Ausgewählte Fragmente der älteren Stoa

I. Allgemeines zur Stoa

Die Stoa ist neben Skepsis und Epikureismus die dritte wichtige Philosophenschule der hellenistischen Epoche. Sie hat bis weit in die römische Kaiserzeit hinein gewirkt. Der Name "Stoa" geht auf den regelmäßigen Treffpunkt ihrer Gründer, die Säulenhalle (Stoa) am Marktplatz von Athen zurück (für Athen-Kenner: Diese Stoa ist vor einigen Jahren - unübersehbar häßlich - hinter dem ansonsten ziemlich unscheinbaren Ausgrabungsgelände am Rande der Plaka wiederaufgebaut worden). Als Gründer der Stoa gelten Zenon von Kition (334-262v.Chr.) und Chrysipp (280-207v.Chr.). Beide lebten ungefähr eine bzw. zwei Generationen nach Aristoteles. Zenon von Kition (in Büchern zur Stoa oft einfach Zenon genannt) ist nicht zu verwechseln mit viel früheren Zenon von Elea (geb. um 490v.Chr.), der die Paradoxien vom fliegenden Pfeil und von Achilles und der Schildkröte erfunden hat.

Obwohl gerade Chrysipp sehr viel geschrieben hat (angeblich 700 Bücher), ist aus der ganzen älteren Stoa mit einer etwas abseitigen Ausnahme (dem "Hymnus an Zeus" eines gewissen Cleanthes) kein vollständiger Text erhalten. Wir kennen die ältere Stoa ausschließlich aus z.T. recht kurzen Fragmenten: wörtlichen Zitaten oder Referaten bei späteren, der Stoa nicht immer freundlich gesonnenen, antiken Autoren. Trotzdem erlauben die Fragmente ein recht gutes Bild über die Meinungen der Stoiker, weil sie inhaltlich in der Regel klarer sind als die ebenfalls nur fragmentarisch überlieferten Vorsokratiker.

Die Lehrmeinungen der verschiedenen Stoiker gehen nicht allzuweit auseinander (ein Experte wird natürlich immer Unterschiede finden!). Schon in der späteren Antike ist daher meist von "den Stoikern" insgesamt die Rede - und nicht von einem bestimmten stoischen Philosophen. Allerdings ist in der Entwicklung der Stoa vor allem in der römischen Kaiserzeit eine Tendenz zur ausschließlichen Betonung von Ethik bzw. Ratschlägen zur richtigen Lebensführung zu erkennen, die von Annahmen in der theoretischen Philosophie ziemlich unabhängig wirkt.

Die ältere Stoa hat dagegen auf eine stark ausgearbeitete Physik, Theologie und v.a. Logik großen Wert gelegt: Die Bedeutung der älteren Stoiker als Erfinder der Aussagenlogik als einer über Aristoteles' Syllogistik hinausgehenden Logik ist in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher geworden (Aussagenlogik ist die Logik von extrem wichtigen Strukturwörtern wie "nicht", "und", "oder" oder "wenn... dann"; Syllogistik ist dagegen, sehr grob gesagt, die Logik der Wörter "alle" und "einige"). Besonders Chrysipp ist als bedeutender Logiker einzustufen.

Ob in der von M.Pohlenz (s.u.) hochgejubelten sogenannten "mittleren Stoa" eines gewissen Panaitios oder Poseidonios (2. bzw. 1. Jhdt v. Chr.) mehr als ein historisches Bindeglied zu sehen ist, muß als offen gelten.

Auch in der römischen Zeit bleibt die Sprache der Stoa griechisch: Nicht nur der freigelassene Sklave Epiktet (55-135n.Chr.) hat griechische Vorlesungen gehalten, sondern auch der römische Kaiser Marc Aurel (121-180) ein griechisches Tagebuch geführt. Allerdings hat Seneca sich des Lateinischen bedient.

