir Gesagten auch über die nicht erwähnten zu reden. Bei allen skeptischen Schlagworten muß man sich vorher darüber im klaren sein, daß wir nichts über ihre unbedingte Wahrheit versichern, wo wir doch zugeben, daß sie auch sich selbst aufheben können, indem sie zusammen mit den Dingen, über die sie geäußert werden, sich selbst ausschalten, so wie die Abführmittel nicht nur die Säfte aus dem Körper treiben, sondern auch sich selbst zusammen mit den Säften abführen. [...]

 

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