 

II. Literatur

Zur weiteren Information über die Stoa (etwa für eine Prüfung) ist das entsprechende Kapitel in Band III der Geschichte der antiken Philosophie von Giovanni Reale zu empfehlen, außerdem das entsprechende Kapitel in "Stoa, Epikureismus und Skepsis" von Malte Hossenfelder. Wichtige Detailstudien sind die "Stoische Logik" von Michael Frede und die "Stoische Ethik" von Maximilian Forschner. Wegen seiner rassistischen Grundhypothese ist ausgesprochen abzuraten von dem leider immer wieder empfohlenen und nachgedruckten zweibändigen Werk "Die Stoa - Geschichte einer geistigen Bewegung" von Max Pohlenz.

 

III. Zitierweise

Ebenso wie die Fragmente der Vorsokratiker nach der Sammlung von Diehls/Kranz (DK) zitiert werden, werden die Fragmente der Stoa nach der Sammlung "Stoicorum veterum fragmenta" (SVF) von v.Arnim zitiert. Diese (nur den griechischen Text enthaltende) Sammlung ist etwas für Spezialisten. Allerdings werden Fragmente aus der älteren Stoa grundsätzlich mit Bezug auf diese Sammlung zitiert (etwa als "SVF 2.790" = SVF, 2. Band, Fragment Nr.790). Für die stoische Logik wird auch die zweisprachige Sammlung von Hülser "Die Fragmente der Dialektik der Stoiker" (FDS) benutzt.

Für alle Bedürfnisse von Nichtspezialisten mehr als ausreichend sind die Abschnitte mit stoischen Texten in: A.A.Long / D.N. Sedley, The Hellenistic Philosophers, 2 Bde., Cambridge University Press, Cambridge 1987. Der erste Band (i.f. LS1) enthält eine englische Übersetzung mit Kommentar, der zweite (i.f. LS2) den griechischen oder lateinischen Originaltext mit Belegstelle, außerdem eine ausgezeichntete Bibliographie. Die folgenden Fragmente sind in enger Anlehung an die Übersetzung von Long und Sedley aus LS2 übersetzt. Sie geben einen (ersten) Eindruck von den wichtigsten Thesen der älteren Stoiker.

IV. Fragmente der älteren Stoiker

1. Nemesius 78,7-79,2 (SVF 1.518, teilw.), LS 1 272 / LS2 269 (C)
Er (Cleanthes) sagt außerdem:
(1) Weder leidet Unkörperliches mit einem Körper mit (sympascei),
noch ein Körper mit Unkörperlichem.
(2) Die Seele leidet aber mit dem kranken oder zerschnittenen Körper mit,
ebenso der Körper mit der Seele: wenn sie sich schämt, wird er rot;
wenn sie sich fürchtet, blaß.
(3) Ein Körper also ist die Seele.

2. Nemesius 81,6-10 (SVF 2.790, teilw.), LS 1 272 / LS2 269 (D)
Chrysipp sagt,
(1) der Tod sei die Entfernung (chôrismós) der Seele vom Körper;
(2) nichts Unkörperliches aber werde entfernt vom Körper;
(3) nichts Unkörperliches könne nämlich am Körper haften;
(4) die Seele aber hafte am Körper und entferne sich von ihm;
(5) ein Körper also sei die Seele.

3. Alexander (v. Aphrodisias), Mixt. 224,32-25,3 (SVF 2.310, teilw.), LS1 273 / LS2 271 (H)
Es mischt sich, sagen sie (die Stoiker), der Materie der Gott bei,
wobei er sie sie ganz durchdringt,
ihr Umriß und Form verleiht (scematízonta kai morphounta),
sie ordnend zur Welt macht (kosmopoiunta).

4. Diogenes Laertius 7.138-9 (SVF 2.634), LS1 284 / LS2 284 (O)
(1) Die Welt wird geleitet (dioikeisthai) vom Geist (nous) und der Vorsehung (pronoia), ... wobei jeder Teil von ihr vom Geist durchdrungen ist, so wie [jeder Teil] von uns von der Seele.
(2) Manche [Teile] aber mehr, manche weniger.
(3) Durch manches geht er als etwas, das Halt (hexis) verleiht,
so etwa durch die Knochen und Sehnen;
(4) durch manches als Geist,
so etwa durch den herrschenden Seelenteil (hegemônikón).
(5) So ist denn die ganze Welt nicht nur ein Lebewesen, sondern auch beseelt und mit Logos begabt (logikon) und hat als ihren beherrschenden Seelenteil den Äther.
[Statt nous (auch: logos, vgl. Kommentar LS1 292) findet man an vielen ähnlichen Stellen auch das Wort pneuma, (materiell gedachter) Atem, (vgl. den Rest des Stichwortes "Elements, breath..."). Die Stoiker waren trotz ihres Materialismus keine Atomisten (Kommentar LS1 193, Beleg LS1 297A). Die "Mischung" von Pneuma und "harter" Materie ist nicht ganz einfach nachzuvollziehen (ebd.); vgl. auch den Kommentar LS1 319]

5. Diogenes Laertius 7.143 (SVF 2.633, teilw.), LS1 319 / LS 2 321 (X)
Daß die Welt beseelt ist, ist deshalb klar, weil unsere Seele aus jener erzeugt ist (apospasmatos)

6. Plutarch, St.rep. 1044D (SVF 2.1163), LS1 328 / LS2 329 (O)
Im fünften Buch seines Werkes "Über die Natur" sagt (Chrysipp), daß die Wanzen gut dafür sind, uns zu wecken, daß die Mäuse uns dazu bringen, nicht alles durcheinander liegen zu lassen [...]

7. Porphyrios, Abst. 3.20.1-3 (SVF 2.1152), LS1 329 / LS2 329 (P)
Jenes war - beim Zeus - ein glaubwürdiger Gedanke Chrysipps, daß uns die Götter um unsert- und anderer willen gemacht haben, die Tiere aber um unsertwillen: die Pferde zum Mitkämpfen, die Hunde zum Mitjagen, zum Training (gymnasia) unserer Tapferkeit die Leoparden, Bären und Löwen. Das Schwein - was ja von allem Schmackhaften das Leckerste (hediston) ist - entstand zu nichts anderem als zum Geschlachtet-Werden. [...]

8. Cicero, De divinatione 1.125-6 (SVF 2.921), LS1 337 / LS2 337 (L)
[Der Stoiker Quintus Cicero, ein Bruder des Autors, legt fest:] Bestimmung (fatum) nenne ich das, was die Griechen heimarménê nennen, das ist die Ordnung und Abfolge der Ursachen, wenn Ursache mit Ursache verknüpft etwas aus sich hervorbringt. Sie ist von aller Ewigkeit her in alle Ewigkeit fließende Wahrheit. [...] Woraus man sieht, daß die Bestimmung nicht die abergläubisch, sondern die physikalisch so genannte ist.

9. Cicero, De divinatione 1.127 (SVF 2.944), LS1 338 / LS2 339 (O)
Wenn alles bestimmt ist (cum fato omnia fiant), was anderswo gezeigt wurde, und wenn ein Sterblicher die Verbindung der Ursachen von allem gedanklich erfassen könnte, könnte ihn nichts täuschen. Wer nämlich die Ursachen der zukünftigen Dinge begreift, ist sicher jemand, der alles begreift, was in der Zukunft liegt; was allerdings niemand außer Gott tun kann, so daß dem Menschen nur bleibt, daß er aus gewissen Zeichen vorhermerke, ... was kommen wird. ... Wie das Ablaufen-Lassen eines Seils, so bringt auch der Ablauf der Zeit nichts Neues...

10. Stobäus 2.85,13-86,4 (SVF 3.494), LS1 359 / LS2 356 (B)
Das Einem-Zukommende (to kathêkon) wird so definiert:
"Folgerichtigkeit im Leben (to akólouthon en tê zôê);
das, was, einmal getan, eine wohlbegründete Rechtfertigung (eúlogon apologían) hat." [...]
Dieses erstreckt auch auf die unvernünftigen Lebewesen. Auch sie verhalten sich nämlich in bezug auf ihre Natur folgerichtig.
[Der Ausdruck "to kathekon" wurde ins Deutsche oft mit "Pflicht" übersetzt!]

11. Hippolytus, Haer. 1.21 (SVF 2.975) LS1 386 / LS2 382 (A)
Sie (Zenon von Kition und Chrysipp) vertraten die durchgängige Bestimmtheit von allem (to kath' heimarménê einai panta) und erläuterten dies an folgendem Beispiel: Wenn man einen Hund an einem Karren festbindet, dann wird er, wenn er folgen will, mitgezogen und folgt, seine Eigenhandlung (to autexoúsion) mit dem Zwang (anagkê) zusammenbringend. Wenn er aber nicht folgen will, so ist er einfach dazu gezwungen. Dasselbe haben wir auch bei den Menschen: auch wenn sie nicht folgen wollen, werden sie einfach dazu gezwungen mit dem Vorbestimmten (peproménon) einherzugehen.

12. Stobäus 2.75, 11-76,8 (nicht in SVF), LS1 394 / LS 2 389
Das Ziel (telos) nannte Zenon "angemessen leben" (to homologouménôs zên). Das heißt leben nach einem einzigen (hena) zusammenstimmenden (symphonon) Grund (logos), denn die widerstreitend Lebenden sind unglücklich.
Die nach ihm Kommenden erweiterten es so: "der Natur angemessen leben" (homologouménôs tê physei zên), da sie Zenons Ausspruch für verkürzt hielten. [...] Chrysipp wollte dies noch klarer machen und faßte es so: "Leben nach der Erfahrung dessen, was naturgemäß zusammenkommt".

12. Diogenes Laertius 7.101-3, LS 1 354 / LS 2 349
Die Stoiker sagen, daß einige Dinge gut sind, andere schlecht, und wieder andere keines von beidem. Die Tugenden - Klugheit, Gerechtigkeit, Mut, Mäßigung usw. - sind gut. Die Gegenteile davon - Torheit, Ungerechtigkeit usw. - sind schlecht. Alles, was weder nützt noch schadet (ôfelei / blaptei) ist keins von beidem: z.B. Leben, Gesundheit, Lust, Schönheeit, Stärke, Reichtum, Ansehen, edle Herkunft, aber auch ihre Gegenteile: Tod, Krankheit, Schmerz, Häßlichkeit, Schwäche, Armut, schlechtes Ansehen, niedere Herkunft usw. [...] Denn diese Dinge [der ersten Sorte des Indifferenten] sind nicht gut, sondern indifferent (adiafora), und zwar von der Sorte des Bevorzugten. [...] Zu nützen und nicht zu schaden, das gehört zum Guten. Aber Reichtum oder Gesundheit nützen nicht mehr als sie schaden. Deshalb sind Reichtum und Gesundheit keine Güter. Außerdem sagen sie: das, was gut und schlecht gebraucht werden kann, ist nichts Gutes. Aber Reichtum und Gesundheit können gut und schlecht gebraucht werden. Deshalb sind Reichtum und Gesundheit keine Güter.

13. Diogenes Laertius 7.104-5, LS 1 354 / LS 2 350
[...] Indifferent werden die Dinge genannt, die weder anziehend noch abstoßend (meth' hormês, met' afhormês) wirken, etwa, eine gerade oder ungerade Anzahl Haare auf dem Kopf zu haben oder mit dem Finger zu wackeln. [...]

14. Andronicus, On passions 1 (SVF 3.391), LS 1 411 / LS 2 405
Schmerz ist ein unvernünftiges (alogon) Sich-Zusammenziehen oder die gegenwärtige Meinung, daß etwas Schlimmes da sei, woraufhin man glaubt, man müsse sich zurückziehen. Furcht ist ein unvernünftiges Schrumpfen (ekklisis) oder Flucht vor erwarteter Gefahr. Begierde ist ein unvernünftiges Sich-Ausdehnen oder Verfolgung eines erwarteten Gutes. Lust ist ein unvernünftiges Anwachsen (eparsis) oder die gegenwärtige Meinung, daß etwas Gutes da sei, woraufhin man glaubt, es sei angebracht anzuwachsen.

...und noch zwei stoische Schlagworte (z.T. schwer verständlich):

synkatáthesis: Zustimmung zu einem Sinneseindruck (vgl. Reale 222)

oikéiôsis: in einem Zustand "Zuhause-Sein"; bei Pflanzen Selbsterhaltung, bei Tieren Selbsterhaltung in Bewegung, bei Menschen rationales Tätigsein.

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